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Lili Elbe - der Maler, der zur Frau wurde

(c) Universal Pictures
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"The Danish Girl" erzählt die Geschichte der intersexuellen Malerin Lili Elbe als edlen Abendfüller - aber erschütternd mutlos.

Hollywood liebt Rechnungen, die aufgehen. Im hochriskanten Filmgeschäft ist das vielleicht sogar überlebenswichtig. Insofern ist Tom Hooper ein Geschenk: Wenn man dem Briten einen historischen Stoff in die Hand gibt, transformiert er ihn in einen edlen Abendfüller. Sein Durchbruch gelang mit der britischen Produktion „The King's Speech“: Die Geschichte der Freundschaft zwischen König George VI. und einem australischen Sprachtherapeuten wurde 2011 mit vier Oscars ausgezeichnet. Hoopers Folgeprojekt, das Musical „Les Misérables“, bekam drei. Seinem Inszenierungsstil bleibt der Brite auch bei „The Danish Girl“ treu. Wieder erzählt er eine ganz große Geschichte, einen Schmachtfetzen, durch das Prisma einer intimen Beziehung gejagt. Einar Wegener (Eddie Redmayne) und seine Frau Gerda (Alicia Vikander) leben in einer ausladenden Atelierswohnung in Kopenhagen: Beide malen, er die Landschaften seiner Kindheit, sie Magazin-Illustrationen und Porträts. Die Wegeners sind gut situiert in der dänischen Boheme der Mittzwanziger, Freigeister, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben.

 

Der Stoff der Frauen

Hooper führt gemeinsam mit seinem hochtalentierten Stammkameramann Danny Cohen über Texturen, Lichtstimmungen und Stofflichkeit ein in diese Welt, die zuweilen wirkt wie gemalt oder in Bernstein gegossen, so ideal fallen alle Schatten, so pittoresk wirkt jede Wand. Als Einar seiner Gerda durch einen Kostümfundus folgt, streicht seine Hand über die Kleider. Wenig später steckt Gerda ihn in Strumpfhose und Frauenschuhe: Er soll Modell sitzen für eine Kundin, die ihren Termin abgesagt hat. Wieder ist es das Erfühlen der Stoffe, das Gefühl, das sie auf der Haut hinterlassen, das Einar gefällt. Als Frau nennt er sich schließlich Lili Elbe: So begleitet er Gerda auf einen Künstlerball. Sie glaubt zuerst noch an ein gemeinsames Spiel, mit dem sich die Steifheit der bourgeoisen Welt genüsslich herausfordern und aufsprengen lässt. Doch Lili ist gekommen, um zu bleiben: Derjenige, der geht, ist ihr Ehemann Einar.

Eddie Redmayne und Alicia Vikander bringen ihre historischen Figuren vibrierend zum Leben. Zu vibrierend fast, denn Hoopers Bilder halten ungnädig dicht auf die schön ausgeleuchteten Leiber und Gesichter, so dass einen jedes Zittern der Oberlippe, jedes wässrige Auge anspringt. Dieselben plumpen Empathie-Ideen blähten schon „The King's Speech“ auf zu einem unmissverständlichen Film fast ohne Grautöne. In „The Danish Girl“, das bedeuten einem all die dramatischen Kunstgriffe, geht es um etwas. Und dieser Ballast engt diese spannende Geschichte ein, macht sie schwer und tendenziell uninteressant. Zum Glück sind da aber die Blicke des Begehrens, der Macht, der Liebe, der Verachtung. Blicke inszenieren kann er, dieser Tom Hooper, und so vermittelt er komplexere Emotionen: Wenn Einar in einen Spiegel blickt und sich nicht wiederfindet, wenn Gerda auf Lili blickt und Einar nicht wiederfindet – überall lauert Verunsicherung.

 

Lilis Werden, Schritt für Schritt

Maler unterwerfen die Welt ihrer eigenen künstlerischen Interpretation. In einer schönen Sequenz malt Gerda das Porträt eines stattlichen älteren Herrn, der sich gänzlich unwohl dabei fühlt, von einer Frau gesagt zu bekommen, dass er still halten soll. Sie ist emanzipiert, stark und dominant: Ihre vermutete Liebe zu anderen Frauen thematisiert Tom Hooper nicht, vielleicht, weil die Produzenten ihren Zuschauern nicht zu viele Reizthemen auf einmal zumuten wollen.

Drehbuchautorin Lucinda Coxon skizziert das schrittweise Werden von Lili Elbe mit starkem Fokus auf das Privatleben, darauf, wie das Paar mit der veränderten Wahrnehmung voneinander umgeht. „You love Einar and I have to let him go“, sagt Lili zu Gerda und meint damit, dass sie sich auf einem Weg befindet, den sie zu Ende gehen muss. Mit Zunahme der dramatischen Konsequenzen dieser Selbstwerdung verliert der Film jede Leichtigkeit: Die meisten Sequenzen steuern direkt auf leicht vermittelbare, emotionale Höhepunkte zu, auf dass die Taschentücher im Akkord aus der Hosentasche gezupft werden. Allerdings fehlt diesem Film die Intelligenz, um wirklich zu bewegen: Die Charaktere bleiben trotz des großen Schauspiels eigentümlich festgeschraubt auf die eine definierende Eigenschaft; Widersprüche könnten verwirren und sind nicht erlaubt.

Dass man sich eines progressiven Themas beherzt annimmt, heißt nicht automatisch, dass ein vorwärtsgerichteter Film herauskommt. „The Danish Girl“ ist Spießerkino par excellence: schön gespielt, schön gefilmt, bald vermutlich mit Oscars beworfen, aber erschütternd mutlos und bieder in seiner Erzählung von Lili Elbe, die versucht, verführerische, aufreizende Bewegungen von einer Stripperin in einem Erotiketablissement zu imitieren, selbst aber nie zu einer alternativen Form ihrer Sexualität finden darf – jedenfalls nicht auf der Leinwand. Stattdessen haucht sie Gerda, nachdem sie sich als erster Mensch weltweit geschlechtsangleichenden Eingriffen unterzogen hat, ein „I am entirely myself“ entgegen. Ein gutes Melodram verwendet Schminke, Pomp und Tränen, um unangenehme Wahrheiten aufzuzeigen statt zu verstecken. Versteckt hat man sie (oder sich selbst) in den meisten Fällen lang genug.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2016)