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Indonesien: Terror im muslimischen Riesenreich

Angreifer der Terrormiliz IS und Polizisten lieferten einander in Indonesiens Hauptstadt Jakarta stundenlang Gefechte.
Angreifer der Terrormiliz IS und Polizisten lieferten einander in Indonesiens Hauptstadt Jakarta stundenlang Gefechte.(c) APA/AFP/XINHUA
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Mit seinen 250 Millionen Einwohnern gilt der aufstrebende islamische Inselstaat als vergleichsweise moderat. Doch nun geht die Angst vor einer neuen Welle der IS-Gewalt um.

Bangkok/Jakarta. Eine Explosion reißt die Menschen im kommerziellen Zentrum von Jakarta am Donnerstagmorgen plötzlich aus ihrer Routine. Es bricht Panik aus: Auf Aufnahmen von Überwachungskameras ist zu sehen, wie viele Passanten auf der Jalan Thamrin, der Hauptverkehrsader in der Innenstadt Jakartas, davonrennen. Es folgen mindestens fünf weitere Explosionen. Dann fallen in der Umgebung an mehreren Stellen Schüsse.

Eine Gruppe von Attentätern versetzt an diesem Morgen viele Menschen in Jakartas Innenstadt in Todesangst. Ein Polizeisprecher wird später erklären, die Angreifer seien dem "Beispiel der Pariser Anschläge" gefolgt. Zwei der Attentäter sprengen sich vor einem Starbucks-Café in die Luft. Ein weiterer Angreifer wirft eine kleine Bombe oder Handgranate in einen Polizeiposten an der nahe gelegenen Kreuzung. Fotos zeigen einen jungen Mann, wie er, bewaffnet mit einem Gewehr, die Straße hinabläuft, auf Polizisten feuert und in der Menschenmenge nach weiteren Opfern sucht.

 

Österreicher unter Verletzten

Es folgt stundenlanges Chaos. Die Polizei riegelt das gesamte Viertel ab. Lokale Medien berichten, einige der Angreifer hätten sich in der Sarinah-Shoppingmall verschanzt. Sie liegt neben dem Gebäude, in dem sich das angegriffene Café befindet. Mitglieder einer Spezialeinheit stellen die verbliebenen Attentäter und erschießen sie nach stundenlangen Schusswechseln. Sieben Menschen sterben an diesem Tag: ein Kanadier und ein Indonesier und fünf Angreifer. Etwa 20 Menschen werden verletzt, unter ihnen auch ein Auslandsösterreicher. Der Geschäftsmann erleidet nach Angaben des Außenministeriums eine Verletzung am Unterarm und muss operiert werden.

Ein lokaler Nachrichtensender berichtet, an der Terrorattacke könnten bis zu 14 Bewaffnete beteiligt gewesen sein. Zwei seien lebend gefasst worden.

Die Angreifer haben sich für den Ort ihres Anschlags das Nervenzentrum des modernen Indonesien ausgesucht: Die Jalan Thamrin ist gesäumt von Bürotürmen, Shoppingmalls und Fünfsternehotels. Ganz in der Nähe liegen zahlreiche Botschaften und das große UN-Gebäude der Stadt. Die Mitarbeiter der Vereinten Nationen müssen sich dort an diesem Vormittag stundenlang verschanzen, bis die Polizei Entwarnung gibt. Während sich andere Polizeivertreter noch zurückhalten, erklärt Jakartas Polizeichef, Tito Karnavian, der Islamische Staat stehe definitiv hinter der Tat. Was wie eine Vermutung klingt, bestätigt die Organisation kurze Zeit später selbst: Über ihren „Nachrichtendienst“ Aamaaq bekennt sich der IS zu der Terrorattacke.

Tatsächlich hätten die indonesischen Behörden bereits im November eine bizarre Drohung erhalten, wonach IS-Kämpfer in Jakarta ein „Konzert“ veranstalten würden, erklärte die Polizei am Donnerstag. Seitdem haben Sondereinheiten bei mehreren Razzien Waffen und Materialien zum Bombenbau beschlagnahmt. Nach Geheimdienstberichten über mögliche Anschläge zum Jahreswechsel wurden die Sicherheitsvorkehrungen deutlich erhöht.

Für viele Indonesier kam die Terrorattacke vom Donnerstag überraschend. Nach zahlreichen schweren Anschlägen in den 2000er-Jahren war es in den vergangenen Jahren relativ ruhig geworden. Den letzten großen Terroranschlag erlebte Indonesien 2009, als sich zwei Selbstmordattentäter in Luxushotels in Jakarta in die Luft sprengten und sieben Menschen töteten. Experten befürchten, dass Indonesien nun eine neue IS-inspirierte Terrorwelle droht.

Etwa 500 Indonesier sind nach Syrien gegangen, um für die Terrormiliz zu kämpfen. Indonesien, das bevölkerungsreichste muslimische Land der Welt, hat rund 250 Millionen Einwohner. Der überwältigende Teil der indonesischen Muslime ist moderat und weltoffen eingestellt. Aus dem mit elf Millionen Einwohnern vergleichsweise winzigen Belgien sollen ebenso viele IS-Sympathisanten nach Syrien gegangen sein. Nichtsdestoweniger sind einige indonesische IS-Kämpfer bereits in IS-Videos aufgetaucht – mit dem Ziel, weitere indonesische Kämpfer zu rekrutieren.

 

Radikale schienen ausgemerzt

Indonesiens Terrorgruppen, die zwischen 2000 und 2010 Angst verbreitet haben, gelten als geschwächt oder zerschlagen. Seit 2009 hat der indonesische Staat mit Unterstützung der USA bei zahlreichen Anti-Terror-Operationen Hunderte mutmaßliche Mitglieder militanter Gruppen festgenommen oder getötet. Die Operationen, die wegen ihrer großen Brutalität gelegentlich in der Kritik standen, bewerten Experten als erfolgreich. Selbst die transnationale Jemaah Islamiyah, die für die schweren Bali-Anschläge 2002 verantwortlich sein soll, gilt als geschlagen.

Die Erfolge dieser Operationen sind nun jedoch gefährdet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2016)