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PKK-Chef: "Wir lassen uns nicht zur Schlachtbank führen"

Cemil Bayık und Wieland Schneider
Cemil Bayık und Wieland SchneiderPKK
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Kurdenführer Cemil Bayık vergleicht Erdoğan mit Assad, kritisiert die Nato-Militärhilfe für die Türkei und fordert Druck der EU, um den Krieg zu stoppen.

In engen Kurven schlängelt sich die Straße zwischen den Felsen hindurch. Dann wird der Blick frei auf ein schneebedecktes Gebirgsmassiv. Davor erheben sich schroffe, dunkelbraune Abhänge. Auf einem von ihnen prangt ein gewaltiges gemaltes Bildnis des Kurdenführers Abdullah Öçalan. Hier, in den nordirakischen Qandil-Bergen an der Grenze zum Iran, beginnt das Territorium seiner Guerillaorganisation PKK.

Der ideologische Anführer der PKK sitzt seit 1999 in türkischer Haft. 2013 rief Öcalan im Gefängnis zum Waffenstillstand auf. Doch mittlerweile liegt der Friedensprozess, der den jahrzehntelangen Krieg zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Untergrundorganisation PKK beenden sollte, in Scherben. Die türkische Regierung versucht, die PKK mit einer Militäroffensive zu zerschlagen. Immer wieder fliegen türkische Kampfflugzeuge Luftangriffe gegen die PKK-Rückzugsgebiete in den Qandil-Bergen.

Handy und Laptop eingezogen

„Sie kommen etwa zwei Mal pro Woche und werfen Bomben ab. Das kann dann bis zu sechs Stunden dauern“, sagt ein junger PKK-Kämpfer. Er schiebt ein paar Holzscheite in den alten Ofen. In einer Ecke des kleinen Hauses lehnen eine Kalaschnikow und ein älteres amerikanisches M-16-Sturmgewehr. An den grauen Wänden hängen Poster mit den Fotos getöteter PKK-Kämpfer. Die Männer trinken Tee, um sich aufzuwärmen, bevor sie wieder ihre Posten draußen im Gelände beziehen. Das Gebäude ist die erste Station auf dem Weg weiter hinein ins Gebiet der kurdischen Untergrundkämpfer. Dort – irgendwo an einem geheimen Platz – soll das Interview mit Cemil Bayık, dem amtierenden Chef der PKK, stattfinden.

Nach einer Wartezeit von einer Stunde erscheint der Auslandspressesprecher der PKK. Mobiltelefon, Rucksack und Laptoptasche müssen abgegeben werden. In einem Geländewagen geht es hinein in die Berge. Die Fahrt führt über Pisten, deren tiefe Furchen mit braunem Wasser des Winterregens gefüllt sind. Dann aussteigen und erneut eine Stunde warten in einem weiteren PKK-Unterstand. Schließlich beginnt ein Fußmarsch über bewaldete Hügel und durch kleine Täler, die sich dazwischen hindurchziehen. Bis zu dem Ort, an dem bereits PKK-Chef Cemil Bayık mit seinen Leibwächtern wartet.

Die Presse: Sie werden seit Sommer von der türkischen Luftwaffe angegriffen. Wie schaffen Sie es, hier oben in den Bergen zu überleben?

Cemil Bayık: Wir widerstehen diesen Angriffen, weil der Wille unserer Bewegung stark ist. Die Türkei kann ihn nicht brechen. Sie wird uns niemals zur Unterwerfung zwingen. Wir wollen in Freiheit und nach unseren eigenen Werten leben – oder wir werden nicht leben. Dafür mögen wir einen hohen Preis bezahlen und Verluste hinnehmen. Aber unsere Bewegung wird dadurch nur stärker werden. Die Türkei ist ein Nato-Land und will Mitglied der EU werden. Die USA, die EU und die Nato-Staaten geben vor, bestimmte Werte zu vertreten. Aber die Türkei verletzt mit ihrer Militäraktion gegen die Kurden alle diese Werte. Trotzdem bleiben die USA und die EU stumm und verurteilen die türkischen Angriffe nicht.

 

Was genau verlangen Sie von EU-Staaten wie Österreich oder Deutschland?

Sie müssen einschreiten und die Regierung in Ankara davor warnen, weiterhin die europäischen Werte zu verletzen. Die Nato-Staaten dürfen der Türkei keine militärische Unterstützung mehr geben. Österreich und Deutschland sollten auf den türkischen Staat Druck ausüben, damit dieser die Kurdenfrage friedlich löst. Die Türkei hat unseren Anführer, Abdullah Öçalan, seit April 2015 in der Haft isoliert. Wir haben seither keine Informationen mehr über ihn erhalten.


Wie massiv sind die Angriffe?

Die Türkei greift in Nordkurdistan (Anm.: von Kurden besiedelte Gebiete in der Osttürkei) Städte mit Panzern, Artillerie und Hubschraubern an. Das türkische Militär zerstört Häuser und tötet jeden, der sich nicht an die Ausgangssperre hält. Der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, hat den syrischen Präsidenten, Bashar al-Assad, dafür verurteilt, Staatsterror gegen die eigene Bevölkerung auszuüben. Aber jetzt wendet Erdoğan dieselben Methoden an wie Assad.

