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Glyphosat

Um das Herbizid Glyphosat tobt zwischen Wissenschaftlern ein heftiger Streit. Vielleicht erklärt irgendjemand den verunsicherten Konsumenten einmal, was wirklich Sache ist.

Wenn Wissenschaftler unterschiedlicher Meinung sind, können schon einmal die Fetzen fliegen. So wie zur Zeit bei einem Streit zwischen der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und einer Gruppe von knapp 100 Forschern, die den Schlüssen der EFSA kritisch gegenüberstehen. Dabei geht es um die Beurteilung, ob das meistverkaufte Herbizid Glyphosat („Roundup“) krebserregend ist. Umweltschützer machen die Substanz seit geraumer Zeit für Umweltschäden und Krebsfälle verantwortlich.

Im November 2015 kam die EFSA zu dem Ergebnis, dass Glyphosat „wahrscheinlich nicht genotoxisch (d. h. DNA-schädigend) ist oder eine krebserregende Bedrohung für den Menschen darstellt“. Das stieß nicht nur bei Umweltgruppen auf Unverständnis, sondern auch in Teilen der Wissenschafts-Community – hatte doch nur wenige Monate zuvor die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft (so wie auch Fleisch, Schichtarbeit oder Handys). Eine Forschergruppe um Christopher Portier verfasste deshalb einen offenen Brief, in dem der EFSA-Bericht in teils drastischen Worten als mangelhaft kritisiert wurde. Diese Woche hat die EFSA darauf geantwortet und in ähnlich deutlicher Sprache alle Kritikpunkte als unzutreffend zurückgewiesen.

Als Laie steht man staunend vor diesem Schaukampf und weiß nicht so recht, was man davon halten soll. Unbeteiligte Forscher merken vorsichtig an, dass sich die beiden Standpunkte nicht unbedingt widersprechen müssen: Die IARC habe die Gefahr betrachtet, die von Glyphosat schlimmstenfalls ausgehen könnte; die EFSA hingegen habe das Risiko bewertet – dabei wird auch die Dosis berücksichtigt, in der die Substanz aufgenommen werden könnte. Beide Zugänge seien legitim, sie würden aber etwas anderes aussagen, hieß es.

EFSA-Chef Bernhard Url hat nun ein Treffen zwischen EFSA- und IARC-Experten angekündigt, bei dem die strittigen Punkte diskutiert werden sollen. Wenn der Zwist dann vielleicht doch beigelegt wird, solle sich bitte jemand die Mühe machen, der Bevölkerung zu erklären, wie es wirklich ist (auch wenn es offenbar kompliziert ist). Denn ein solcher öffentlich ausgetragener Streit ist sehr schädlich: Er unterminiert nicht nur die Autorität der Wissenschaft, sondern verunsichert die Menschen noch mehr – die beim Thema Ernährung ohnehin nicht mehr wissen, was sie glauben können.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche


[LRS4G]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2016)