Länder basteln an der Gesamtschule

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Während im Bund noch um ein Gesetz zur Ermöglichung von Modellregionen zur Gesamtschule gerungen wird, tüfteln vor allem Vorarlberg, Tirol und Wien schon an einer Umsetzung. Derzeit fehlen dazu aber noch Testregionen.

Wien. 15: Diese Zahl wird die Politik in den kommenden Wochen und Monaten noch häufig beschäftigen. Sie ist die Grenze für alle Versuche zur Gesamtschule: In keinem Bundesland darf die Gesamtschule auf mehr als 15 Prozent der Schulen bzw. der Schüler ausgeweitet werden. So steht es in der Bildungsreform, auf die sich SPÖ und ÖVP am 17. November geeinigt haben. Doch schon bald darauf wurde klar: Die Zahl ist – zumindest für die SPÖ – nicht in Stein gemeißelt.

Die Regierung kann die Einführung einer Gesamtschule nicht allein beschließen. Es ist Zweidrittel-Materie und braucht als solche die Stimmen von FPÖ oder Grünen. Dass die Freiheitlichen solchen Modellregionen zustimmen, gilt als ausgeschlossen. So stellen die Grünen Bedingungen und rütteln gehörig an der für sie inakzeptablen 15-Prozent-Marke. Sehr zum Gefallen der SPÖ, die die Gesamtschule ohnehin lieber flächendeckend einführen würde und bislang nur durch den Koalitionspartner gebremst wurde. „15 Prozent sind 15 Prozent“, ließ ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka der SPÖ erst in der vergangenen Woche ausrichten.

Doch während die Bundes-ÖVP blockiert, sind die schwarzen Länder ein wahrer Gesamtschulmotor (mehr noch als so manche roten Länder). „Die Presse“ hat sich angeschaut, welches Land wie intensiv an einer Gesamtschule bastelt.

Vorarlberg: Laut Plan soll die Gesamtschule 2025 Realität sein

Das schwarz-grüne Vorarlberg lässt sich von den Geschehnissen im Bund nicht beirren: Die Gesamtschule soll dort im Jahr 2025 Realität sein. Der dafür nötige Zeit- und Stufenplan liegt seit Kurzem vor. Acht Arbeitsgruppen mit insgesamt 55 Mitgliedern, darunter Direktoren von Neuen Mittelschulen und Gymnasien, Lehrer, Mitglieder des Landesschulrates, Fachleute der Pädagogischen Hochschule sowie Vertreter von sieben Abteilungen des Landes, sollen die Umsetzung voranbringen. Es sollen ein neues pädagogisches Konzept erarbeitet, die Lehreraus- und -weiterbildung verbessert sowie die rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden. Im zweiten Halbjahr 2017 will man mit der Erprobung des Konzepts an Pilotschulen beginnen. Wie viele und welche Schulen das sind, ist noch nicht klar. Im ersten Halbjahr 2021 sollen der Erfolg überprüft und etwaige Nachbesserungen vorgenommen werden. Sollte alles nach Plan der Landesregierung laufen, dann soll die Gesamtschule im zweiten Halbjahr 2025 auf ganz Vorarlberg ausgedehnt werden. Der Bund könnte das aber verhindern. Mit einer 15-Prozent-Grenze lassen sich diese Pläne nicht vereinbaren. Landesrätin Bernadette Mennel (ÖVP) glaubt noch an eine Lockerung: „Es ist gelungen, die Tür einen Spalt aufzubrechen, nun werden wir weiter an der Tür drücken“, ließ sie ihrer Bundespartei kurz vor Weihnachten ausrichten.

