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Konrad Lorenz, die Nazis und die Uni Salzburg

Die posthume Aberkennung des Salzburger Ehrendoktorats dürfte den großen Naturforscher hoch oben im Wissenschaftlerhimmel kaum jucken. Eine Uni, die so handelt, sollte sich nicht mit seinem Namen schmücken dürfen!

Beim Doktorat ist der Promovend um wissenschaftliche Anerkennung durch die Universität bemüht. Beim Ehrendoktorat ist es meist umgekehrt: Die Universität ist bemüht, durch die Verleihung an eine wissenschaftliche Berühmtheit mit diesem sich selbst zu schmücken.

Den großen Naturforscher Konrad Lorenz haben im Laufe der Zeit acht Universitäten wie Basel, Birmingham, Durham oder Chicago ein Ehrendoktorat verliehen. 1973 erhielt er den Nobelpreis für Medizin und Physiologie. Zehn Jahre später, 1983, verspürte als letzte auch die Universität Salzburg das Bedürfnis, mit dem Namen des Nobelpreisträgers sich selbst zu nobilitieren. Sie verlieh ein Ehrendoktorat an Lorenz, hat dieses jedoch, 25 Jahre nach seinem Tod, zuletzt wieder „aberkannt“. Auf eine solche Idee ist keine der oben genannten Universitäten gekommen – und schon gar nicht das Stockholmer Nobelpreiskomitee.

 

Hausaufgaben nicht gemacht

Die Kolleginnen und Kollegen in Salzburg haben ihre Hausaufgaben nicht ordentlich gemacht, was die Erkundung historischer Fakten betrifft – weder damals, beim Sich-Schmücken mit dem Namen Lorenz, noch jetzt, beim Sich-Distanzieren von ihm.

Es sei deshalb daran erinnert, dass in der klerikal-faschistischen Diktatur der 1930er-Jahre dem damals schon international bekannten Verhaltensforscher hierzulande jede berufliche Entfaltung verwehrt wurde; mit der gleichen Begründung, mit der man Lorenz in Österreich nach 1948 in seiner wissenschaftlichen Laufbahn blockierte.

Obwohl ihn die Universität Graz einstimmig an den dortigen Zoologielehrstuhl berufen wollte, kam die kategorische Ablehnung vom damaligen Unterrichtsminister, Felix Hurdes. Es klingt skurril, ist aber wahr: weil Konrad Lorenz zu Darwins Evolutionslehre stand. Sogar seine Bewerbung für die Direktorstelle des Tiergartens Schönbrunn wurde abgeschmettert!

Zurück ins Jahr 1938. Lorenz sah seine weitere berufliche Existenz nunmehr im „Altreich“, was freilich ohne eine Mitgliedschaft bei der NSDAP kaum eine Chance hatte. Also bewarb er sich mit einer in der Tat grauslichen Anbiederung an die Nazis. Sie hätte im Wortlaut den ihn später ehren wollenden Institutionen (siehe oben) genauso bekannt gewesen sein müssen wie die von Lorenz danach wiederholt erfolgte öffentliche Entschuldigung und Distanzierung von seiner seinerzeitigen verbalen Entgleisung.

Einzig der Salzburger Universität scheint das entgangen zu sein, wenn sie jetzt in einem erbärmlichen Rechtfertigungsversuch unterstellt, der Nobelpreisträger hätte sein Salzburger Ehrendoktorat „erschlichen“. Konrad Lorenz hat seinerzeit zwar die Mitgliedschaft bei der NSDAP beantragt, aber weder einen Parteiausweis erhalten noch jemals Beiträge gezahlt. Für die Nazi-Führung war er zu sehr Wissenschaftler und zu wenig brauchbar.

 

Auf keiner Nazi-Liste

1940 wurde Konrad Lorenz nach Königsberg auf jenen Lehrstuhl für Psychologie berufen, den einst der größte deutsche Philosoph, Immanuel Kant, innehatte. Aus der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion kam Lorenz 1948 heim. Die zuständige Behörde in Niederösterreich hat bescheinigt, dass er auf keiner Nazi-Liste verzeichnet war. Sogar sein Forscherkollege Niko Tinbergen, Widerstandskämpfer in Holland und von den Nazis interniert, hat nach 1945 die Integrität von Lorenz betont. Es begann ein Wettrennen zwischen der britischen Universität Bristol und der deutschen Max-Planck-Gesellschaft um den bekannten Verhaltensforscher. „Die Presse“ meldete am 15. November 1950 auf der Titelseite: „Neuer Verlust für Österreichs Wissenschaft“, als Lorenz dem Ruf nach Deutschland folgte.

