Schnellauswahl

1916: Eine Monarchie in Agonie

Kaiser Franz Joseph
(c) �sterreichische Nationalbiblioth (�sterreichische Nationalbiblioth)
  • Drucken

Franz Joseph hat sich nach Schönbrunn zurückgezogen, bei seiner Armee hat man ihn schon seit Langem nicht mehr gesehen.

Wien, im Jänner 1916. Das letzte Lebensjahr des Kaisers Franz Joseph ist angebrochen. In einem halben Jahr wird man den 86. Geburtstag der Apostolischen Majestät feiern.

Am 2. Jänner speist der adelige Herrenreiter Hektor von Baltazzi (65) im Wiener Jockey-Club hinter der Albertina. Wie immer, wenn er sich in Wien aufhält. Nach dem Lunch geht er ins Lesezimmer, dort trifft ihn der Schlag. Der Rettungsgesellschaft bleibt nichts mehr zu tun. Die illustrierte Wochenzeitung „Wiener Bilder“ berichtet darüber in Wort und Bild. Der kleine, geschmeidige Mann mit dem pechschwarzen Schnurrbart lebte seit 1914 in Paris, war auf allen Turfplätzen Europas daheim und besiegte viele Berufsreiter des Kontinents. Heute wäre der Name der Adelsfamilie längst verklungen, wäre Hektor nicht ein Onkel der unglücklichen Baronesse Mary Vetsera gewesen, die mit dem österreichischen Kronprinzen Erzherzog Rudolf in der Nacht vom 29. auf den 30. Jänner 1889 in Mayerling in den Tod ging. Über diese horrible Verbindung stand natürlich kein Wort in den „Wiener Bildern“.

Noch speist auch der cisleithanische Ministerpräsident Karl Graf Stürgkh fast alle Tage am Hohen Markt im gutbürgerlichen Restaurant Meißl & Schadn Reibgerstelsuppe, Tafelspitz, danach Zwetschkenfleck. Er sollte noch in diesem Jahr an seinem Stammtisch erschossen werden.

Draußen hungert und friert das Volk. Stürgkhs ungarischer Amtskollege, István Tisza Graf von Borosjenö und Szeged, hat dafür gesorgt, dass aus den fruchtbaren Weiten Ungarns keine Nahrungsmittel mehr nach Wien gelangen. Der Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner hat dies in seinem Standardwerk plastisch eingefangen („Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie“, Böhlau 2013).

 

Hungerrevolten, Streiks

Die Eisenbahner werden in diesem zweiten Kriegswinter immer unruhiger, der zuständige Minister schildert die Lage als „anarchisch“, der Arbeitsminister, Baron Trnka, charakterisiert die Haltung der Bergarbeiter als „gefährlich“, der k. k. Finanzminister von Leth weiß von diversen Unruhen und Streiks zu berichten, „die nur mithilfe des Militärs hatten niedergeschlagen werden“ können. In Graz gibt es Hungerrevolten. Und der deutsche Botschafter in Österreich, Herr von Tschirschky, hat eine bange Ahnung, dass der angestrebte Sieg gefährdet sein und zum Untergang beider Dynastien führen könnte – der Habsburger und der Hohenzollern.

 

Der Eid auf die Person

Noch schworen die Soldaten – seit 1914 waren das sechs Millionen – in elf Sprachen den feierlichen Eid, „Seiner Apostolischen Majestät, unserem Allerdurchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Franz Joseph dem Ersten, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Böhmen und Apostolischem König von Ungarn treu und gehorsam zu sein, auch Allerhöchst Ihren Generalen, überhaupt allen unseren Vorgesetzten und Höheren zu gehorchen – und auf diese Weise mit Ehre zu leben und zu sterben. So wahr uns Gott helfe. Amen.“

„Sie schworen also“, sagt Rauchensteiner, „keinen Eid auf die Verfassung, auf jenes Grundgesetz von 1867, das die meisten bestenfalls vom Hörensagen kannten. Sie leisteten ausschließlich einen persönlichen Eid auf ihren Obersten Kriegsherrn.“

Der Kaiser, dem man gelobte, „an jedem Orte, zu jeder Zeit und in allen Gelegenheiten tapfer und mannhaft zu streiten“, war allerdings seit dem Kriegsbeginn nie mehr unter seinen Soldaten anzutreffen. Er blieb unsichtbar, entrückt. Im September und Oktober 1914 war er noch einmal zu sehen, bei drei Verwundetenbesuchen und am 18. Juli 1915 im Schönbrunner Schlosspark bei einem Defilee der Tiroler Kaiserjäger.

