Didier Cuche: „Es war immer eine Befreiung, im Ziel zu sein“

Didier Cuche
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Didier Cuche hat fünf Mal die Hahnenkamm-Abfahrt gewonnen. Der Schweizer plaudert über Kitzbühel, Erinnerungen und Grenzgänge.

Die Presse: Skirennen in Kitzbühel sind für Österreich das Größte, sieht man das im Ausland auch so? Welche Anziehungskraft hat die Streif wirklich?

Didier Cuche: Ich glaube, dass es für Österreicher genauso ist wie für uns Schweizer mit dem Lauberhorn. Das sind wirklich legendäre Abfahrten, beide sind schwierig zu gewinnen. Im eigenen Land ist die Spannung größer, und all die Erwartungen machen das Ganze nicht einfacher. Es ist super.

Sie haben fünf Mal die Abfahrt gewonnen, einmal den Super-G – wie finden Sie die Streif? Steil, schnell, schräg, schrill?

In Kitzbühel kommt sehr viel zusammen. Extremes, auch Normales, wenn man so will. Du musst alles abrufen und ruhig bleiben. Wer Angst hat, das bestätigt jeder Fahrer, hast du Adrenalin im Blut, und das ist lähmend. Es gibt dieses komische Gefühl im Blut, es ist an der Grenze . . .

Hatten Sie so einen Grenzgang?

Ja. Ich hatte das beim ersten Mal hier in Kitzbühel, im Training. Es waren schwierige Bedingungen, die ersten fünf Fahrer vor mir waren alle gestürzt, und drei mussten mit dem Helikopter sogar ins Krankenhaus . . . Die Anspannung war noch Jahre später im ersten Kitzbühel-Training hoch. Aber ich hatte das große Glück, dass ich nie gestürzt bin. Das gab mir auch ein gesundes Vertrauen, vielleicht hatte ich deshalb im Lauf der Karriere immer kaum Stress vor Rennen.

Hand aufs Herz: Wie groß ist die Befriedigung, wenn man auf der Streif gewonnen hat?

Das ganze Jahr hast du die Vorbereitung, dann kommst du hierher. Wenn du eine gute Saison hast, mit dem richtigen Set-up, Material, Physis, und das Vertrauen, dann geht alles viel leichter. Dann gewinnst du, das ist die Krönung. Wenn du gewinnst, speziell in Kitzbühel, bist du erleichtert. Hier ist es ein doppeltes Gefühl: Stolz und Freude am Sieg – und die Befreiung, im Ziel zu sein. Die Woche ist am Samstagnachmittag vorbei, und du stehst gesund auf den Beinen – dessen musst du dir schon bewusst sein. Manchmal, als ich noch Kombination gefahren bin, war der schwierigste Teil noch nicht vorbei. Ich musste auch den Slalom fahren – und weil wir vorhin von Angst gesprochen haben: Ich hatte manchmal mehr Angst zwischen diesen Stangen als vor der Streif.

Warum? Im Slalom ist doch das Tempo weitaus geringer und . . .

. . . wenn man das ganze Jahr über zumeist Abfahrt trainiert, ist man das gewöhnt und für das Tempo bereit. Aber im Slalom, da kommen die Stangen dann sehr schnell, anders, daher. Ich habe damals auch gespürt, das ich mein eigenes Limit im Skifahren erreicht habe. Und Stürze im Slalom können sehr wehtun – ich hatte daher auch einen gesunden Respekt vor diesem Hang.

Stichwort Respekt: Svindal, Jansrud und Kristoffersen – drei Norweger dominieren diese Saison. Andere, auch die Schweizer, fahren hinterher. Wird es an diesem Wochenende genauso sein?

Kann sein. Aber erinnern wir uns an Bode Miller. Er dominierte oft die Saison, hat aber auf der Streif nicht gewonnen. Hier darfst du nichts erzwingen, mit der Brechstange geht nichts. Das Quäntchen Glück brauchst du. Warum es die Norweger haben, weiß ich nicht. Svindal erklärt aber gut, wie es seine Nation schafft. Norweger haben extremen Teamgeist. Da schauen alte Fahrer auf Neuankömmlinge, und wer nicht mithilft, wird geschimpft. Das gibt eine gesunde Dynamik, man freut sich für andere. Aber bei Jansrud sehe ich jetzt eine gewisse Anspannung. Svindal ist besser, oft schneller. Und deshalb verkrampft er.

Stimmt es, dass Jansrud in der vergangenen Saison Svindals Skier gefahren ist?

Ich weiß es nicht hundertprozentig. Ich glaube nicht, dass Jansrud so dominiert hätte, wäre Svindal nicht verletzt gewesen. Und, bei Head gibt es nicht nur ein, zwei Paar Ski, die so gut gehen. Und hat man den gleichen Servicemann, gibt es kaum Unterschiede.

Sie haben 2012 Ihre Karriere beendet. Fehlt der Temporausch?

Den brauche ich nicht mehr so. Es macht Spaß, ab und zu schneller zu fahren. Aber ich bin nicht mehr so trainiert wie früher, und wenn ich es übertreibe, kann es wehtun. Auch ist mein Kopf nicht mehr dazu bereit.

Und wer schlägt jetzt die Ski-Saltos in der Schweiz?

Es gibt immer wieder Leute, die mich danach fragen. Manche wollen es wirklich probieren. Die coache ich dann.

ZUR PERSON

Didier Cuche (*16. August 1974 in Le Pâquier, Schweiz) war Spezialist für Abfahrt, Super-G und Riesenslalom.

Der Schweizer feierte 21 Weltcupsiege, davon sechs in Kitzbühel. Er gewann fünfmal die Streif-Abfahrt, einmal im Super G. Zudem ist seine Beziehung zu Kitzbühel prägend: 1998 hat er hier den ersten Weltcupsieg geschafft, 2012 hat der Super-G-Weltmeister von 2009 nach dem Sieg seinen Rücktritt angekündigt.

Der gelernte Fleischhauer unterstützt nun seine ehemaligen Teamkollegen, vertritt Head weiterhin und agiert als Eurosport-Experte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2016)

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