Nicht schießen, das Foto jagen!

Peter Piller, Aus Schießende Mädchen, 2000-2005,Courtesy Capitain Petzel, Berlin
Peter Piller, Aus Schießende Mädchen, 2000-2005,Courtesy Capitain Petzel, Berlin(c) Peter Piller/Bildrecht, Wien 2016
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Kunsthaus Wien. Es wird sophisticated, wo bisher Stars und Hochglanz herrschten. Mit dem Hamburger Konzeptkünstler Peter Piller aber auch ziemlich lustig. Freiwillig unfreiwillig.

Jetzt muss das auf Hardcore-Fotografie von Annie Leibovitz bis Martin Parr eingestellte Kunst-Haus-Wien-Publikum aber einmal ganz tapfer sein: Denn (fast) kein Foto, das es ab morgen in den neuen Einzelausstellungen von Peter Piller und Anita Witek sehen wird, haben die beiden auch selbst „geschossen“. Peter Piller, Jahrgang 1968, arbeitet vor allem mit sogenannter Found Footage, sammelt, archiviert und ordnet sein auf mittlerweile 7000 Bilder angewachsenes Archiv fremder, meist sogar anonymer Fotos immer wieder neu.

Die 1970 geborene, in Wien lebende Anita Witek greift auch auf fremdes Material zurück, schneidet aus Lifestyle-Werbefotografie das „Life“ heraus (so auch der Ausstellungstitel), also die Menschen, und bastelt bzw. schichtet aus den so zurückbleibenden Hintergründen teils recht unheimliche, verschachtelte neue Welten. Montagen, die sie dann erst recht wieder neu fotografiert (also doch). Oder die sie in den Raum erweitert, zu begehbaren abstrakten Installationen aus alten Kunsthaus-Wien-Plakaten etwa. Der wild gewordene Bildhintergrund sozusagen.

Posieren rund um Kanalöffnungen

Gebrauchs- und Alltagsfotografie als Material – das verbindet diese zwei sonst so unterschiedlichen Konzeptkünstler. Über den Humor ist die Arbeit von Piller, der seit zehn Jahren an der Kunsthochschule Leipzig Fotografie im Feld der zeitgenössischen Kunst lehrt, zumindest leichter zugänglich. Durch einen frühen Job in einer Mediaagentur musste er sich etwa durch Berge von Regionalzeitungen blättern. Woraufhin er begann, Fotos daraus zu sammeln und zu ordnen, etwa Situationen, in denen (meist) Männer für den Fotografen neben „Löchern“ (meist Kanalöffnungen) posierten, sehr gewichtig, in heiligem Ernst (Serie „In Löcher blicken“). Eine soziologisch amüsante Feldforschung. Als vergrößerte Schwarz-Weiß-Scans hängen derlei Zeitungsfotos in Themengruppen sortiert zu Beginn der Ausstellung – um gleich die Erwartungen des Publikums zu brechen, so Kuratorin Verena Kaspar-Eisert.

Wer jetzt umdreht, ist allerdings selbst schuld. Denn es ist köstlich, (medien-)kritisch und erhellend, was Piller da vor uns auslegt: das geerbte Archiv einer Luftbildfirma etwa, einer dieser Firmen, die auch unseren Omis einmal die Vogelperspektive ihres Häuschens verkauften. Lauter Landhäuser von oben, geordnet nach solchen mit Swimmingpools, mit absurd angelegten Gartenwegen, mit heruntergelassenen Rollläden. Hat man das Ordnungskriterium einmal erkannt, macht das unheimlich Spaß. Ästhetisch doch eine Überraschung ist auch das von Piller nach skurrilen Perlen durchsuchte Firmenarchiv einer Versicherungsgesellschaft – die Gutachter bewiesen bei der Dokumentation sich teils nicht sofort erschließender Schadensfälle zwar zufällig, aber doch ein grandioses Auge. Oder drückten einfach unabsichtlich ab.

Dass auf der Rückseite jedes DDR-Armee-Magazins ein Schlagersängerinnen-Pin-up abgebildet war, war wohl eher kein Zufall. Piller fand Gefallen daran, diese Hefte so aufzuklappen (und zu scannen), dass das martialische Covermotiv gleich neben der niedlichen Rückseite zu liegen kommt. Ein ähnlicher Gegensatz hat ihn während des Autobahnfahrens so lang verfolgt, dass er eine Serie daraus machen musste: Frauen, die von LKW-Rückseiten lachen. Großartig. Piller jagte sie förmlich auf seinen Fahrten von Hamburg nach Leipzig und fotografierte sie erstaunlich scharf und klar durch die Windschutzscheibe, um dann jegliche Schrift wegzuretuschieren. Die derart bereinigten Fotos der lachenden Frauen sind dennoch meist von Scharnieren der Ladeklappe oder ähnlichem technischem Gestänge durchzogen, was das heile Bild der zähnebleckenden, Weintrauben essenden Werbeträgerin dann doch recht narbig wirken lässt, ein wenig räudig, so wie das Image dieser fetten Machokarossen nun einmal ist. Rückseiten, Hintergründe, Abgründe – im Fokus steht hier das Blitzlicht diesmal nur als unbeabsichtigte Reflexion auf Gummistiefeln der Ortsfeuerwehr oder so (Pillers Serie „Regionales Leuchten“). Glamouröse Geistesblitze halt statt geblitztem Glamour.

22. Jänner bis 22. Mai, Untere Weißgerberstr. 13, Wien 3.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2016)

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