Sie wollen Erdoğan wirklich mit Assad vergleichen?

Ja. Österreich und Deutschland müssen Delegationen in belagerte Städte wie Silopi oder Cizre schicken. Damit sie sehen, welche Verbrechen dort an den Kurden begangen werden. Wenn die EU nicht eingreift, heißt das, dass sie die verheerende Lage in den kurdischen Städten als normal empfindet. Die EU hat die Politik Assads verurteilt. Warum tut sie das nicht bei der Türkei?


Aber für die EU ist die Türkei ein wichtiger Partner, gerade jetzt, wo es darum geht, die Weiterreise von noch mehr syrischen Flüchtlingen nach Europa zu verhindern. Die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, hat Präsident Erdoğan noch vor der Wahl in der Türkei besucht. Die EU braucht die Türkei.

Wir wollen ja nicht, dass die EU-Staaten oder die Nato ihre Beziehungen zur Türkei beenden. Wir erwarten auch nicht, dass die EU-Länder ihre eigenen Interessen gegenüber Ankara nicht mehr wahrnehmen. Sie dürfen aber ihre Interessen nicht auf Kosten der Kurden durchsetzen.

 

Wie kann die Nato die militärische Zusammenarbeit mit der Türkei beenden? Die Türkei ist mittlerweile auch ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Von türkischen Militärflughäfen steigen ja nicht nur die türkischen Jets auf, die hier in Qandil Bomben abwerfen. Vom türkischen Stützpunkt Inçirlik starten auch die US-Kampfflugzeuge und die deutschen Tornados zu ihren Missionen gegen den IS in Syrien.

Die USA, die EU und die Nato sagen, dass sie gegen den IS kämpfen. Sie haben auch die Türkei in diese Allianz aufgenommen und nützen Inçirlik. Aber daraus ergibt sich doch ein Widerspruch: Denn die Türkei ist eine wichtige Unterstützerin des IS. Und die, die zuletzt den IS am stärksten unter Druck gesetzt haben, sind die Kurden.

 

War es klug von der PKK-Jugend, einen Aufstand in den Städten in der Osttürkei zu starten? Unter der schwierigen Lage dort leiden nun vor allem die Zivilisten.

Die Aktionen der PKK in den Städten legitimieren die türkische Armee nicht dazu, Zivilisten zu töten. Dass die PKK die Aufständischen in den Städten unterstützt, gibt dem türkischen Staat nicht das Recht dazu, diese Verbrechen zu verüben. Selbst wenn wir einen Fehler begangen hätten, darf Ankara nicht einen anderen Fehler begehen. Die Jugend in den Städten hat den Kampf nicht begonnen. Sie verteidigt die Menschen dort gegen die Massaker durch die Armee. Abdullah Öçalan und die PKK haben versucht, die kurdische Frage durch Verhandlungen zu lösen. Zugleich haben wir demokratische Kreise dabei unterstützt, an den Wahlen teilzunehmen, um ins Parlament kommen und dort die kurdische Frage lösen zu können.


Die Wahl ist für Erdoğan ja dann erst einmal nach hinten losgegangen.

Die Wahlen vom 7. Juni waren ein Wendepunkt. Erdoğan ist mit seinen antidemokratischen Ideen von einer Präsidialrepublik in den Wahlkampf gezogen. Und auf der anderen Seite haben die (Anm.: prokurdische, linke) HDP und andere demokratische Kreise daran gearbeitet, eine demokratische Republik aufzubauen. Das Resultat der Wahlen war: Erdoğans AKP verlor die absolute Mehrheit. Er hat dieses Ergebnis nicht akzeptiert und sich zu einem Coup entschlossen.

 

Aber Sympathisanten der PKK haben auch zwei türkische Polizisten als Rache für den IS-Anschlag in Suruç getötet. Und Ankara hat der PKK und ihren Anhängern vorgeworfen, an einer Parallelverwaltung in den Kurdengebieten zu arbeiten.

Als uns klar wurde, dass Erdoğan in Ankara die Demokratie verhindert, haben wir versucht, demokratische Strukturen auf lokaler Ebene aufzubauen. Das ist keine Maßnahme, um die Türkei aufzuteilen. Das ist ein Kampf gegen die neo-osmanischen Ideen Erdoğans. Der türkische Staat hat diese demokratische Selbstverwaltung und die getöteten Polizisten nur als Vorwand benutzt, um die Kurden anzugreifen. Die militärischen Planungen dafür gibt es schon seit September 2014.

 

Hat Russland Ihnen bereits Hilfe angeboten?

