Provoke-Gruppe: Aus dem Protest geschöpft

Zukunftsvision. Foto von einer nuklearen Modeschau, aufgenommen von Provoke-Mitglied Yutaka Takanashi 1969.
Zukunftsvision. Foto von einer nuklearen Modeschau, aufgenommen von Provoke-Mitglied Yutaka Takanashi 1969.(c) Yutaka Takanashi/Taka Ishii Gallery
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Die kurzlebige Provoke-Gruppe revolutionierte Ende der Sechzigerjahre den Fotografiebegriff in Japan. Die Albertina widmet ihr nun eine Retrospektive.

Immer wieder hat sich im Lauf der Geschichte bewahrheitet: Protestbewegungen und Phasen gesellschaftlichen Aufbegehrens vermögen ungeahnte kreative und künstlerische Energien freizusetzen. Sich parallel zu solchem Veränderungswillen formierende Avantgarde-Bewegungen zielen zugleich nicht zwingend nur auf eine ästhetische Erneuerung innerhalb des Feldes künstlerischer Produktion ab. Zudem verspüren ihre Vertreter nicht selten den Wunsch, durch ihre Praxis auch gesellschaftlich relevant zu sein und so unmittelbar an der Protestbewegung teilzunehmen.

Wie maßgeschneidert trifft diese Beschreibung auf die sich Ende der Sechzigerjahre formierende, kurzlebige Provoke-Gruppe in Japan zu: Mit nur drei Ausgaben eines ebenso betitelten Magazins, das zwischen 1968 und 1969 erschien, erneuerten ihre Mitglieder den Begriff der Fotografie und verliehen ihrem Unbehagen gegenüber verfälschenden Bilddokumenten und einem ihrer Meinung nach aus den Fugen geratenen Repräsentationsbegriff Ausdruck. Die Wiener Albertina widmet Provoke nun eine erste große Retrospektive und legt in Kooperation mit drei Partnermuseen einen Katalog als gültiges Dokument der Grundlagenforschung zu diesem Thema vor.

Beeinflusst. Nobuyoshi Araki (hier ein Foto ohne Titel aus 1973) wollte Mitglied von Provoke sein, wurde aber nicht aufgenommen.
Beeinflusst. Nobuyoshi Araki (hier ein Foto ohne Titel aus 1973) wollte Mitglied von Provoke sein, wurde aber nicht aufgenommen.(c) Nobuyoshi Araki/AIC



Alternative zur Sprache. „Vielleicht das Faszinierendste an Provoke ist, wie mit nur drei Ausgaben einer Zeitschrift der Begriff davon, was Fotografie sein kann, ex­trem erweitert wurde“, unterstreicht Albertina-Kurator Walter Moser die Bedeutung der Gruppe und weist darauf hin, wie viel ihr die zeitgenössische Fotoszene Japans zu verdanken habe. Doch während in der existierenden Fachliteratur zumeist hervorgehoben wird, dass die Ästhetik des „Are, Bure, Boke“ – körnig, verschwommen und unscharf – als maßgebliches Charakteristikum auszumachen sei, erkennt Moser eine weitere Dimension: „Die Provoke-Mitglieder wollten gar keinen neuen Stil begründen“, sagt Moser. „Im Gegenteil: Als sich ihr stilbildender Einfluss abzuzeichnen begann, hat die Gruppe sich wieder aufgelöst.“

Nicht einmal dreihundert Seiten umfassten die drei Ausgaben des Magazins „Provoke" insgesamt, gedruckt wurde jedes in einer Auflage von 1000 Stück. Die unmittelbare Breitenwirkung war also gering, und die wenigen erhaltenen Originale gelten als begehrte Sammlerstücke. Ungeachtet der relativ geringen Verbreitung erwiesen sich die Bilder und Texte von Provoke als über lange Sicht äußerst einflussreich. Als Manifest der Gruppe können Passagen in der ersten Ausgabe gelesen werden, ein gemeinsames Vorwort wurde von den Gründungsmitgliedern Yutaka Takanashi, Takuma Nakahira, Koji Taki und Takahiko Okada gezeichnet. Darin ist ausdrücklich die Rede davon, dass „wir Fotografen mit unseren Augen jene Fragmente der Wirklichkeit einfangen müssen, die mit der existierenden Sprache nicht länger erfasst werden können.“

Unter Bezugnahme auf Theoretiker wie Barthes und Benjamin wurde von den Provoke-Gründern, zu denen später auch Daidō Moriyama stieß, die Forderung nach einer möglichst unmittelbaren und darum vertrauenswürdigen Bildsprache aufgestellt. Die im Titel versprochene Provokation sollte dabei so verstanden werden, dass man das Publikum provozieren wollte, sich zum Fassen neuer Gedanken aufzuschwingen. „Zugleich war Provoke als Bruch mit der Reportagefotografie und der Berichterstattung in den Massenmedien angelegt“, sagt Walter Moser.

