Eine Frau hilft illegalen Flücht- lingen und endet in einer psychiatrischen Anstalt. Olivier Adams Roman „Nichts was uns schützt“: Psychogramm – und Anklage gegen eine Lebensweise, die Menschlichkeit bestraft.
Wie fing es an? Ich vermute, so: Ich bin allein in der Küche und drücke die Nase ans Fenster, dahinter ist nichts. Nichts. Wie immer, eigentlich. Es leben so viele Menschen hier. Wir sind Millionen.“ So fängt sie an, die trostlose Geschichte von Marie, einer nicht ganz normalen Frau in einem ganz normalen Leben. Wir befinden uns im Norden Frankreichs, aber Maries Geschichte könnte auch irgendwo anders in Europa spielen; es gibt sie überall im Westen, die abgestandenen Vorstädte, deren Häuschen aussehen wie im Schnellverfahren geklont, mit ihren „Millionen Fensterläden mit abblätternder Farbe, schlecht eingepassten Garagentoren, hinter den Häusern versteckten Gärtchen, Schaukeln Barbecue-Grills Geranien Stiefmütterchen, Millionen laufender Fernsehgeräte in Conforama-Wohnzimmern“.
In einem dieser Wohnzimmer lebt Marie, vormals Kassiererin, nun arbeitslos, mit ihrem Mann Stéphane, einem Schulbusfahrer, und ihren zwei Kindern Lucas und Lise. „Einmal in der Woche das Jobcenter und die Anzeigen, die Arbeitslosenhilfe am Anfang des Monats, die Kinder baden Hausaufgaben machen Essen kochen Geschirr spülen, die Wäsche und der Haushalt, Einkaufen bei Ed oder bei Carrefour, ein- oder zweimal im Jahr ins Kino, sonst Fernsehen und damit basta, machen wir uns nichts vor, für die wenigsten Leute hat das Leben viel mehr zu bieten.“ Marie liebt ihre Familie und driftet doch immer weiter von ihr weg, versinkt in einer stumpfen Verzweiflung.
Die „unbeachtete Parallelwelt“ des modernen Proletariats beschreibt der Franzose Olivier Adam in seinem Roman „Nichts was uns schützt“ aus der Sicht seiner Heldin, und lässt diese Welt auf eine andere unbeachtete Parallelwelt treffen: jene der illegalen Flüchtlinge. Anfangs nur zufällig: „Wir kamen beim Monoprix vorbei. Davor standen diese Typen, bei denen ich mich nie traute, sie anzuschauen, sie sahen dreckig und fertig aus und unter ihrer zerrissenen Kleidung waren sie unglaublich dünn. Alle nannten sie die Kosovaren, aber es waren vor allem Iraker, Iraner, Afghanen, Pakistanis, Sudanesen, Kurden.“
Früher gab es hier ein Flüchtlingslager, das wurde geschlossen, die Menschen aber sind immer noch und immer wieder da, versuchen nach England zu kommen, irgendwie. „Wenn sie es nicht mehr aushielten, hängten sie sich unter einen Lastwagen, einen Zug oder schlichen sich auf ein Boot, oft waren es die Jüngsten, die ihr Glück versuchten. Die meisten kamen zurück, in mehrere Teile zerlegt, zerfetzte Körper in Leichensäcken. Die Restlichen wurden erwischt, man schickte sie nach Paris oder sonstwohin in Sammelunterkünfte, aber drei Tage später waren sie wieder da und warteten auf die richtige Gelegenheit, ihr Glück noch einmal zu versuchen.“
Unversehens findet sich Marie unter ein paar Freiwilligen wieder, die die Flüchtlinge mit Essen, Kleidung und medizinisch versorgen. Ab diesem Zeitpunkt läuft ihr ohnehin schon so morsches Familienleben völlig aus dem Ruder. Als sie ihre Kinder sogar über Nacht zu den Flüchtlingen mitnimmt und das Geld der Familie zu verschenken beginnt, ist ihr Scheitern besiegelt. Marie findet sich in einer psychiatrischen Anstalt wieder.
