Beliebte Filmkulisse Washington: Dreharbeiten mit Reese Witherspoon und Jack Nicholson im In-Viertel Adams Morgan locken Zaungäste an.
Nicht, dass Adams Morgan nicht genug Abwechslung zu bieten hätte. Die 18th Street des kunterbunten Washingtoner Lokalviertels ist voll von Bars und Blueslokalen, von Cafés, Fastfoodläden und äthiopischen Restaurants. Von Flutlichtkränen und auf Dächern postierten Scheinwerfern angezogen wie Motten vom Licht, drängen sich die Nachtschwärmer, manche mit einem Pappkarton mit Pizza, an einer belebten Kreuzung.
Selbst die eifrigsten Jogger halten kurz inne, nur eine drahtige Frau mit einer Yogamatte unter dem Arm ist genervt von dem Auflauf, der ein Durchkommen einstweilen verhindert.
Vor dem Starbucks vis-à-vis sind Dreharbeiten im Gang, die Filmcrew hat ihr Equipment aufgebaut. Requisiteure und Tontechniker tummeln sich auf dem Set, die Kabel verlaufen über mehrere Blocks. Ein Hauch von Hollywood weht durch die US-Hauptstadt, die als Filmkulisse immer beliebter wird. Zuletzt trieb sich Russell Crowe als Enthüllungsreporter in „Der Stand der Dinge“ zwischen Georgetown und Kapitol herum. Neuerdings sonnen sich auch die Stars wieder gerne an der Seite des Präsidentenpaars. Und die „Washington Post“ betreibt auf ihrer Klatschseite Star-Spotting: Wo dinieren die VIPs? Hotspot ist das Nobelviertel Georgetown.
„Die kleine Blonde in dem blauen Pullover da drüben, das ist doch Reese Witherspoon“, bemerkt ein Zaungast. „Hat die eine Perücke auf?“, fragt ihre Freundin. „Du weißt doch, wie Kino ist: Selbst wenn sie grausam aussieht, schaut sie auf der Leinwand doch gut aus.“ Eine andere weiß: „Die hat in Stanford studiert, aber nicht abgeschlossen.“ Zwei Paparazzi zoomen sie mit einem Riesenobjektiv heran.
Einer Schwarzen brennt die Frage auf den Lippen: „Wo ist Jack?“ Jack Nicholson und Witherspoon spielen Vater und Tochter in einer „romantic comedy“, die vorläufig den Arbeitstitel „How Do You Know“ trägt und im nächsten Sommer in den Kinos anlaufen soll. Doch der eingefleischte Basketballfan Nicholson, der seinen Drehplan nach dem Spielplan der LA Lakers ausrichtet, taucht vorläufig nicht auf. Vielleicht hält er ja im Starbucks Hof, der Einsatzzentrale der Dreharbeiten. Im Gegensatz zu den anderen Akteuren macht sich Nicholson im Washingtoner Nachtleben bisher rar. Ko-Star Owen Wilson zieht dagegen durch die Bars, Witherspoon joggt auf der Mall oder geht mit Freund Jack Gyllenhaal aus. Es ist einer dieser schwülen Sommernächte, in denen das Thermometer auf gerade einmal 27 Grad gesunken ist. Viele haben es sich auf den Stufen vor ihrem Hauseingang gemütlich gemacht. „Das ist doch besser als nach Hause zu gehen und die E-Mails zu checken“, sagt einer. Kurz vor Mitternacht karrt ein Mitarbeiter Nachschub an Verpflegung herbei. Entlang der Columbia Road fädeln sich die Trucks mit laufenden Motoren und die Trailer der Besetzung auf, die Stromgeneratoren surren, und aus den Walkie-Talkies der Helfer rauscht es. Die einen bespritzen den Asphalt mit Wasser, weil das Drehbuch eine Regenszene vorschreibt. Andere fuchteln mit Megafonen und Trillerpfeifen herum. „Bitte blitzt nicht mit euren Fotohandys“, fordern sie die gut 300 Schaulustigen freundlich, aber bestimmt auf. „Das kostet uns eine Stange Geld. Danke für die Kooperation.“
Regisseur James Brooks („Zeit der Zärtlichkeit“, „Besser geht's nicht“, jeweils mit Nicholson) gibt dem Schauspieler Paul Rudd letzte Instruktionen, eine Schminkmeisterin frischt dessen Make-up auf und zupft das Hemd zurecht. Der Regieassistent ruft „Action“, und schon setzt sich die Autokolonne zum x-ten Mal in Bewegung. Rudd winkt ein Taxi herbei, verstaut Gepäck im Kofferraum und Witherspoon verschwindet im Fond. „Cut.“ Das war's schon. Das Publikum klatscht und johlt, und das hat einen ironischen Beiklang angesichts des enormen Aufwands. Paul Rudd, ganz der nette Junge von nebenan, winkt der Menge belustigt zu. Eine entspannte Geste, die wiederum Gelächter hervorruft. Später wird er noch bereitwillig für Fotos posieren.
„In Berlin haben wir das doch jeden Tag an jeder Ecke“, wundert sich eine deutsche Touristin großmäulig. „Aber nicht mit einer solchen Besetzung“, entgegnet ihre Freundin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2009)