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Was haben die Vorfälle von Köln mit dem Islam zu tun?

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, wehrt sich gegen zu simple Antworten auf die Fragen der Kölner Silvesternacht.
Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, wehrt sich gegen zu simple Antworten auf die Fragen der Kölner Silvesternacht.(c) imago/Metodi Popow
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Die Diskussion über die Kölner Silvesternacht sollte man nicht nur mit einem Blick durch die Schablone Islam führen, sagt Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Die Presse: Was genau haben die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln mit dem Islam zu tun?

Aiman Mazyek: Teile der Presse, Rechtspopulisten, Dumpfbacken und Hassprediger im Internet haben die Frage schon längst sofort nach Bekanntwerden beantwortet. Alles hat mit dem Islam zu tun und nichts mit sozialen Problemen und schon gar nichts damit, dass von Alkohol enthemmte jugendliche Diebe zu Silvester einmal so richtig die Sau raus lassen wollten.


Nun, was man bisher weiß, kommen die Angreifer aus muslimisch geprägten Kulturen.

Ein Algerier ist bisher festgenommen worden. Der muslimisch geprägte Raum erstreckt sich von Mauretanien über den Nahen Osten bis hin zum Subkontinent Indien, welchen Teil davon meinen Sie nun? Sicherlich meinten Sie nicht die 700 Jahre islamische Kultur in Europa, das heutige Spanien?


Wir wissen, dass es in manchen islamisch geprägten Ländern ein problematisches Frauenbild gibt, nehmen wir Saudiarabien, Ägypten oder auch Afghanistan. Kann das damit zusammenhängen?

Ich glaube, die meisten kriminellen Frauenverachter von Köln wissen wahrscheinlich nicht einmal, wo diese Länder liegen, weil sie kaum Schulbildung bekommen haben, geschweige denn eine elterliche Erziehung.


Laut Polizei und den betroffenen Frauen waren die Täter Nordafrikaner.

Wenn sie es an der Sprache erkannt haben sollen, in Nordafrika spricht man etwa ein Dutzend verschiedene arabische Dialekte, neben Hocharabisch und Barabar, einer fast eigenen Sprache. Mich würde interessieren, welchen Dialekt die Frauen erkannt haben sollen. Denn so kommen wir diesen Schandtätern besser auf die Spur.


Bis jetzt sagen Sie, alles, worüber zu Köln gesprochen wird, ist nicht bewiesen.

Da scheinen Sie mich missverstanden zu haben.


Sie bestreiten, dass das, was in Köln passiert ist, ein muslimisch geprägtes Problem ist?

Lassen Sie uns weiter ein gepflegtes Interview führen und weniger ein Verhör. Fakt ist, es gibt ein weitverbreitetes Vorurteil: Der Muslim ist ein Extremist, ein Terrorist und nun – wir haben es doch immer schon gewusst – ist er auch noch ein Sexist. Eine faire Berichterstattung, geschweige denn eine sachliche, scheint in diesen Tagen schwer möglich zu sein.

Sie meinen, in der Berichterstattung zur Silvesternacht von Köln wird unfair mit den Muslimen umgegangen?

Ich meine das, was ich oben bereits sagte.


In welche Richtung hätten Sie sich die Berichterstattung gewünscht?

Menschen rutschen in die Kriminalität aus verschiedensten Gründen, einer davon kann sicherlich auch ein völlig falsch verstandenes Männlichkeitsbild sein, das zur Gewalt aufruft und Frauen verachtet. Teile der Öffentlichkeit diskutieren derzeit aber monokausal, als gäbe es nur Letzteres, und blenden anderes aus. Flüchtlinge und Religion werden als Folie instrumentalisiert, und das auch noch sehr oberflächlich. Denn spätestens nach der Erkenntnis, dass Alkohol im Islam verboten ist, hätte eine kritische Haltung eingenommen werden müssen.


Sie haben auch schon von der soziokulturellen Seite der Täter gesprochen. Was meinen Sie damit?

Wenn wir die Laufbahn eines Verbrechers untersuchen, kommt seine kriminelle Energie ja nicht qua Geburt. Das hat meist etwas mit seinem Leben und seiner Biografie zu tun. Leider gibt es Unterdrückung von Frauen, Sklavenschaft, Kinderarbeit, Diktatur, Elend und Böses in allen Teilen der Welt.


Sie haben sich für eine Verschärfung des Strafrechts ausgesprochen. Flüchtlinge sind ja eher keine Juristen . . .

Man muss kein Jurist sein, man muss nur zum Oktoberfest gehen und beobachten. Es gibt genügend Gelegenheiten zu sehen, wie es da manchmal zugeht. Da kann oft auch Freizügigkeit falsch verstanden werden beziehungsweise missbraucht werden.


Konkret wollen Sie auch das Sexualstrafrecht verschärfen.

Allgemein sexuelle Handlungen wie das plötzliche Grapschen sind bislang als solche nicht strafbar – allenfalls als Beleidigung. Oft werden die Täter nicht gefasst, und wenn sie gefasst werden, wird sie wegen der engen Personaldecke bei Polizei und Gericht kaum ein Strafprozess erwarten, der sie merklich beeindrucken wird. Würden sie aber zu Gefängnis ohne Bewährung bestraft, wäre wenigstens etwas Abschreckendes da.


Was können die deutschen Islamverbände tun, um die aufgeheizte Situation zu entschärfen?

Sie und viele andere dürfen und müssen jetzt die Scherben dieser verkorksten Diskussion wieder aufkehren. Muslime sollten deutlich machen, dass der Islam und sein Vorbild, der Prophet, Ehrerbietung, Respekt und Hingabe gegenüber der Frau einfordern. Der Prophet heiratete mit 25 die 15 Jahre ältere Chadidscha in Mekka, sie war eine erfolgreiche Kauffrau, Millionärin würde man heute sagen, von den Frauen bewundert, von manchen Männern gefürchtet. Sie war eine der stärksten Stützen des Propheten in seinem Leben.

Zur Person

Aiman Mazyek (geb. 1969 in Aachen) ist seit 2010 Vorstandsvorsitzender des Zentralrats der Muslime. in Deutschland (ZMD), der als einer der wichtigsten islamischen Dachverbände in Deutschland gilt. Im Gegensatz zu den anderen großen Verbänden ist er nicht türkisch dominiert, sondern umfasst arabische, deutsche und multiethnische Einzelorganisationen. Er hat rund 10.000 Mitglieder.