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Die gefährliche Verlockung des niedrigen Ölpreises

(c) Bloomberg (Eddie Seal)
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Der Preisverfall straft jene Lügen, die vom baldigen Ende des Ölzeitalters faseln. Nur weil es genug Öl gibt, sollte es aber nicht auch verbrannt werden.

Er steht quasi symbolhaft für die aktuelle Stimmung in der globalen Autoindustrie – der auf der Messe in Detroit vorgestellte Ford Raptor. Der an einen Lkw amerikanischer Bauart erinnernde Pick-up ist nicht nur das Topmodell des in den USA meistverkauften Autos, er bringt auch gut dreieinhalb Tonnen auf die Waage und hat rund 500 Pferdestärken unter der Haube. Genaue Verbrauchswerte sind noch nicht bekannt, aber selbst bei äußerst sparsamer Fahrweise dürfte er wohl kaum mit weniger als 15 Litern Benzin auf hundert Kilometern bewegt werden können.

Noch vor wenigen Jahren wäre so ein Auto undenkbar gewesen. Bei Ölpreisen von weit über 100 Dollar je Fass waren selbst in den USA plötzlich benzinsparende Hybridmodelle mit europäischen Abmessungen en vogue. Doch diese Zeit ist wieder vorbei. Der gefallene Ölpreis findet in den Entwicklungsabteilungen der Autokonzerne schnell Widerhall. So wie in der ersten Phase des SUV- und Pick-up-Booms, der durch das billige Öl rund um die Jahrtausendwende ausgelöst wurde.

Aber nicht nur der Verkehrssektor wird durch den Preisverfall beim schwarzen Gold kräftig beeinflusst. Auch für die restliche Wirtschaft sind sinkende Energiepreise ein wichtiger Faktor. Natürlich ist die Bedeutung lang nicht mehr so hoch, wie noch vor 20 Jahren. Und es gibt sogar negative Auswirkungen, wie die sinkende Kaufkraft in erdölexportierenden Ländern, die als Käufer westlicher Maschinen oder Autos zuletzt immer bedeutsamer wurden. Im Grunde ist Öl aber weiterhin das Schmiermittel der Weltwirtschaft. Und wenn Transporte und Produktion billiger werden, dann ist das ein Vorteil.

Interessant ist in diesem Zusammenhang der Grund für den Preisverfall. So ist es nicht etwa die globale Nachfrage nach Öl, die sinkt. Nein, sie steigt stetig an und wird durch die sinkenden Preise sogar befeuert. Es ist vielmehr das zu hohe Angebot. Dafür ist nicht zuletzt der unerwartete Fracking-Boom in den USA verantwortlich, der die politische Supermacht auch bei Energiefragen wieder in die erste Reihe katapultiert hat. Und auch wenn es viele in der europäischen Anti-Fracking-Bewegung nicht gern wahrhaben wollen: Wie sich zeigt, produzieren die US-Firmen auch bei Preisen von 30 Dollar immer noch rentabel. Eine Zeit lang dürfte Öl also in rauen Mengen verfügbar – und somit auch billig bleiben.

Diese Realität straft nicht zuletzt den Club of Rome und seine Apologeten des Peak Oil endgültig Lügen. Diese verschieben ja seit Jahrzehnten das Ende des Ölzeitalters regelmäßig um ein paar Jahre in die Zukunft. Getankt werden die Autos jedoch weiterhin mit Benzin oder Diesel.


Das billige Öl ist somit ein erfreulicher Anschub für eine globale Wirtschaft, die schon seit Jahren vergeblich nach Schwung sucht. Dennoch birgt es auch eine große Gefahr – nämlich die Versuchung, mehr davon zu verbrennen, als der Erde guttun würde. Denn während die meisten Energieexperten schon immer der Meinung waren, dass der Peak Oil noch weit in der Zukunft liegt und daher keine reale Gefahr ist, gibt es unter ihnen kaum einen, der das Problem des CO2-Ausstoßes beim Verbrennen ebendieses Öls sowie dessen Einfluss auf eine langfristige Entwicklung des globalen Klimas negiert.

Und eines ist in diesem Zusammenhang klar: Wenn die Klimaziele, die erst jüngst bei der Konferenz von Paris bekräftigt worden sind, ernst genommen werden sollen, dann darf man nicht einmal ansatzweise so viel Öl verbrennen, wie bereits an gesicherten Ressourcen bekannt ist. Denn dann würde fünfmal so viel CO2 in die Atmosphäre geblasen werden, wie für die Einhaltung des Ziels einer Erwärmung um maximal zwei Grad akzeptabel ist.

Billiges Öl birgt nun aber die Gefahr, dass ineffiziente Technologien (Stichwort: 15 Liter auf 100 Kilometern) noch lang in Verwendung bleiben und die notwendige Forschung bei Alternativen vernachlässigt wird. Man kann es beinahe mit einer biblischen Analogie sehen: Der Mensch wird den süßen Früchten, die so verlockend sind, widerstehen müssen, um eine Vertreibung aus dem Paradies einer klimatisch bekannten Welt verhindern zu können.

E-Mails an: jakob.zirm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2016)