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Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer: den Bildungskompass

Die Ankündigung, ab September Testergebnisse von Kindergartenkindern mit Gesundheitsdaten zu speichern, wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet.

Angesichts zahlloser Bildungsexperten, die wortreich die Reformvorschläge der Regierung zerpflücken, kann man sich nur an Karl Kraus halten: „Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige.“ Der jüngste Schulkompromiss der Regierung hat Entwicklungspotenzial. Wenn bei der Suche nach einer parlamentarischen Zweidrittelmehrheit noch einengende Prozentklauseln liberalisiert werden, wird das eine Verbesserung sein. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Nicht schweigen kann man aber zu einer Idee, die bei den Verhandlungen der Regierungsparteien hinausposaunt wurde: die Absicht, in Zukunft Kinder ab dem dritten Lebensjahr kontinuierlich zu testen. Wenig überraschend kam diese Ankündigung nicht von berufener Seite, sondern von einem Genetiker. Seither wird er als „Vater des Bildungskompasses“ gefeiert. Selbst wenn wir seinem Vorschlag eine gute Absicht unterstellen, verrät er, milde gesagt, puerilen Leichtsinn. Das Vorhaben, Kinder vom 3. bis zum 18. Lebensjahr kontinuierlich testen zu wollen, ist Unfug.

Kindergartenkinder sind keine Testobjekte. Keine Wissenschaft soll ihnen die Kindheit rauben. Ein Bildungskompass, der alle Details der jugendlichen Entwicklung speichert, hat mit Kulturerwerb nichts zu tun. Das gläserne Kind als Zukunftsvision – nein danke! Nicht ohne Grund wurden in den 1970er-Jahren die Schülerbeschreibungsbögen, in denen man kleine entwicklungsbedingte „Defizite“ der Kinder jahrelang verfolgen konnte, abgeschafft.

Auch ihnen lag eine gute Absicht zugrunde. Die Praxis erwies das Gegenteil: Wenn jemand als Kind eingenässt hatte, konnte das den jungen Menschen per Schülerbeschreibungsbogen bis zur Matura verfolgen. Diesen Unsinn als Bildungskompass aufzuwärmen, ist eine Zumutung. Will man Defizite der Kinder feststellen, rede man mit den Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern. Sie kennen aus dem täglichen Umgang den Förderbedarf besser als ein Genetiker.

Kinder brauchen nicht Tests, sondern Zuwendung. Man fördert ihre Anlagen nicht mit dem Kompass in der Hand, sondern durch Ausbau von Beratungsstellen. Ein Bildungskompass, der sämtliche Testergebnisse enthalten und noch dazu mit den medizinischen Daten des Kindes verknüpfen soll, wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet – nicht zuletzt die, wer die gesammelten Daten speichert, wem sie zugänglich sein sollen und wer sie verlangen kann.

Nichts könnte den erschreckenden Paradigmenwechsel der Erziehungsdiskussion besser illustrieren als ein kurzer Rückblick. Vor 30 Jahren formulierte der Wiener Emigrant, Psychoanalytiker und Kinderpsychologe Bruno Bettelheim einen flammenden Aufruf zur Bedeutung des kindlichen Spielens. Sigmund Freud sah im Spiel eine der größten kulturellen Errungenschaften der Kinder: Durch Spiele drücken sich Kinder aus, spielend erforschen sie ihre Welt, im Spiel bewältigen sie scheinbar unlösbare Probleme. Das Spiel ist der Königsweg der Erziehung. Nur in den Augen der Erwachsenen ist es ein Zeitvertreib.

Schritt für Schritt macht es Kinder gemeinschaftsfähig. Sie reifen im Spiel, wetteifern miteinander, gewinnen oder verlieren, müssen Niederlagen verschmerzen und lernen, Regeln zu akzeptieren. Das Spiel, nicht ein Bildungskompass, ist der Baustein des Lebens.

Kluge Kritiker haben bei der Wiener medizinischen Schule „diagnostische Brillanz und therapeutischen Nihilismus“ festgestellt. Wichtig sei den Medizinern damals laut William M. Johnston die Feststellung der Krankheitsursache gewesen: Danach habe man der Natur ihren Lauf gelassen. Die Therapie stand nicht im Mittelpunkt. Diagnostische Brillanz und therapeutischer Nihilismus – der Vorwurf trifft heute jene, die mit der Lupe der Genetik die Schwächen von Kindergartenkindern testen und festhalten wollen.

Kinder brauchen keine paramilitärische Musterung, sondern Zuwendung, Vertrauen und menschliche Wärme. Man kann es auch Liebe nennen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit
Anfang 2011 ist er
Vorsitzender des Österreichischen
Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2016)