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Hollywoods weiße Liste: Empörung bei den Oscars

(c) REUTERS (SHANNON STAPLETON)

Regisseur Spike Lee initiierte einen Boykott der Oscar-Verleihung. Grund: Zum zweiten Mal in Folge scheint kein Afroamerikaner in den Schauspielerkategorien auf. 94 Prozent der Oscar-Juroren sind weiß, 77 Prozent männlich.

Den Ehren-Oscar, eine Art Trostpreis, hatte Spike Lee vor zwei Monaten in Los Angeles noch höchstpersönlich und nicht ohne Stolz in Empfang genommen. Auf einen Regie-Oscar muss der schwarze Aktivist aus Brooklyn aber womöglich noch eine ganze Weile warten, und dies hat zum Teil wohl auch mit den Mechanismen in Hollywood zu tun, die er nun mit Verve beklagte.

Lee wählte just den Martin Luther King Day, einen Feiertag in den USA, für die Proklamation seines Boykotts der Oscar-Gala Ende Februar – und löste sogleich großes Echo aus, eine Kontroverse und zugleich ein Exempel in Sachen Political Correctness. „Es ist einfacher für einen Schwarzen, US-Präsident zu werden, als ein Studio zu führen“, lautet sein bitteres Resümee. Die Schauspielerin Jada Pinkett-Smith, die Frau des Stars Will Smith, schloss sich ihm mit Feuereifer an.

Nachdem die Regisseure Ang Lee und Guillermo del Toro, ein Taiwanese und ein Mexikaner, neulich die Oscar-Kandidaten in den Hauptkategorien bekanntgegeben hatten, brach prompt ein Sturm des Unmuts los. Denn zum zweiten Mal in Folge dominierte in den Darstellerkategorie die Farbe weiß auf allen Linien. Weder in den Haupt- noch in den Nebenrollen schaffte es ein schwarzer Schauspieler in die Runde der letzten fünf – kein Samuel L. Jackson im Tarantino-Western „The Hateful Eight“, kein Idris Elba als afrikanischer Warlord in „Beasts of No Nation“, kein Will Smith im Football-Drama „Concussion“. Auch das schwarze Ensemble des Hip-Hop-Films „Straight Outta Compton“ fand keine Gnade im Filmolymp.

Dass in dem hochgelobten Boxerfilm „Creed“ einzig Sylvester Stallone in der Reprise seiner Rolle als Rocky Balboa im Nebenfach für Oscar-würdig befunden wurde, nicht jedoch der Regisseur Ryan Coogler oder der junge Protagonist, Michael B. Jordan, schlug dem Fass den Boden aus. Schon als im Vorjahr weder Hauptdarsteller David Oyelowo in der Rolle des Martin Luther King noch die Besatzung des Bürgerrechtsdramas „Selma“ unter den Nominierten aufschienen, regte sich Protest in der schwarzen Schauspielergilde.

 

„So weiß wie die Rockies “

Auch heuer werden sich schwarze Stars als Staffage und Dekoration zufriedengeben müssen – Chris Rock als launiger Moderator und Pausenclown, andere mit der Überreichung der Trophäe an Leonardo DiCaprio & Co. Unter dem Motto „Oscars So White“ geht ein Shitstorm, ein Sturm der Entrüstung, auf Hollywood nieder. „Bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 gab es mehr Vielfalt“, notierte süffisant einer unter Anspielung auf den Super-Olympioniken Jesse Owens. Reverend Al Sharpton, stets an vorderster Empörungsfront, ätzte: „Hollywood ist wie die Rocky Mountains: Je höher es hinaufgeht, desto weißer wird es.“ Am härtesten trifft die Kritik die Präsidentin der Academy Awards: Cheryl Boone Isaacs, seit zwei Jahren die erste Schwarze im Amt, gelobte zerknirscht Besserung.

Afroamerikanische Schauspieler kämpften sich Stück für Stück nach oben. Die Kür Hattie McDaniels, der Mammy in „Vom Winde verweht“, zur besten Nebendarstellerin markierte 1940 eine Zäsur – mehr noch allerdings 1964 die Wahl Sidney Poitiers zum besten Hauptdarsteller in „Lilien auf dem Felde“. In den Nullerjahren avancierten Denzel Washington, Forest Whitaker und Jamie Foxx zu Oscar-Preisträgern, bei den Frauen durchbrach Halle Berry 2002 diese Glasdecke.

An der Zusammensetzung der rund 6300 Juroren, den Mitgliedern der Academy Awards, hat sich indes nur wenig geändert: 94 Prozent sind weiß, 77 Prozent männlich, das Durchschnittsalter liegt bei 63 Jahren. Je zwei Prozent sind Schwarze oder Latinos. Von der Vielfalt des Obama-Regenbogen-Amerikas ist Hollywood Welten entfernt. Spike Lee hat einstweilen nur einen Traum: mehr schwarze Bosse in den Chefetagen der Studios.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2016)