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Goethes "Faust" als entfesselte Klaviersonate

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Daniil Tifonov zog im Konzerthaus erneut sämtliche Register seiner virtuosen Kunst.

Als letzte Zugabe gab Trifonov ein eigenes Stück zum Besten, das Scherzo seiner Sonate-Fantasy: ein kluger Abschluss, den der russische Klaviervirtuose mit dem Stück davor eingeleitet hatte. Auch dieses war ein tänzerischer Abschnitt aus einer Fantasiesonate, nämlich der G-Dur-Sonate Schuberts. Auf dessen Tonfall versteht sich Trifonov vorerst weniger als etwa auf Tschaikowsky – von ihm spielte er mit pointilistischem Witz „Die Silberfee“ aus dem „Dornröschen“-Ballett in der Transkription von Mikhail Plentnev – und Scriabin, von dem er mit souveräner Nonchalance die cis-Moll-Prélude Opus 9/1 für die linke Hand brachte.

Mit einem weit bekannteren Werk für die linke Hand hatte Trifonov begonnen: mit Bachs Violinchaconne in der Transkription von Brahms, die er technisch unglaublich perfekt, aber geradezu mit pianistischem Understatement interpretierte. Womit man die vielen manuellen Schwierigkeiten nicht im Mindesten merkte. War es Ehrfurcht vor diesem Stück, dass manches etwas distanziert klang?

 

Feurig: Liszts Paganini-Etüden

Dass Trifonov auch anders kann, zeigte er bei den „Grandes Études de Paganini“ von Liszt. Ein wahres Feuerwerk, das er hier inszenierte, begleitet von einer weiten, ausgeklügelt eingesetzten Anschlagspalette, die auf dem Bösendorfer besonders gut zur Geltung kam. Dass er bei der „La Campanella“-Etüde zuweilen seine technischen Möglichkeiten zu sehr zur Schau stellte, kann man einem so eminenten Pianisten, der offenkundig keine manuellen Grenzen kennt, nicht verargen.

Mutig, den Abend mit Rachmaninows erster Klaviersonate zu beschließen, die weder zu dessen populärsten noch dessen stärksten Werken zählt. War es ein Subtext, der Trinofov reizte? Vom Uraufführungsinterpreten, Konstantin Igumnow, weiß man, dass Rachmaninow in den drei Sätzen dieses Werkes den drei prägenden Gestalten aus Goethes „Faust“, Faust, Gretchen und Mephisto, ein musikalisches Denkmal setzt. Aus dieser Perspektive, zwischen grüblerischer Nachdenklichkeit, subtiler Melancholie und wild aufbegehrender Attitüde, las der entfesselte Interpret denn auch diese d-Moll-Sonate.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2016)