Russland hat verstanden, dass die Kurden eine der wichtigsten Kräfte in der Region sind. Wenn Russland die Hilfe der Kurden hat, kann es seine eigene Politik in Syrien effektiver umsetzen und zugleich Druck auf die Türkei ausüben. Es herrscht Chaos im Nahen Osten, und jede regionale oder internationale Macht versucht, die eigenen Interessen zu sichern. Es gibt dabei eine schiitische und eine sunnitische Front. Russland unterstützt die schiitische Front, die USA ist für die sunnitische Front. Die Kurden sollten keine dieser Fronten unterstützen. Wir haben unsere eigene, dritte Linie. Aber wir werden Beziehungen zu einzelnen Mitgliedern dieser Fronten unterhalten.

Sollte Russland der PKK Waffen anbieten, um damit Erdoğan zu schwächen: Würden Sie diese Waffen annehmen?

Wir werden jeden Partner akzeptieren, der die demokratische Lösung der kurdischen Frage akzeptiert.

 

Wird die PKK ihre Guerillatruppen in die Städte schicken, falls die Lage im Osten der Türkei weiter eskaliert?

Die Türkei hat den Krieg bereits eskaliert. Niemand kann in dieser Situation unser Recht auf Selbstverteidigung verneinen. Auch wenn ein Tier zur Schlachtbank geführt wird, wird es bis zum letzten Moment sein Leben verteidigen. Die Guerillaeinheiten haben das Recht, in die Städte zu gehen. Wenn die Menschen vor ihren Augen getötet werden, können sie nicht einfach zusehen.

 

Was muss getan werden, damit der Friedensprozess wieder beginnen kann?

Die Türkei muss ihre Kriegspolitik beenden. Die türkische Armee muss ihre Verbrechen in den Städten stoppen und an den Verhandlungstisch zurückkehren.

 

Der Präsident der nordirakischen Kurdenregion, Massud Barzani, hat die PKK aufgefordert, aus den Jesidengebieten im nordirakischen Sinjar wieder abzurücken. Die PKK will aber bleiben. Besteht nicht die Gefahr, dass es deswegen zu Kämpfen zwischen der PKK und den Peshmerga der nordirakischen Kurdenregion kommt?

Die Türkei will einen Kampf zwischen den Kurden provozieren. Wir werden aber so etwas niemals zulassen. Es ist deshalb auch höchste Zeit, einen Kongress der nationalen Einheit abzuhalten, an dem alle kurdischen Parteien teilnehmen.

 

Barzani hat jedoch klargestellt, dass Sinjar Teil der Kurdenregion werden soll.

Shingal (Anm.: Kurdisch für Sinjar) ist die Heimat der Jesiden. Sie sind die Urahnen der Kurden. Die Frage von Shingal ist deshalb eine Frage für alle Kurden, es ist nicht nur eine Angelegenheit für Barzanis PDK oder die PKK. Die Jesiden in Shingal wurden wehrlos zurückgelassen, als der IS sie angriff. Weder die Peshmerga der Kurdenregion noch die irakische Armee haben sie verteidigt. Es war die PKK, die ihre Guerillatruppen nach Shingal geschickt hat, um diese Menschen zu retten. Ohne die PKK wären alle Jesiden umgebracht worden. Ohne die PKK wären auch die Peshmerga nicht in der Lage gewesen, später nach Shingal zu marschieren.


Wie unterstützen Sie jetzt die Jesiden?

Shingal ist noch nicht völlig befreit, es gibt noch immer Dörfer, die der IS kontrolliert. Und der IS ist in der Nachbarschaft, in Tal Afar und Mossul. Wir werden den Jesiden dabei helfen, ihre eigene Verwaltung und ihre eigenen Verteidigungskräfte aufzubauen. Bevor das nicht umgesetzt worden ist, werden unsere Guerillakräfte dort bleiben.

 

Aber wie soll die politische Zukunft des Gebiets aussehen?

Offiziell ist für Shingal noch immer die irakische Zentralregierung zuständig. De facto wird das Gebiet aber von der kurdischen Regionalregierung im Nordirak verwaltet. Der Status von Shingal ist somit noch ungeklärt. Unserer Meinung nach wäre es gut, wenn Shingal Teil von Kurdistan bleibt. Aber es sollte dabei eine Art Selbstverwaltung erhalten. Über den künftigen Status Shingals müssen die Menschen dort entscheiden. Keine kurdische Partei darf den Jesiden irgendein Modell diktieren.

Zur Person

Cemil Bayık. Unter dem Kampfnamen „Cuma“ leitet er mit Bese Hozat die Koma Civaken Kurdistan (KCK), die oberste Dachorganisation der PKK und der PKK-Schwesterparteien in Syrien und im Iran. Der KCK sind auch die militärischen Guerillaverbände der PKK untergeordnet.
Bayık ist damit amtierender Chef der Untergrundbewegung und die Nummer zwei hinter dem inhaftierten ideologischen Anführer Abdullah Öcalan.

Bayık schloss sich der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) bereits 1976 an und zählt damit zu den ältesten Gefolgsleuten Öcalans. Die ursprünglich marxistische PKK kämpfte in der Türkei zunächst für einen eigenen Kurdenstaat. Nunmehr tritt sie für eine Art Autonomie auf lokaler Ebene ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2016)