Burgenlands Landeshauptmann, Hans Niessl (SPÖ), fordert angesichts der Flüchtlingskrise mehr Lehrer vom Bund und hält Deutschkurse für Eltern für "zehn- oder hundertmal effizienter" als eine Deutschpflicht in der Pause.
Die Presse: Sie haben 2016 zum Jahr der Bildung erklärt und angekündigt, das Burgenland zum Land der besten Bildung zu machen. Was fehlt dazu noch?
Hans Niessl: Wir waren noch in den Sechzigerjahren und Anfang der Siebzigerjahre das Land der Schulschande mit dem niedrigsten Bildungsniveau aller österreichischen Bundesländer. Heute sind wir das Land der guten Bildung. Wir haben die höchste Kinderbetreuungsquote bei den Drei- bis Fünfjährigen, die kleinsten Volksschulklassen und die Neue Mittelschule flächendeckend eingeführt. Zudem haben wir die höchste Maturantenquote.
Die Schülerleistungen liegen laut Bildungsstandards teilweise aber unter dem Durchschnitt. Was soll sich ändern?
Wir haben Bereiche, wo wir leider unterhalb, und andere, wo wir über dem Schnitt liegen. Wir wollen die Schuleingangsphase, also den Übergang zwischen Kindergarten und Volksschule, neu gestalten. In der Elementarpädagogik soll die sprachliche Frühförderung verstärkt werden. Das ist für die Integration wichtig. Außerdem soll es mehr ganztägige Schulen geben und eine stärkere Vernetzung zwischen Vereinen und Schulen.
Was auffällt ist, dass Sie die Gesamtschule bei Ihren Verbesserungsvorschlägen mit keinem Wort erwähnen. Ist sie für Sie nicht wichtig?
Ich habe noch nicht alle meine Vorhaben aufgezählt.
Ist die Gesamtschule nur nicht prioritär?
Wir wollen Modellregionen schaffen. Wir wollen sie aber nicht verordnen. Sie sollen dort geschaffen werden, wo man den Konsens mit Lehrern, Eltern und Schülern findet.
Täuscht der Eindruck, dass die schwarz geführten Bundesländer, Vorarlberg und Tirol, emsiger an der Einführung einer Gesamtschule arbeiten?
Ich beurteile nicht nach dem, was geplant wird, sondern nach dem, was umgesetzt wird. Im Bezirk Jennersdorf und Güssing gibt es gar keine Unterstufe des Gymnasiums. Wenn Vorarlberg und Tirol in zwei Bezirken die Unterstufe des Gymnasiums abschaffen, dann sind sie so weit wie das Burgenland.
Die Regierung hat sich vorerst auf eine 15-Prozent-Grenze für die Gesamtschule festgelegt. Sind 15 Prozent genug?
Ich halte die Grenze nicht für notwendig. Warum soll die Modellregion nicht größer sein, wenn die Eltern das wollen?
Glauben Sie, dass mehr als 15 Prozent der Eltern, deren Kind eine AHS-Unterstufe besucht, die Gesamtschule wollen?
Das ist nicht unrealistisch.
Sie sind stolz auf Ihre kleinen Klassen und Schulen. Diese sind aber auch ein enormer Kostentreiber. Haben Sie für die zum Sparen gezwungene Bildungsministerin andere Sparalternativen?
Man kann im Verwaltungsbereich einsparen. Bei den Klein- und Kleinstschulen geht es um eine wohnortnahe Schule. Oder wollen Sie Sechsjährige zu Pendlern machen?
Die Frage ist, wie lang Kinder pendeln müssen. Eine fünfminütige Anfahrt in den Nachbarort wäre wohl zumutbar.
Ich möchte nicht, dass Sechsjährige außerhalb ihrer Gemeinde in die Schule gehen müssen. Man kann in Wien am Schreibtisch die Sache anders beurteilen. Doch wir haben die Postämter zugesperrt, und die Banken und Gasthäuser sperren zu. Die Schule hat für den Ort einen großen Stellenwert.
In Deutschland will die SPD angesichts des Flüchtingsstroms 20.000 zusätzliche Erzieher in Kitas und 25.000 zusätzliche Lehrer in Schulen schicken. Wie viele braucht es in Österreich?
Es braucht eine entsprechende Anzahl. Den genauen Bedarf muss man österreichweit erheben. Im Burgenland haben wir 330 Flüchtlingskinder in den Schulen. Eine entsprechende Zahl an Lehrern steht uns vom Bund aber nicht zur Verfügung. Wenn diese nicht kommen, dann ist Integration schwierig. Denn es kann nicht sein, dass 90.000 Flüchtlinge ins Land kommen und viele davon heimische Schulen und Kindergärten besuchen, aber vom Bund kein zusätzliches Geld zur Verfügung gestellt wird.
Oberösterreichs Landesregierung wollte eine Deutschpflicht in den Pausen einführen. Die nun über den Landesschulrat als Empfehlung kommen soll. Eine gute Idee?
Wenn Kinder kommen und nicht Deutsch können, wie sollen sie denn dann auf dem Pausenhof reden? Gar nicht? Das Problem ist nicht der Pausenhof, das Problem sind die Eltern, wenn sie zu Hause mit dem Kind in ihrer Muttersprache sprechen. Also müssen die Erwachsenen über die Erwachsenenbildung Deutsch lernen. Das ist zehn- oder hundertmal effizienter als zu sagen: Die Kinder müssen in der Pause Deutsch reden.
Wie soll die Erwachsenenbildung verbessert werden?
Jene, die keine Deutschkurse machen, sollen von der Mindestsicherung weniger bekommen. Eine Möglichkeit ist auch, anstelle der Mindestsicherung Sachleistungen zu geben. Darunter könnten etwa Deutschkurse fallen. Und wer sie nicht besucht beziehungsweise ein gewisses Deutschlevel nicht erreicht, der erhält eine reduzierte Mindestsicherung. Ich habe schon vor eineinhalb Jahren gesagt, dass es Konsequenzen für Integrationsunwilligkeit braucht. Damals hat es für Aufsehen gesorgt. Jetzt wird das umgesetzt.
Sie meinen, die Bundes-SPÖ ist nun auf ihre Linie geschwenkt.
Wenn man sich die Medienberichte anschaut, dann gibt es hier nun doch einen anderen Zugang als noch vor einigen Monaten.
ZUR PERSON
Hans Niessl (64) ist seit 2000 Landeshauptmann des Burgenlands. Der einstige Volksschullehrer, Hauptschullehrer und -direktor ist im Land für das Thema Bildung zuständig und hat 2016 kürzlich zum Jahr der Bildung erklärt. Er war anfangs Teil der Bildungsreformkommission. Diese präsentierte am 17. November die Bildungsreform, aber ohne Niessl. Er hat die Gruppe zuvor gemeinsam mit Niederösterreichs Landeschef Erwin Pröll aus Protest verlassen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2016)