Der erst 35-jährige Olivier Adam gehört zu den erfolgreichsten französischen Gegenwartsautoren, beim Publikum wie bei Kritikern: Für seinen Erzählband „Passer l'hiver“ (auf Deutsch „Am Ende des Winters“) erhielt er den Prix Goncourt de la nouvelle, aus seinem ersten Roman „Je vais bien, ne t'en fais pas“ wurde eine der beliebtesten französischen Literaturverfilmungen der letzten Jahre („Keine Sorge, mir geht's gut“). Adam, der in der Pariser Banlieue aufgewachsen ist und heute in der Bretagne lebt, ist Franzose, distanziert sich aber gern von der Literatur seines Landes, um sich stattdessen zum Geistesverwandten der sozialkritischen amerikanischen Literatur zu erklären.
Die Gestalten seiner Bücher sind allesamt Besiegte des Lebens, Menschen, die nach einem kleinen Zipfel Glück haschen, aber immer zu spät kommen. Er wolle herausfinden, was hinter dieser „Unfähigkeit, das Leben in den Griff zu kriegen“, stecke, erklärte Adam einmal. Liest man „Nichts was uns schützt“, könnte man vermuten, dass der Autor bei Adorno gelandet ist: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Maries Empfindsamkeit macht sie offen für das Verkehrte ihres „normalen“ Lebens, ihre eigene Verletztheit offen für das Elend anderer. Am Ende zerstört sie damit aber nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch jenes der Menschen, die sie liebt.
„Wir sind Millionen“, heißt es, wie bereits zitiert, am Anfang des Romans. Eine Anspielung auf den Refrain des „Ärzte“-Songs „Nicht allein“, der die Solidargemeinschaft der vom Leben Enttäuschten beschwört? Oder ein unterschwelliger Appell à la „Vorstadtexistenzen aller Länder, vereinigt euch“? Die Schließung des Flüchtlingslagers im Roman wird Franzosen an Sangatte denken lassen, das 1999 eröffnete Flüchtlingslager in der Nähe von Calais und dem Ärmelkanal, das bis 2002 an die 80.000 Flüchtlinge beherbergte. „Nichts was uns schützt“ bietet also für jeden Geschmack etwas, Sozialkritik und politische Anklage gegen ein Land, das „Menschlichkeit bestraft“ (O-Ton Olivier Adam), ebenso wie vagen Niemand-ist-schuld-Weltschmerz.
Wer will, kann den Roman auch als Auseinandersetzung mit der Lebbarkeit christlicher Nachfolge lesen (nicht umsonst heißt die Heldin Marie, nicht umsonst erinnert sie an die „heiligen Narren“, von denen die Weltliteratur so viele zu bieten hat). Dieses breite Assoziationsangebot ist in diesem Fall allerdings keine Stärke des Romans, im Gegenteil: Wo der Autor sich vom Boden sinnlich-einfühlender Beschreibung zur Andeutung von „Botschaften“ aufschwingt, wirkt das sehr simpel gestrickt. Dass Adam sich in Interviews explizit von einer „intellektuellen“ Literatur distanziert und eine neue
Einfalt zum Programm macht, sich auch zu der im Roman strapazierten abgelutschten Natur-als-Spiegel-der-Seele-Romantik bekennt, macht es nicht besser.
Dennoch kann man ihm Sätze wie: „Wir lebten hier und hatten nicht viel, aber wir waren glücklich“ verzeihen. „Nichts was uns schützt“ ist mehr als ein soziales Rührstück, es ist auch das wirklich berührende Psychogramm einer auf den Abgrund zusteuernden Frau, die ihre verängstigten Kinder im Stich lässt, obwohl sie sie über alles liebt. Ein Klagelied, über viele Sequenzen doch ohne falschen Ton. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2009)