Tirol: Steuerungsgruppe tagt, Modell in Innsbruck wackelt

Auch in einem anderen westlichen Bundesland sind die Pläne bereits weit fortgeschritten: In Tirol gibt es im Zillertal schon seit Herbst 2014 einen Modellversuch zur Gesamtschule (auch wenn davon kein einziges Gymnasium betroffen ist). Seit vergangener Woche existiert außerdem eine eigene Steuerungsgruppe. Konkret sind es zwei: Eine politische Gruppe, zu der die grüne Nationalratsabgeordnete Sigrid Maurer und Ex-Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle zählen. Und eine operative Gruppe, die sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen und der Organisation sowie mit der Pädagogik auseinandersetzt. Die schwarz-grüne Koalition hat in ihrem Koalitionsprogramm eine Modellregion festgelegt – nicht irgendwo, sondern in Innsbruck. Das sei nun „eher unwahrscheinlich“, sagt Bildungslandesrätin Beate Palfrader. Denn direkt in Innsbruck müssten fünf AHS-Unterstufen umgewandelt werden. Angesichts der 15-Prozent-Grenze dürften sich in Tirol aber nur zwei bis drei Gymnasien an einem Modellversuch beteiligen. Deshalb werden neue Standorte gesucht. In der öffentlichen Diskussion war dabei schon von Osttirol, Reutte, Landeck und Imst die Rede. „Überall gab es helle Aufregung, dabei ist eine Entscheidung bezüglich des Orts noch nicht gefallen“, so Palfrader. Für sie steht fest: Sie werde Eltern, Schüler und Lehrer zwar in die Überlegungen einbinden, im Ernstfall aber auch gegen diese entscheiden.

Wien: Regelschule im Jahr 2025 oder Transdanubien als Modell

Das rot-grüne Wien würde die Gesamtschule gern auf die gesamte Stadt ausweiten. Laut Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) soll sie 2025 die Regelschule sein. Die Regierung dürfte bei diesen Plänen zwar einen Strich durch die Rechnung machen, doch in Wien ist man trotzdem dabei, Vorbereitungen zu treffen. Seit Dezember gibt es auch dort eine Steuerungsgruppe. Zuletzt wurde erstmals auch ein Ort genannt, an dem die Gesamtschule in Wien getestet werden könnte – Transdanubien. Es war der grüne Klubchef, David Ellensohn, der sich für die Erprobung der Gesamtschule in ganz Floridsdorf und Donaustadt aussprach. Denn, so Ellensohn, ein Modellversuch an weit verstreuten Standorten sei sinnlos. Bei der SPÖ wollte man den Vorschlag vorerst weder ablehnen noch gutheißen. „Derzeit werden verschiedenste Modelle geprüft“, hieß es im Stadtschulrat.

Salzburg: Modell ja, aber nicht ohne Zustimmung der Eltern

In Salzburg wird auf landespolitischer Ebene schon lang über die Einführung der Gesamtschule diskutiert. Eine Modellregion hätte es eigentlich schon im Herbst 2014 geben sollen. So steht es im Arbeitsübereinkommen der Landesregierung aus ÖVP, Grünen und dem Team Stronach. Doch eine Testregion gibt es bis heute nicht. Aus dem damals dafür vorgesehenen Gebiet, dem Tennengau, gab es zu viel Widerstand. Das Projekt wurde noch vor Beginn gestoppt. Einen neuen Anlauf soll es – in welcher Salzburger Region auch immer – nur noch dann geben, wenn Eltern, Schüler und Lehrer mit an Bord sind. „Ohne Zustimmung wird es bei uns keine Modellregion geben“, heißt es aus dem Büro des Salzburger Landeshauptmanns, Wilfried Haslauer (ÖVP).

Zurückhaltend, aber prinzipiell offen

Deutlich weniger hört man in Sachen Gesamtschule von den beiden roten Bundesländern Burgenland und Kärnten. Die sind zwar grundsätzlich nicht abgeneigt, die Gesamtschule zu erproben. Gegen den Willen der Eltern will man sie aber nicht verordnen (siehe Seite 12). Auch in der Steiermark gibt es prinzipiell grünes Licht. Solange das Gesetz des Bundes nicht vorliege, gebe es aber noch keine Pläne.

Ober- und Niederösterreich: Kein Interesse

Ein eher deutliches Nein zur Gesamtschule gibt es aus Ober- und Niederösterreich. Aktiv wolle man diese nicht testen. Sollte eine oberösterreichische Region Interesse anmelden, dann sei man zwar gesprächsbereit. Derzeit würde es aber noch keinerlei Anfragen geben, heißt es aus dem Büro des oberösterreichischen Landeshauptmannstellvertreters, Thomas Stelzer (ÖVP).