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Pop

Apropos Sex, Mrs. Faithfull

Marianne Faithfull
(c) EPA (Inga Kundzina)
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Jazzmusikerin Marianne Faithfull sprach mit der "Presse am Sonntag" über ihr unermesslich großes Talent zu schlafen und über die Unmöglichkeit, permanent glücklich zu sein.

Auf dem Cover Ihres neuen Albums „Easy Come, Easy Go“ prangt der Hinweis „18 Songs For Music Lovers“. Weshalb?

Marianne Faithful: Ganz simpel – um das falsche Publikum gleich von vornherein abzuschrecken. Ich verlange von meinen Hörern, dass sie sich eingehend mit meinen Aufnahmen auseinandersetzen. Ich produziere ja kein Hintergrundgesäusel für romantische Abende.

Ist es nicht sehr respekteinflößend, einen Klassiker wie „Solitude“ zu interpretieren, den schließlich schon eine Billie Holiday mustergültig gesungen hat?

Auf jeden Fall. Billie Holiday hatte ihre ganz besondere Art, sich Lieder zu eigen zu machen. „Solitude“ zu singen, wurde für mich der erhoffte magische Moment im Studio. Bereits die erste Aufnahme war perfekt.

Sie arbeiteten in den letzten Jahren regelmäßig mit Protagonisten der aktuellen Popszene. Wie schneiden sie im Vergleich zu den Größen der Sechziger- und Siebzigerjahre ab?

Sehr gut. Die sind nicht weniger kreativ. Sie arbeiten sehr hart. Ich liebe Blur, Jarvis Cocker, Nick Cave, Antony & The Johnsons und ich liebe Polly Jane Harvey. Auch Amy Winehouse finde ich super.

Glauben Sie, Amy Winehouse wird jemals wieder ein künstlerisches Comeback feiern?

Oh, sicher wird sie zurückkommen.

2002 komponierten Sie gemeinsam mit Beck einen Song mit dem hübschen Titel „Sex With Strangers“. Ist das nicht eine Kunstform, die im Begriff ist auszusterben?

Definitiv. Die jungen Menschen leben viel geordneter als wir damals in den Sixties. Der eigentliche Auslöser für den Song war ein Streit mit meinem Freund. Ich drohte ihm, das Haus zu verlassen und spontan Sex mit einem Fremden zu haben. Da merkte ich, was das für ein toller Songtitel wäre. So was erwartet man von einer Frau nicht, das ist eher ein männlicher Zugang. Als Idee finde ich Sex mit Fremden gut. In der Realität bin ich mit meinen Partnern lieber befreundet.

Apropos Sex: Serge Gainsbourg wollte seinen größten Hit „Je T'Aime, Moi Non Plus“ ursprünglich von Brigitte Bardot singen lassen. Nachdem sie absagte, dachte er auch an Sie als Interpretin. Hätten Sie für ihn gestöhnt?

Das hätte ich liebend gerne getan, es hätte mein Leben sicher verändert. Popmusik löst ja selten päpstlichen Bann aus. Diesbezüglich hege ich keine Hoffnungen mehr. Heute ist alles so brav.

Kannten Sie Gainsbourg persönlich?

Ja, natürlich. Ich mochte die Ernsthaftigkeit an ihm, mit der er an seine Aufgaben als französischer Rockstar heranging. Man merkte, dass er mit einem Bein noch in der Tradition der großen Chansonniers stand. Andererseits liebte er die Freiheiten, die die Popmusik in den späten Sechzigern kultivierte. Eine seiner starken Seiten war die kluge Provokation.

Auf Ihrem Album „Kissin' Time“ gibt es einen Song, der der deutsch-amerikanischen Sängerin Nico zugeeignet ist, die 1966 auf Druck von Andy Warhol bei Velvet Underground singen durfte. Lou Reed hasste sie. Was mögen Sie an ihr?

Ich kannte Nico leider nicht persönlich. Ich haben den Eindruck, dass sie eine Aura der Unschuld verbreitete, obwohl ihr viel Böses nachgesagt wird. Nico war keine Strategin, die Coolness und Kälte taktisch einsetzte. Ich glaube, sie wurde in ihrem Leben ein paar Mal zu tief verletzt, und da hat sie einfach zugemacht.

Ihr Kurt-Weill-Album „Seven Deadly Sins“ spielten Sie in Wien ein. Was lockte Sie damals?

Natürlich die Möglichkeit, mit diesem Radiosymphonieorchester unter der Leitung von Dennis Russell Davies aufnehmen zu können. Zudem die ewige Faszination Kurt Weill. Seine Sachen sind zu jeder Zeit relevant. Das ist schon faszinierend. Der hält sich besser als Brecht.

Wie kamen Sie mit Ihrem damaligen österreichischen Labelboss Markus Spiegel aus, der berühmt dafür ist, seinen Künstlern kommerzielle Konzepte überzustülpen?

Also ich mochte ihn. Natürlich war mir klar, dass er komplett verrückt ist. Aber ich liebe Markus. Vielleicht gerade deshalb. Davon abgesehen, hatte er bei mir nicht die geringste Chance, mit „kreativen“ Ideen durchzukommen.

Welche Stellenwert haben melancholische Songs in einer Welt, die hektische Fröhlichkeit produziert?

Mich fragen die Menschen schon seit Jahrzehnten, warum ich so viele traurige Lieder singe. Die Antwort ist einfach: weil ich das am besten kann. Niemand kann permanent glücklich sein. Der Mensch braucht auch hier seine Pausen. Ich vertraue darauf, dass manch einer dann und wann in ein einsames Kämmerchen geht und dunkle Musik hört.

Was machen Sie, wenn Sie mal nicht gerade arbeiten oder einen Film drehen?

Genauso exzessiv, wie ich arbeite, schlafe ich. Natürlich gehe ich gerne in Kino, Ballett und Oper. Auch dem guten Essen bin ich nicht abgeneigt. Aber mein Talent zu schlafen übersteigt alles, selbst meine musikalischen Gaben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2009)