Er bekam dort ad personam ein großes Forschungsinstitut mit einer Professur. Am 8. Dezember 1950 kam der Fall im Nationalrat zur Sprache, und es sei hier exemplarisch an die brillant-süffisante Wortmeldung des kommunistischen Abgeordneten Ernst Fischer erinnert: „Sein Fach, die Tierphysiologie, ist in vatikanischen Kreisen nicht allzu beliebt, da man Tieren keine Psyche, keine Seele zugesteht und weil außerdem das mitunter sehr menschenähnliche Verhalten von Tieren dort Ärgernis erregt (. . .) Die Ausrede für dieses skandalöse Verhalten gegenüber einem großen Gelehrten ist: Er war ein kleiner Nazi. Offenbar hätte seine Chance besser ausgeschaut, wenn er ein großer Nazi und ein kleiner Gelehrter gewesen wäre.“

 

Der dunkle Fleck

Konrad Lorenz war kein Nazi, aber er hat sich des Nazi-Vokabulars bedient und dabei nebstbei auch sich selbst belogen. Dieser dunkle Fleck in seiner Biografie ist nicht zu beschönigen. Wirft man allerdings in die linke Schale einer Waage seine damalige verbal-opportunistische Nazi-Anbiederung und in die rechte Schale alles das, was er später in Wort und Schrift für die Humanitas geleistet hat, kippt die Waage sichtbar zugunsten des großen Naturforschers.

Zum großen Humanisten und Umweltschützer hat sich Lorenz, erst im Alter entfaltet. Der Bogen spannt sich von seinen schonungslos mutigen Analysen, was die „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ (1971) und den „Abbau des Menschlichen“ (1983) betrifft, bis zu seiner hochaktiven Rolle als Leitgestalt im Kampf gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf (1979) und das Donaukraftwerk Hainburg (1984). Dass Österreich das einzige Land der Welt ist mit einem fertiggestellten AKW, dessen Inbetriebnahme jedoch gesetzlich verboten wurde, und einem Flusskraftwerk, dessen Bau gestoppt werden konnte, verdanken wir nicht zuletzt Konrad Lorenz.

 

Zwei paar Schuhe

Das wissenschaftliche Lebenswerk des großen Naturforschers war damals schon abgerundet und mit dem Nobelpreis gekrönt. Lorenz war unter anderem Begründer der Verhaltensforschung und der Evolutionären Erkenntnislehre; er entdeckte die Prägung, beschrieb das Kindchenschema, formulierte den Instinktbegriff neu und erklärte das Phänomen Aggression.

Mit der „Verhausschweinung“ des Menschen hat er biologische Phänomene seiner Zeit leider opportunistisch in der Nazi-Diktion formuliert, was schlimm genug ist. Aber politische Verfehlungen dieser Art, die im Kontext der jeweiligen Zeit zu beurteilen sind, und wissenschaftliche oder künstlerische Leistungen als zeitlose Universalwerte sind zwei Paar Schuhe.

Oder sollte etwa jetzt der nach dem NSDAP-Mitglied Herbert von Karajan benannte Platz vor der Wiener Staatsoper umbenannt werden? Darf der ORF nicht mehr die „Feuerzangenbowle“ senden, weil Heinz Rühmann für seine Karriere in der Nazi-Zeit seine „halbjüdische“ Frau geopfert hat, indem er sich von ihr scheiden ließ?

Konrad Lorenz, seit nunmehr einem Vierteljahrhundert im Wissenschaftlerhimmel, dürfte es kaum jucken, dass ihm jetzt das Salzburger Ehrendoktorat posthum aberkannt wurde. Eine Universität, die so handelt, sollte sich in der Tat nicht mehr mit seinem berühmten Namen schmücken dürfen!

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



em. Univ.-Prof. Antal Festetics
(geboren 1937 in Budapest) flüchtete 1956 nach Österreich und studierte Zoologie in Wien. Zu seinen Lehrern gehörte auch Konrad Lorenz, über den er 1983 eine Biografie veröffentlichte. 1972 bis 2005 Professor an der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Uni Göttingen. Ab 1981 Honrarprofessor an der Uni Wien. Zahlreiche Auszeichnungen. [ Archiv ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2016)