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China schmelzen die Reserven weg

(c) REUTERS (ALY SONG)

China hat die größten Währungsreserven der Welt, aber sie schmelzen rasant. Das hat auch Folgen für die USA, Chinas Schuldner Nr. 1. Bald könnte die Grenze des Machbaren erreicht sein.

Wien/Peking. 3,33 Billionen Dollar sind viel Geld: 3330 Milliarden, um genau zu sein – oder umgerechnet immerhin 3050 Milliarden Euro. So groß ist der Berg an Währungsreserven, den China angehäuft hat. Kein anderes Land hat mehr Geld im Sparschwein. Es gibt aber dennoch ein Problem.

Seit dem ersten Markt-Crash im Sommer hat Peking schon mehr als eine halbe Billion, rund 513 Milliarden Dollar, im Kampf um Börsenkurse und den Wechselkurs des Yuan verbrannt. Das entspricht einem Rückgang der Währungsreserven um 13,4 Prozent binnen eines Jahres. Zum ersten Mal seit 1992 schrumpfen die Reserven.

Jetzt fragen sich die Analysten: Wie lange kann China das durchhalten? Bei den Währungsreserven handelt es sich ja keineswegs um Geld, das anderswo nicht gebraucht wird. Allein für die Finanzierung von Importen, die in ausländischer Währung bezahlt werden müssen, benötigt China viele Hunderte Milliarden. Dazu kommen Regierungsprojekte wie die „Neue Seidenstraße“ und Kredite an andere Länder, etwa Venezuela.

„Wenn man Chinas Auslandsverschuldung betrachtet, sowie die Bedürfnisse für Importe und das Management des Wechselkurses, kommt man auf eine Zahl von etwa drei Billionen Dollar, die China benötigt“, so Hao Hong, Chefstratege bei Bocom International Holdings. Von der Drei-Billionen-Marke ist man nicht mehr weit entfernt.

 

1,25 Billionen in US-Anleihen

Andere Analysten geben dem Land ein wenig mehr Spielraum: „Die Geschwindigkeit, mit der die Reserven schmelzen, ist besorgniserregend“, sagte Richard Jerran, Chefökonom der Bank of Singapur, der Nachrichtenagentur Bloomberg: „Denn es geht nicht darum, wann sie bei null angelangt sind, sondern, wann sie bei zwei Billionen sind.“ Und die Frage, wie viel Reserven China für den „Betrieb“ des Landes braucht, ist nicht allein relevant. Selbst wenn das Land noch 1,3 Billionen Dollar „verbrennen“ könnte, um seine Börsen und die Währung zu stützen, würden diese Verkäufe nicht im luftleeren Raum stattfinden.

Zwar ist die genaue Zusammensetzung der chinesischen Reserven geheim, aber laut dem US-Finanzministerium hält China mindestens 1,25 Billionen Dollar in Form von US-Staatsanleihen. Die meisten Schätzungen gehen davon aus, dass es in Wirklichkeit noch mehr ist. In jedem Fall ist China der größte Auslandsgläubiger der mit 18 Billionen Dollar verschuldeten Vereinigten Staaten – und liegt insgesamt auf Platz zwei.

Nur die US-Notenbank Federal Reserve hält noch mehr US-Staatsanleihen. Wenn China diese Schuldtitel nun abstößt, um an Liquidität zu gelangen, erschwert das die Finanzierung der US-Regierung und könnte – im Extremfall – sogar zu einer Verzögerung der Zinsanhebungen durch Federal-Reserve-Chefin Janet Yellen führen.

 

Ein schlechtes Omen

Dass die US-Börsen nach dem chinesischen Crash zu Jahresbeginn den schlechtesten Marktstart aller Zeiten hingelegt haben, erschwert die Lage zusätzlich. Und der Abverkauf dürfte noch nicht vorbei sein: Die am Sonntag geöffneten arabischen Börsen gingen weiter nach unten – ein schlechtes Omen für die kommende Woche.

China hat seine Währung seit dem Sommer sukzessive abgewertet und die Wirtschaft ist so langsam gewachsen wie seit 25 Jahren nicht mehr. Analysten sehen allerdings auch einen Silberstreif am Horizont, denn nur 99 Millionen von mehr als einer Milliarde Chinesen halten auch Aktien. Diese Diskrepanz zwischen Finanz- und Realwirtschaft sollte dabei helfen, die Auswirkungen des Börsecrashs auf die Konjunktur zumindest ein wenig abzufedern. (Ag./jil)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2016)