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Vienna Autoshow: Es ist nicht alles Blech, was glänzt

Nein, der hat keinen Defekt. Das Inspizieren des Motorraums gehört lediglich zum Handwerk des Automessebesuchers, zumal bei einem 500-PS-Alfa wie dieser Giulia.
Nein, der hat keinen Defekt. Das Inspizieren des Motorraums gehört lediglich zum Handwerk des Automessebesuchers, zumal bei einem 500-PS-Alfa wie dieser Giulia.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Während Herr und Frau Österreicher auf Autoschau gehen, rollen wir das alte Jahr im Retourgang auf.

Verlässlich trifft sie am ersten Publikumstag der Vienna Autoshow (bis 17. Jänner) gegen Mittag ein: die Verkehrsmeldung von ausgedehnten Staus rund um das Messegelände in Wien-Leopoldstadt.

Dass die U-Bahn-Station nur etwa fünf Wagenlängen vom Eingang in die Hallen entfernt liegt, zeigt offenbar wenig Wirkung: Zur großen Schau der Kutschen reist man am liebsten mit der eigenen an. Motto: Was drinnen die Autos auf dem Fleck stehen, bringt man auch draußen zu Wege.

Schön kompakt auf zwei Messehallen verteilt, präsentiert sich die Show wie gewohnt pragmatisch – hier wird nicht etwa die automobile Zukunft in Form hochfliegender Prototypen und Studien gezeigt, sondern das aktuelle, jedenfalls in Kürze bei den Händlern erhältliche Sortiment. Weltpremieren wie die neue Mercedes E-Klasse sind unverändert etwas weiter westlich, bei der gleichzeitig stattfindenden Autoshow in Detroit, USA, zu finden. Immerhin gesellte sich zu den drei Europapremieren (Range Rover Evoque Cabrio, Mini Cabrio, Seat Ibiza Cupra) aber in letzter Minute noch eine vierte: Audi enthüllte den A4 Allroad erstmalig in Wien.

 

Grob überblickt

Bis auf die Marke Volvo, die fernbleibt, zeigt sich damit die annähernd komplette Neuwagenlandschaft: Auf diese Marken und Modelle werden sich die Zulassungen 2016 im Wesentlichen verteilen, für einen groben Überblick mit Gehen, Schauen und gelegentlichem Probesitzen und Kofferraumbegutachten wären zwei bis drei Stunden einzuplanen.

Wie das vergangene Jahr lief, das bilanzierte die Statistik Austria zu Beginn der Messe. Nach Vorbild von Douglas Adams' „Per Anhalter durch die Galaxis“ könnte man verkürzen auf: nicht schlecht. Ein zartes Plus von 1,7 Prozent zum Jahr davor schmückt die Pkw-Neuzulassungen 2015, gesamt machen sie 308.555 Stück aus.

Aus dem umfangreichen Zahlenmaterial fielen uns drei doch markante Zahlen ins Auge, sozusagen als Untermauerung absehbarer oder sichtbarer Entwicklungen. Nummer eins: Die Menschen, die sich ein neues Auto leisten können, werden immer älter. Kontinuierlich nimmt der Anteil der größten Gruppe, der über 50-Jährigen, zu, wie auch jener der über 60- und 70-Jährigen, während er bei den Jüngeren in ungefähr gleichem Maße abnimmt.

 

Immer rüstiger

Das ist beileibe keine neue oder unvorhergesehene Entwicklung, die mit Ausnahme dynamisch wachsender Märkte in Asien globale Gültigkeit hat, und stellt die Motivation der Hersteller dar, Autos mit möglichst weitreichenden Assistenzsystemen auszurüsten, bis hin zum angestrebten Autonomobil, dem kein schlecht sehender, spät reagierender oder unaufmerksamer Fahrer mehr ins Handwerk pfuschen kann.

Nummer zwei: Autos werden tendenziell stärker. Die Segmente bis 125 PS und bis 170 PS verzeichnen den stärksten Schub bei den Zulassungen, darunter bleibt es gleich oder verläuft rückläufig. Auch in der Klasse ab 171 PS geht es stetig bergauf.

Nur die Statistik wiederum kann behaupten, dass zeitgleich der CO2-Ausstoß sinkt, denn sie orientiert sich an den mittlerweile anerkannt realitätsfernen Werten aus dem Labor nach NEFZ-Methode. Dass Neuwagen mit Dieselmotor im Schnitt heute 4,8 Liter auf 100 km verbrauchen, ist eine Errungenschaft, die es leider nur auf dem Papier, nicht aber auf der Straße gibt. Gut, dass man die Realität nicht noch mit Schadstoffwerten (vorrangig NOx) aus dieser Quelle strapaziert, denn der Dieselanteil im Land steigt unverdrossen an. Ist auch kein Mirakel bei einer Politik, die ihn nach Kräften fördert.

Nummer drei: Neuwagen werden zunehmend als Firmenauto genossen. Nie war der Anteil gewerblicher Zulassungsbesitzer höher als 2015, er beträgt 64,7 Prozent gegenüber 51,6 Prozent 2010 oder 48,6 Prozent im Jahr 2006.

Bei den Modellen führt unverändert der VW Golf die Charts an, und zwar mit solidem Vorsprung auf die Nummer zwei, den Skoda Octavia. Besonders bemerkenswert ist aber der Erfolg der Marke Tesla, die mit einem einzigen Modell 492 Autos abgesetzt hat – dem vollelektrischen Model S.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2016)