"Wie Noten aussehen, ist egal, aber es braucht sie"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Bernhard Hemetsberger hat sich in seiner Forschung mit der Geschichte der Notengebung auseinandergesetzt. Das neue Notensystem in der Neuen Mittelschule sieht er kritisch: "Ich vermute eine Wiedereinführung des ersten und zweiten Klassenzuges" aus der Zeit der Hauptschule.

Die Presse: Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit der Geschichte der Notengebung. Sind Noten für Schüler und Lehrer – also einmal abgesehen von deren Kommunikationsfunktion nach außen – eigentlich notwendig?

Bernhard Hemetsberger: Das wird manche nicht erfreuen, aber ja, es braucht Schulnoten. Irgendwie muss man ja eine Aussage darüber treffen können, ob sich der Wissensstand verändert hat.

Aber ist das für die Schüler und Lehrer wichtig? Oder eher für die Eltern und die abnehmenden Institutionen wie höhere Schulen, Universitäten und Arbeitgeber?

Schulnoten kommunizieren in beide Richtungen: Innerhalb der Schule helfen sie Lehrern und Schülern bei der Orientierung. Nach außen geben sie zumindest kleinteilige Informationen über das Unterrichtsgeschehen. Schon im 14. und 15. Jahrhundert wurde versucht, zum Beispiel mittels Prozessionen, Schulleistungen öffentlich sichtbar zu machen. Allein durch das Mitgehen der Schüler wurde ihr Status sichtbar und hervorgehoben.

Müssen es Ziffernnoten sein?

Wie Noten aussehen, ist grundsätzlich egal, solange sie anschlussfähig sind. Die Noten, wie wir sie heute kennen, gab es erstmals ab 1599 bei den Jesuiten. Auch damals waren sie mit Wörtern verbunden. 1774 kam die allgemeine Schulpflicht. Zu der Zeit schienen Ziffernnoten zu unverständlich. Es wurde wieder auf allgemeine Begrifflichkeiten wie „gut, mittel und schlecht“ zurückgegriffen. In der Gegenwart können wir eine Tendenz zur Verbalbeurteilung erkennen. Das ist aus der Geschichte heraus nicht problematisch und öfter vorgekommen. Dem Trend internationaler Anschlussfähigkeit von Leistungsbeurteilung läuft dies aber entgegen.

Inwiefern?

Wir haben in der Forschung beobachtet, dass sobald die Vergleichsgruppe der Schüler drastisch vergrößert wird, die Aussagekraft der Noten geringer wird. Wenn man von einem österreichischen Benotungssystem auf ein europäisches oder weltweites umstellte, dann würde dabei die Aussagekraft der Noten verloren gehen. Dass der Ruf nach Verbalbeurteilungen in einer Zeit, in der es immer mehr internationale Vergleichstests gibt, lauter wird, kann als Erklärung für den Wunsch nach Wiedergewinnung der Bedeutung verstanden werden.

Die Lehrer entscheiden bei der Notengebung über Bildungskarrieren. Beeinflusst sie dieser Druck bei der Beurteilung?

Das kann man nicht pauschal sagen. Lehrer sind möglicherweise verunsichert. Sie wissen einerseits, dass es bei der Notengebung natürliche psychologische Effekte wie Sympathie gibt. Andererseits fordert die Gesellschaft von ihnen, mittels strengerer Benotung, die Leistung der Schüler zu heben.

Vor allem an der Schnittstelle zwischen Volksschule und Gymnasium hört man immer wieder, dass Druck auf Lehrer ausgeübt wird, bessere Noten zu geben.

Das könnte Lehrer dazu veranlassen, zum Wohle des Kindes zu entscheiden: ,Ich will dem Kind nichts verbauen, und deswegen bin ich sehr mild.' Das ist freilich problematisch, da es die Entscheidung auf nachfolgende Institutionen verschiebt.

Sind Noten fair?

Noten bringen ein gewisses Unwohlsein mit sich, weil sie viel ausklammern müssen, was in der Schule passiert. Deshalb werden sie nicht als fair empfunden. Es braucht sie aber.

An der NMS hat man sich dazu entschieden, ein anderes Notensystem einzuführen. Dort werden zwei Skalen – grundlegend und vertiefend – unterschieden. Wie finden Sie das?

Der größte Gewinn in der Entwicklung der Hauptschule war es, dass anstatt der zwei Klassenzüge drei Leistungsgruppen eingeführt wurden. Dadurch wurde der Mittelschicht der Leistung eine eigene Gruppe gegeben. Durch das zweigliedrige Beurteilungssystem vermute ich eine Wiedereinführung des ersten und zweiten Klassenzuges. Es besteht die Möglichkeit, dass die unterschiedlichen Leistungssysteme wieder in einer neuerlichen räumlichen Trennung enden, was erste Forschungsergebnisse zeigen.

ZUR PERSON

Bernhard Hemetsberger (26) forscht an der Uni Wien zum Thema Noten und hat kürzlich ein Buch mit dem Titel „Nicht genügend . . . Setzen! Zur Geschichte der Notengebung in Österreich“ veröffentlicht. Es erschien im LIT Verlag. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2016)

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