Demonstration. Fotos in Protestbüchern dokumentierten Kundgebungen, hier gegen den Bau des Narita-Flughafens bei Tokio.
Demonstration. Fotos in Protestbüchern dokumentierten Kundgebungen, hier gegen den Bau des Narita-Flughafens bei Tokio.(c) Art Institute of Chicago



Ästhetik der Revolte. Die Sechzigerjahre wurden in Japan offiziell als „goldenes Jahrzehnt“ aufgefasst, sie bescherten dem Land nicht nur die Olympischen Spiele in Tokio 1964 und die Vorbereitungen auf die Weltausstellung in Osaka 1970, sondern auch eine erneute Annäherung an den Westen. 1960 wurde die Ausweitung eines erstmals Anfang der Fünfzigerjahre mit den Vereinigten Staaten unterzeichneten Sicherheitsabkommens na­mens ANPO beschlossen. Dies bewirkte nicht nur eine ökonomische Öffnung, vergleichbar vielleicht mit der letzten Periode der Edo-Dynastie und der Meiji-Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, sondern führte auch zu Massenprotesten gegen den Erhalt von Militärbasen der US Army auf japanischem Boden (die Dokumentation „ANPO. Art x War“ von Linda Hoaglund aus dem Jahr 2010 fasst diese Phase zusammen). Außerdem sollten zugunsten einer Verbesserung des Verhältnisses zu den USA auch Themen wie die Atombombenabwürfe möglichst wenig thematisiert werden. In den Medien kam es zu einem Abbildungsstopp und so auch zu einem „erzwungenen Vergessen“, wie Walter Moser meint. Ein Vertrauensverlust in etablierte Medien war die Folge.

Eine Mobilisierung der Gesellschaft erfolgte auch gegen Projekte wie den Bau des internationalen Flughafens von Narita. Um die Demonstrationen zu dokumentieren und alternative Kommunikationskanäle zu eröffnen, wurde eine umfassende Protestliteratur herausgegeben. Diese beinhaltete häufig Fotos von Demonstrationen, die inmitten des Geschehens ohne die Möglichkeit einer bewussten Bildkomposition enstanden waren. Nachts geschossene Aufnahmen hatten aufgrund technischer Gegebenheiten zudem jene Anmutung, die der bereits erwähnten Grobkörnigkeit des „Are, Bure, Boke“ entspricht. Letzteres replizierte also ein fotografisches Arbeiten, das für Authentizität bürgte. Dazu der Kurator: „Die Bildsprache von Provoke ergab sich nicht aus ästhetischen Überlegungen, sondern war einer neuen fotografischen Praxis, einer konkreten Handhabung der Kamera, geschuldet.“ Die Fotos wurden aus der Hüfte geschossen, und fast alle Fotografen der Gruppe verzichteten darauf, durch den Sucher der Kamera zu schauen.

Zufallsprodukt. Aus der Serie „Accident“ (eigentlich: „Akushidento“) von Daidō Moriyama aus dem Jahr 1969.
Zufallsprodukt. Aus der Serie „Accident“ (eigentlich: „Akushidento“) von Daidō Moriyama aus dem Jahr 1969.(c) Daidō Moriyama/Shadai Gallery, Tokyo Polytechnic University

Ab Ende Jänner wird in Wien die von der Albertina in Kooperation mit dem Fotomuseum Winterthur, Le Bal in Paris und The Art Institute of Chicago realisierte Ausstellung erstmals zu sehen sein und in drei Themenblöcken – Protest, Provoke, Performance – auch die Nachwirkungen und das Vorfeld von Provoke zwischen 1960 und 1975 aufbereiten: die spannende und ambitionierte Momentaufnahme eines sehr spezifischen Aspekts der Fotogeschichte.

Tipp

„Provoke. Zwischen Protest und Performance. Fotografie in Japan 1960–1975“ ist von 29. 1. bis 8. 5. in der Albertina zu sehen.

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