Segeln: Hart am Wind

(c) Gepa (Marie Rambauske)
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Seit Jahren sammeln heimische Segler olympische Goldmedaillen, Welt- und Europameistertitel. Die Erfolge sprechen für sich, machen Österreich aber noch lange nicht zu einer "Segelnation". Im Gegenteil.

Diese Woche hatte es in sich: Drei Millionen Besucher kamen nach Kiel, um beim größten Segelvolksfest Europas dabei zu sein. In Summe waren es 1700 Events: Konzerte, Ausstellungen, Wissenschaftsveranstaltungen – und vor allem Segeln: Regatten für Kinder ebenso wie solche für historische Boote und die olympischen Klassen, bei denen die Österreicher unter den Top Ten landeten. Sportlich haben österreichische Segler längst Weltformat bewiesen: Roman Hagara und Hans-Peter Steinacher eroberten in der Tornado-Klasse zweimal, Christoph Sieber bei den Surfern einmal Olympiagold. Andreas Geritzer, Wolfgang Mayrhofer, Karl Ferstl und zweimal Hubert Raudschal holten olympisches Silber. Der mittlerweile 66-jährige Raudaschl ist mit zehn Teilnahmen sogar Rekordolympiastarter. Daneben können sich Österreichs Segler eine Fülle an Welt- und Europameistertitel in verschiedensten Bootsklassen auf ihre Fahnen heften.

Doch ist Österreich deshalb eine Segelnation? „Was die Erfolge betrifft, sicher“, sagt Doppelolympiasieger Hagara. „Wenn man sich das Verhältnis der Wasserflächen zur Landesgröße anschaut, erst recht.“ Was fehle, sei diese Selbstverständlichkeit, Segeln als etwas Traditionelles anzusehen, so wie es in Frankreich, Spanien, Neuseeland oder Großbritannien der Fall sei. „Österreich ist eben eine Binnennation“, schränkt Hagara ein. Dabei sei die sportliche Breite im Nachwuchs vorhanden. „Die schwierige Phase ist das Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Wenn man was werden will, muss man sich genau dann für eine Profikarriere entscheiden.“ Und davor schrecken viele zurück. 17.000 Mitglieder zählt Österreichs Segelverband. „Viele davon“, sagt Andreas Hanakamp, einst Olympiasegler und zuletzt beim Volvo Ocean Race aktiv, „sind ,Wassercamper‘. Das soll nicht despektierlich klingen. Das Fahren von Bucht zu Bucht gibt ein tolles Gesamterlebnis.“ Aber mit Segeln um des Segelns Willen habe das nichts zu tun und erschließe keine Quelle für den Spitzensport.

Erst spät, im Jahr 1886, wurden in Österreich Segelklubs gegründet. Am Attersee, in Wien und am Wörther See ruderte man dem deutschen Vorbild (1855, Segel-Club Rhe in Königsberg) um Jahre hinterher. Dabei war Segeln als Sport bereits im 17. Jahrhundert entstanden. Charles II. von England hatte 1660 anlässlich seiner Krönung von der Stadt Amsterdam die Jacht Mary geschenkt bekommen. Mit ihr begann sowohl die Ära der Spazier- als auch jene der Wettfahrten: Charles Vergleichskampf mit seinem Bruder Jacob auf der Themse war die erste dokumentierte Regatta. Das war 1661.

Zurück in das Österreich von heute. Aus den World Sailing Games 2004 am Neusiedler See, die für 200.000 Zuschauer ausgelegt und mangels Besucherzustrom wirtschaftlich absoffen, wurden die Lehren gezogen. Die Traunseewochen im Mai und Juni brachten 25.000 Zuschauer. Und der Region rund 9500 zusätzliche Nächtigungen, sagt Veranstalter Christian Feichtinger. Im Vergleich zu Kiel müssen die Organisatoren am Traun- und den anderen heimischen Seen kleinere Segel hissen. Sie zeigen aber das Potenzial auf.

An einer anderen Front kämpft Georg Fundak, Sportdirektor im Segelverband und maßgeblich an den Erfolgen von Hagara/Steinacher beteiligt, um Ressourcen für die Kadersegler. Obwohl noch nicht einmal feststeht, welche Klassen bei den Spielen in London 2012 ihren Olympiastatus halten können, laufen längst die Vorbereitungen für die Spiele 2016 und 2020. „Um wirklich an der Weltspitze dabei zu sein“, sagt Funak, „musst du drei Olympiaperioden mitmachen.“ Das sind zwölf Jahre. Daher sei es gar nicht so einfach, Leute zu finden, die bereit sind „diese Anstrengungen durchzuziehen“. Der „Segelvirus“ helfe in dieser Hinsicht, sagt Fundak schmunzelnd. Der Traum vom großen Geld aber sei Illusion, denn „sportlicher Erfolg allein ist keine langfristige finanzielle Absicherung“, weiß auch Roman Hagara.

Daher braucht es großzügige Sponsoren und Partner. Und einen Platz unter den sogenannten Premiumsportarten, die Sportminister Norbert Darabos künftig besonders fördern möchte. Staatliche Förderungen machen allerdings nur einen kleinen Teil der benötigten Summen aus, eine Olympiakampagne kostet zwischen 100.000 und 300.000 Euro. Neben der Ausrüstung sind vor allem die Reisekosten Preistreiber. Schließlich müsse man den Nachteil gegenüber jenen Nationalteams kompensieren, die zwölf Monate im Jahr eisfreie Trainingsgewässer zur Verfügung haben.

Segeln ist ein teurer Sport. Auch wenn jeder Laie ein Segelboote um 13 Euro in der Stunde mieten kann, Segeln ist ein technisch sehr komplexer und komplizierter und damit relativ teurer Sport. Kosten und Wirtschaftskrise hin oder her, Hanakamp sagt, ihm würden auf Anhieb mindestens zehn österreichische Eigner einfallen, die sich in den vergangenen Monaten Segelboote gekauft haben, die teurer waren als drei Millionen Euro. Allerdings haben diese Luxussegler mit dem Spitzensport nichts am Hut, meint Hanakamp. In anderen Ländern seien die Kontakte zwischen betuchten Hobbykapitänen und Topsportlern viel enger. Da käme es wesentlich häufiger vor, dass sich ein Eigner von einem Segelprofi coachen lasse. Und aus diesem Miteinander entstehe dann eben mitunter Sponsoring oder Mäzenatentum.

Und noch etwas fehlt Österreich, um dem Ruf als Segelnation gerecht zu werden: ein Gewerbe rund um den Sport. „Gute Segler gibt es überall auf der Welt“, sagt Hanakamp. Schnell segeln zu können, reiche daher nicht, um aufzufallen. Womit sich Österreicher international allerdings abheben könnten, sei die Verbindung von Segeln mit der jeweiligen Ausbildung. Ein Physiker könnte sich mit Materialeigenschaften auseinandersetzen, ein Chemiker überlegen, welche Kleber besonders gut für Aufgaben am Wasser geeignet sind, ein Meteorologe seine Erfahrung mit der Thermik einbringen oder ein Wirtschafter sein zusätzliches Wissen auf den Segelsport umlegen. Das Potenzial, um Großes entstehen zu lassen, ist nach Hanakamps Meinung vorhanden. Nur leider fehle vielen der Mut. Und solange es keine Entrepreneurs gebe, könne sich auch kein Markt entwickeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2009)

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