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Wie schnell heutzutage schon "tiefe Beziehungen" entstehen

Die Symphoniker bekommen einen Ersten Gastdirigenten, der ein völliger Neuling ist. Ein Ehrentitel als Starthilfe für ein junges Talent?

Verlieb dich oft, verlob dich selten, heirate nie“, ätzt Danilo in der „lustigen Witwe“. Das Bonmot hat längst seinen Zynismus verloren, wo der Zeitgeist am liebsten von Lebensabschnittspartnern spricht.

In Momenten der Zelebration wird man dennoch gern pathetisch. Eben haben die Wiener Symphoniker verkündet, dem 27-jährigen Lahav Shani zum Ersten Gastdirigenten zu machen. Shani spricht davon, sein Debüt bei den Symphonikern sei für ihn „unvergesslich“. Das Orchestermanagement versichert, die Berufung sei „Ausdruck der tiefen und fruchtbaren künstlerischen Beziehung, die sich zwischen Orchester und Dirigent seit der ersten Zusammenarbeit im Mai 2015 entwickelt hat“.

Es ist natürlich erfreulich, dass der junge Mann sein Debüt vor knapp einem halben Jahr nicht schon vergessen hat, wie auch, dass die Musiker sowohl die erstmalige Begegnung mit dem Einspringer – Shani übernahm im Konzerthaus kurzfristig Aufführungen von Tschaikowskys Fünfter und des Brahms-Violinkonzerts mit David Garrett – als auch die erste geplante Zusammenarbeit, eine Aufführung von Saint-Saens' „Karneval der Tiere“, als dermaßen „tief und fruchtbar“ empfunden haben, dass sie diesen Dirigenten sofort mittels Titelvergabe eng an sich binden.

Vielleicht hat man auch Angst, die Philharmoniker, die Shani jüngst ebenfalls als Einspringer – für Franz Welser-Möst – holten, könnten ihm aufgrund der vielwöchigen Verbundenheit das Neujahrskonzert 2017 anbieten. Jedenfalls ersetzt Shani dieser Tage im Konzerthaus Symphoniker-Chefdirigent Philippe Jordan und teilt sich mit Adrien Perruchon (32), der im Musikverein einspringt, aber keinen Titel verliehen bekommt, die folgende Symphoniker-Tournee.

Hinzugefügt sei, dass Shani sowohl bei seinem Einspringen für Philippe Jordan als auch bei jenem für Welser-Möst die Programme hat ändern lassem, um – wie in den kommenden Monaten europaweit – mit Brahms' Vierter und Mahlers Erster auszukommen. Es ist verständlich, dass ein so junger Mann nicht schon über ein breites Repertoire verfügen kann, um eventuell auch eine Schumann-Symphonie oder eine Strauss-Tondichtung, geschweige denn ein Werk von Gottfried von Einem mir nichts, dir nichts zu übernehmen.

Insofern wird die Zusammenkunft mit sämtlichen Orchestern, mit denen Shani in Hinkunft am Aufbau seines Repertoires arbeiten darf – auch die mit den Symphonikern –, „fruchtbar“ sein. Jedenfalls für ihn. Für das Publikum ist es allemal spannend, Talenten bei der Entpuppung zuzuschauen.

E-Mails an:wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2016)