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Istanbul: Terror gegen Touristen

Abgeriegelte Altstadt nach dem Blutbad von Istanbul: Der Islamische Staat (IS) nahm in der Türkei Touristen ins Visier.
Abgeriegelte Altstadt nach dem Blutbad von Istanbul: Der Islamische Staat (IS) nahm in der Türkei Touristen ins Visier.(c) REUTERS (KEMAL ASLAN)
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Der IS tötet bei einem Selbstmordanschlag im Herzen der Altstadt mindestens neun Menschen, davon acht Deutsche. Ankara spricht von einer „neuen Dimension“ des Terrors.

Istanbul. Der Terror hat gestern das touristische Herz der türkischen Metropole Istanbul getroffen: Als sich am Dienstagvormittag eine Reisegruppe – bestehend aus Deutschen, Norwegern und Peruanern – auf dem „Pferdeplatz“ vor der Blauen Moschee versammelt, ereignet sich eine heftige Explosion.
„Ein Feuerball stieg inmitten der Gruppe auf“, schildert später ein Augenzeuge. Körperteile werden mehrere Dutzend Meter weit in den Eingangsbereich eines Museums auf der anderen Seite des Platzes geschleudert. Die schockierte Museumsleitung schließt die Tür und lässt die Besucher durch einen Hinterausgang ins Freie führen. Menschen in der Gegend hören nicht nur die Detonation, sie riechen verbranntes Fleisch.

Forensiker am Anschlagsort.
Forensiker am Anschlagsort.REUTERS

IS-Selbstmordkommando aus Syrien

Von mindestens zehn Toten – neun Touristen und dem Selbstmordattentäter – sowie 15 Verletzten ist die Rede. Die Touristen waren alle Ausländer, acht Tote sind aus Deutschland, einer stammt aus Peru. Mehrere Verletzte schweben in Lebensgefahr. Laut Präsident Recep Tayyip Erdoğan war der Attentäter ein Syrer. Der Mann sei 28 Jahre alt gewesen, sagte Regierungssprecher Numan Kurtulmuş. „Er war ein ausländisches Mitglied des IS“, bestätigt Außenminister Ahmet Davutoğlu. Laut einigen Medien war der Attentäter ein Saudi. Fest steht: Der Islamische Staat (IS) greift jetzt westliche Touristen an.
„Die Terroristen sind Feinde aller freien Menschen, ja, sie sind Feinde aller Menschlichkeit“, sagte Angela Merkel. „Genau diese Freiheit und unsere Entschlossenheit, gemeinsam mit unseren internationalen Partnern, gegen diese Terroristen vorzugehen, werden sich aber durchsetzen“, erklärte die deutsche Kanzlerin.

Für die Türkei ist es eine neue Dimension. Im Vorjahr hatten IS-Mitglieder an der syrischen Grenze und in Ankara bei Selbstmordanschlägen mehr als 130 Menschen getötet. Damals richteten sich die Gewalttaten gegen linke und kurdische Aktivisten, die vom IS als gottlos und gefährlich eingeschätzt wurden. Kurz vor dem Jahreswechsel nahm die Polizei in Ankara zwei Männer fest, die sich in der Silvesternacht in der türkischen Hauptstadt in die Luft sprengen wollten. Es machten Berichte die Runde, der IS habe ein Selbstmordteam nach Istanbul geschickt. Das Verhältnis zwischen der Türkei und extremistischen Gruppen im syrischen Bürgerkrieg rückt jetzt verstärkt in den Fokus. Diplomaten wie Ex-US-Botschafter Francis Ricciardone sprechen von einer Phase in der Anfangszeit des Krieges in Syrien ab 2011, als türkische Regierungsbeamte mit ihren Kontakten zu Islamisten geprahlt haben.

Bumerang-Effekt für Ankara

Damals hoffte Ankara, die Extremisten als Helfer im Kampf gegen Syriens Präsidenten, Bashar al-Assad, einspannen zu können. Die Türken seien sicher gewesen, diese Gruppen kontrollieren zu können, erinnert sich ein anderer westlicher Diplomat. „Jetzt fällt das auf das Land zurück“, so der regierungskritische Journalist Abdullah Bozkurt. Die Tatsache, dass Erdoğan und andere Regierungsvertreter schon kurze Zeit nach der Explosion die Identität des Täters kannten, zeige, dass der Name des Mannes offenbar auf einer Liste von mutmaßlichen Gewalttätern gestanden habe. „Irgendjemand hat versagt.“
Schon seit Jahren spielt die Türkei für den IS eine wichtige Rolle. Über die lange Landgrenze von 900 Kilometern versorgen sich Jihadisten mit Waffen, Munition und neuen Kämpfern. Westliche Regierungen kritisieren, dass die Türkei nicht energisch genug versucht, diese Nachschubwege für die Extremisten abzuschneiden. Das Militär hat nun mit dem Bau von Zäunen und Mauern an der syrischen Grenze begonnen. Davutoğlu versprach einen harten Kampf gegen den IS.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2016)