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Will der IS ein „fernes Kalifat“ in Asien errichten?

(c) APA/AFP/JUNI KRISWANTO
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Der Islamische Staat gewinnt Anhänger in ganz Asien. Südostasien aber ist laut Experten besonders gefährdet. Singapurs Staatschef warnte, die Terrormiliz plane in der Region eine Provinz unter ihrer Kontrolle.

Wien. Asien fühlt sich bedroht. Denn die Terrormiliz Islamischer Staat zieht auch abseits ihrer Hochburgen in Syrien und im Irak Sunniten des Kontinents in ihren Bann. Rund 1000 Kämpfer aus Zentral-, Süd- und Südostasien sind bis Februar 2015 für den IS in den Krieg gezogen, schreibt der Terrorismusforscher Ahmed Hashim in einem Bericht. So droht der IS den radikalislamischen Taliban den Rang abzulaufen; fürchtet Indien einen Einfluss des IS auf die 172 Millionen Muslime im Land; lockt radikale Kämpfer aus Zentralasien nicht mehr der Jihad in Afghanistan oder Pakistan, sondern in Syrien; folgen radikalisierte Uiguren, Angehörige der muslimischen Minderheit Chinas, dem Ruf des Kalifats in den Nahen Osten.

Weitaus mehr Sorgen macht Sicherheitsexperten derzeit das Erstarken des IS in Südostasien. Bereits zur Jahrtausendwende ließen die verheerenden Anschläge von Jemaah Islamiyah (JI) – die al-Qaida-nahe Terrormiliz war etwa für mehr als 200 Tote bei einem Bombenanschlag 2002 auf Bali verantwortlich – Beobachter von Südostasien als der „zweiten Front“ im Kampf gegen den globalen Terror sprechen.

Als „Hauptrekrutierungszentrum“ des IS bezeichnete Singapurs Premier, Lee Hsien Loong, Südostasien. Die Region beheimatet rund 15 Prozent der 1,6 Milliarden Muslime weltweit. Aus Indonesien sind nach offiziellen Angaben bisher rund 500 Extremisten in den Kampf gezogen. Zum Vergleich: Das größte Kontingent ausländischer IS-Kämpfer stammt mit etwa 3000 Mann aus Tunesien. Die mehr als 100 malaysischen IS-Kämpfer haben eine eigene Kampfeinheit, Katibah Nusantara, gegründet. Erst Anfang Jänner hatten zwei Mitglieder bei Bombenattentaten in Syrien und im Irak 30 Menschen in den Tod gerissen.

 

Gefahr der Rückkehrer

Weitaus mehr als die Verbrechen der IS-Anhänger im Ausland fürchten Staatschefs den Einfluss von Syrien-Rückkehrern in ihre Heimat. Auch Terrorexperte Hashim warnt, dass Kampferprobte ihre Expertise an lokale Terrorgruppen weitergeben könnten. Bereits im vergangenen Mai berichtete Singapurs Premier bei einer Sicherheitskonferenz asiatischer Regierungschefs von Plänen des IS, in Südostasien eine Provinz zu errichten. „Es ist nicht weit hergeholt, dass der IS eine Basis unter seiner physischen Kontrolle wie im Irak oder Syrien etablieren könnte“, sagte Lee.

In einem Kommentar für die singapurische Zeitung „The Straits Times“ konkretisiert der Terrorexperte Rohan Gunaratna diese Befürchtungen. Der IS sei entschlossen, heuer zumindest eine Provinz in Asien zu gründen – mit weitreichenden Konsequenzen für Stabilität und Wohlstand in Asien. Der wahrscheinlichste Stützpunkt für einen asiatischen IS-Ableger seien die Philippinen, meint Gunaratna. Zahlreiche lokale Terrorgruppen haben dem selbst ernannten Kalifen des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, ihre Treue geschworen und einen eigenen Führer für den sogenannten Islamischen Staat auf den Philippinen bestimmt.

Australiens Generalstaatsanwalt, George Brandis, hingegen warnte vor einem „fernen Kalifat“ des IS in Indonesien. Hashim warnt jedoch, den Einfluss des IS in Südostasien zu übertreiben. Man dürfe die Sicherheitsexpertise der Regierungen nicht außer Acht lassen: Sie hätten im Kampf gegen den Terrorismus dazugelernt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2016)