Und doch war er allgegenwärtig. Sein Porträt zierte die Amtsstuben, die Kasernen, die Klassenzimmer, sogar die Gasthäuser, sein Abbild war auf jedem Geldschein, auf jeder Münze und Marke zu finden, die Initialen seines Namens fanden sich auf jedem Säbel, jeder Kappe. Dazu kamen die Denkmäler, die Büsten und Plaketten, allerlei kitschige Nippes. Millionen Dokumente trugen seinen Namenszug, Straßen, Plätze, Brücken waren nach ihm benannt.

 

Berlin soll helfen

So erhaben das alles klingen mag – die Lage der Soldaten im Felde und der Zivilisten in der Heimat war alles andere als erhaben. Conrad von Hötzendorf, der quasi als Militärmachthaber agierte, schrieb 1916 an Stürgkh, dass „die schlechte, ja stellenweise schon katastrophale Ernährungslage“ bereits zu Hungerkrawallen und Assistenzeinsätzen geführt habe. Und so beschäftigte sich auch der gemeinsame Ministerrat damit.

„Wie so oft“, berichtet Rauchensteiner, „blieb nur der Appell an die deutsche Hilfe. Doch das Auswärtige Amt in Berlin verwies auf eine ähnlich schwierige Lage in Deutschland und ließ wissen, dass sich die Donaumonarchie auf die eigenen Ernteerträge stützen müsse, was bei einer entsprechenden Rationierung auch durchaus möglich sei.“

Im Verlauf des Jahres 1916 allerdings änderte sich diese deutsche Einschätzung: Wenn es die Österreicher nicht allein schafften, dann müsste es zu diktatorischen Maßnahmen kommen, natürlich unter Berliner Oberkommando. Doch so weit war man noch nicht. Erst unter dem Ministerpräsidenten Koerber wurde die Sache konkreter.

 

Der Monarch hat resigniert

Der Monarch war alt, für damalige Begriffe sehr alt geworden. Seine Machtfülle hatte sich seit der Thronbesteigung 1848 relativiert, da Franz Joseph in Kriegszeiten auf die vielen Völker seines Reichs mehr Rücksicht zu nehmen hatte als 66 Jahre zuvor. Von Absolutismus war nicht mehr die Rede. Carl J. Burckhardt überlieferte uns die Äußerung Franz Josephs: „Ich bin mir seit Langem bewusst, wie sehr wir in der heutigen Welt eine Anomalie sind.“

Er hatte zwei Regierungen, die jeweils eine der Reichshälften zu steuern suchten – doch Franz Joseph sah in den Ministern austauschbare Figuren. Schließlich hatte er im Lauf seiner Herrschaft rund fünfzig Regierungen mit Hunderten Ministern bestellt und entlassen. Es gab zwei Parlamente, das ungarische, das zeitweilig, zumindest aber seit 1913 arbeitsfähig war, und das österreichische, das wegen der tschechischen Obstruktion im März 1914 sistiert worden war. Doch der Kaiser und König hielt ohnedies nicht sehr viel von seinen Parlamenten.

Die Armee schließlich, für Franz Joseph zeitlebens Inbegriff von Macht und Steckenpferd zugleich, war ihm schon längst nicht mehr vertraut. Und so war er schon aufgrund seiner langen Regierungszeit zum Symbol und zum nominellen Träger einer Macht geworden, die ihm zwar zu entgleiten drohte, die er aber zäh und verbissen festzuhalten suchte. Und so wartete man. Es sollte noch bis zum November so weitergehen.

BRUSSILOW UND VERDUN

Verdun. Im Februar 1916 begann der Kampf um Verdun. Auf engstem Raum lagen sich bald eineinhalb Millionen Soldaten gegenüber und beschossen sich mit allem, was sie an Munition nachgeliefert bekamen („Hölle von Verdun“). Im Laufe dieses Jahren sollten 360.000 Franzosen und 335.000 Deutsche fallen.

An der Ostfront sollte ab Juni General Brussilow in Südwestrussland auf einer Breite von 250 Kilometern die deutsch-österreichischen Stellungen angreifen. Die Österreicher wichen zurück, die Doppelmonarchie drohte zusammenzubrechen. Deutschen Streitkräften gelang es noch einmal, die Lage zu stabilisieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2016)