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Istanbul: „Anschlag nicht gezielt auf Deutsche“

Deutschlands Innenminister, Thomas de Maizière, legte am Anschlagsort in Istanbul als Zeichen der Trauer rote Nelken nieder.
Deutschlands Innenminister, Thomas de Maizière, legte am Anschlagsort in Istanbul als Zeichen der Trauer rote Nelken nieder.(c) REUTERS (POOL)
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Deutschland trauert um zehn Opfer des Attentats vor der blauen Moschee. Dass gerade sie starben, dürfte ein Zufall gewesen sein − vor allem der türkische Tourismus sollte getroffen werden.

Berlin. Galt der Anschlag in Istanbul gezielt Deutschland? Oder war es ein Zufall, dass sich der Selbstmordattentäter am Dienstag inmitten einer deutschen Touristengruppe in die Luft sprengte? Spekuliert wurde etwa darüber, ob das deutsche Engagement bei Luftangriffen in Syrien damit zu tun haben könnte. Am Mittwoch standen die Zeichen aber eher auf Zufall. „Es liegen keine Anzeichen vor, dass der Anschlag gezielt gegen Deutsche gerichtet war“, sagte der deutsche Innenminister, Thomas de Maizière (CDU), der zu einem Treffen mit seinem türkischen Amtskollegen, Efkan Ala, nach Istanbul geeilt war.

Doch ob gezielt oder nicht, in Deutschland ist die Erschütterung groß. Alle zehn Todesopfer des Anschlags waren Deutsche. Sie waren mit dem Berliner Reiseveranstalter „Lebenslust Touristik“ auf einer Drei-Länder-Tour unterwegs. Nach der Türkei sollte es nach Dubai und Abu Dhabi gehen. Nach und nach wurde auch klar, um wen es sich bei den Opfern handelte.

So starben eine 70-Jährige aus Leipzig sowie ein 75-jähriger Vater und sein 51-jähriger Sohn aus Dresden. Ein 61-Jähriger und seine 59-jährige Frau aus Mainz starben ebenso wie ein 73-Jähriger aus Kreuznach. Ein 67-jähriger Mann soll aus dem mittelhessischen Stadtallendorf stammen. Aus Falkensee in Brandenburg stammt ein Ehepaar im Alter von 71 und 73 Jahren. Auch ein Urlauber aus Berlin wurde getötet. In den Bundesländern der Todesopfer wurde getrauert, Berlin beflaggte etwa alle Dienstsitze von Senat und Bezirken schwarz, und der Deutsche Bundestag gedachte in einer Plenarsitzung der Opfer.

Bald wurde aber auch schon diskutiert, wie es mit der Türkei als einem der beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen weitergehen solle. Immerhin kamen nach Angaben der türkischen Behörden allein im Vorjahr 5,5 Millionen Deutsche zum Urlaub in die Türkei. Für sie sehen die deutschen Behörden derzeit keine akute Gefahr. Innenminister de Maizière sagte, es gebe derzeit „keinen Grund, von Reisen in die Türkei abzusehen“.

 

Türkischer Tourismus leidet

Den türkischen Tourismus im Mark zu treffen, dürfte das Ziel des Anschlags gewesen sein. Immerhin hängen rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts und mehr als zwei Millionen Jobs direkt oder indirekt am Tourismus, wie Untersuchungen im Auftrag des Welttourismusverbands WTTC ergaben. Die türkische Tourismusindustrie leidet ohnehin schon wegen des Ausbleibens der russischen Gäste nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im November.

De Maizière zeigte sich in dieser Situation solidarisch mit den Türken – und kämpferisch: Man wolle vor den Terroristen nicht zurückweichen, „wir wollen unser freiheitliches Leben nicht aufgeben, und dazu gehören auch Reiseverkehr und Mobilität“. Auch das Auswärtige Amt sprach keine Reisewarnung aus. Wohl aber wird Reisenden in Istanbul und anderen Großstädten der Türkei „dringend geraten, Menschenansammlungen auch auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen zu meiden“. Doch auch ohne Reisewarnung reagierten Reiseveranstalter bereits. So bieten etwa die TUI-Gruppe, Thomas Cook oder DER Touristik kostenfreies Umbuchen von Istanbul-Reisen an.

Für die vom Selbstmordanschlag betroffene deutsche Reisegruppe ist inzwischen die psychologische Hilfe angelaufen. Seelsorger aus Deutschland und der Türkei kümmern sich um die Touristen. Für die deutschen Toten und Verletzten steht auch die Bundeswehr bereit, um sie mit Militärmaschinen zurück nach Deutschland zu bringen, wie Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen am Mittwoch angeboten hat. Der Krisenstab im Auswärtigen Amt muss dem allerdings noch zustimmen. Hilfe gibt es auch für die türkischen Behörden – das Bundeskriminalamt hat zur Unterstützung der Ermittlungen vier Beamte nach Istanbul entsandt.

 

Rote Nelken am Anschlagsort

Neben der konkreten Hilfe gab es auch symbolische Gesten. Gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten, Ahmet Davutoğlu, besuchte de Maizière am Mittwoch Verletzte. Danach legten Davutoğlu und de Maizière am Anschlagsort im Altstadtviertel Sultanahmet rote Nelken nieder. Diese gelten in der Türkei als Ausdruck der Trauer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2016)