Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Kongo: Traumatisiert vom Terror der Milizen

(c) Wieland Schneider
  • Drucken

Alltagsgewalt und der bizarre Krieg der „Lord's Resistance Army“ lassen im Kongo bei zahllosen Menschen seelische Wunden zurück. „Ärzte ohne Grenzen“ versucht zu helfen.

Langsam richtet sich O. in ihrem Bett auf. Ihr Körper ist von den schrecklichen Erlebnissen der vergangenen Wochen gezeichnet. Sie ist abgemagert, kann noch immer nicht richtig gehen. Hier, im Krankenhaus der Stadt Dungu im Nordosten des Kongo, versucht die junge Frau wieder zu Kräften zu kommen, und zu verarbeiten, was ihr angetan worden ist. O. war von der „Lord's Resistance Army“ (LRA), der „Widerstandsarmee des Herrn“, verschleppt worden. Wochenlang musste sie mit den Rebellen im Busch hausen, wurde mehrmals täglich vergewaltigt. Kongolesische und ugandische Truppen befreiten sie schließlich.

 

Führerkult und Okkultismus

Das Schicksal der jungen Frau ist kein Einzelfall. Seit Monaten verbreitet die Widerstandsarmee des Herrn in der Zentralafrikanischen Republik und im Nordostkongo Schrecken. Ihre Kämpfer überfallen Dörfer, vergewaltigen, töten, kidnappen die Bewohner – auf Geheiß ihres Führers Joseph Kony, der einst behauptete, auf einer Mission des Heiligen Geistes zu sein. Entführte Kinder hält die LRA als Arbeits- und Sexsklaven. Und drillt sie zum Töten – um so die Reihen ihrer Kämpfer aufzufüllen.

Die Verbrechen der Widerstandsarmee des Herrn haben im Nordosten des Kongo eine Unzahl traumatisierter Menschen zurückgelassen. Die französische Psychologin Laure Wolmark ist für Ärzte ohne Grenzen (MSF) in der Krisenregion unterwegs, um die Opfer der LRA zu betreuen. Einige Patienten – wie etwa O. – besucht Wolmark in den wenigen Krankenhäusern der Gegend. Andere trifft sie in abgelegenen Siedlungen – dort, wo man nur mehr auf Geländemotorrädern hingelangt, nach einer halsbrecherischen Fahrt auf engen Erdpisten mitten durch den Busch.

 

Täter wollen Macht ausüben

Wolmark versucht, den Opfern in der ersten Phase des Schocks zu helfen: „Man hört zu Beginn einfach zu, zeigt, dass man mit den Betroffenen fühlt.“ Die Betroffenen sind Menschen, deren Angehörige mit Macheten zerhackt worden sind. Und Menschen, die sich monatelang in den Händen der LRA befanden – in einer bizarren Welt aus christlich verbrämtem Okkultismus, Führerkult und schier grenzenloser Grausamkeit.

Wolmark betreut auch viele missbrauchte Frauen – nicht nur jetzt im Kongo, sondern auch bei ihren früheren Einsätzen im westsudanesischen Darfur, in Liberia, Haiti, Guatemala. Die Ursachen dafür, warum in Kriegsgebieten so vielen Frauen Gewalt angetan wird,sind vielfältig, berichtet die Psychologin. Meist geht es den Tätern darum, Macht auszuüben. Oft handeln sie in einem durch Krieg und Kriminalität völlig verrohten Umfeld. Und in einigen besonderen Fällen wird Vergewaltigung auch gezielt als „Waffe“ eingesetzt.

„Die Gewalt der LRA gegen Frauen ist Teil einer Terrorpolitik gegen die Bevölkerung“, meint Wolmark. So ließen die Rebellen nach ihrem Angriff auf die Stadt Duruma eine nackte Frauenleiche auf der Straße liegen. Die LRA-Führung missbraucht gefangene Mädchen und Frauen aber auch, um ihre Offiziere zu „bezahlen“.

 

Angesteckt mit HIV

Während rund um Dungu, im äußersten Nordosten des Kongo, weiterhin ein besonders brutaler Untergrundkrieg tobt, ist in der südlicher gelegenen Provinz Ituri bereits Frieden eingekehrt. Ein Ende der Gewalt bedeutet das aber noch lange nicht, schon gar nicht in Bunia, der Hauptstadt der Provinz. „Es gibt dort vor allem nach wie vor sehr viel Gewalt gegen Frauen“, berichtet die MSF-Psychologin Wolmark. „Pro Monat kommen 100 bis 150 Vergewaltigungsopfer dazu, darunter immer mehr Minderjährige.“ Die Täter sind nicht nur Soldaten, sondern oft selbst Zivilisten. Der Krieg hat Bunias Gesellschaft brutalisiert.

Dass diese Verbrechen in Friedenszeiten geschehen, hat Auswirkungen auf das soziale Leben der missbrauchten Frauen. Oft werden sie von ihren Familien verstoßen; nicht zuletzt wegen eines perfiden Vorwurfs, mit dem Vergewaltigungsopfer auch in europäischen Gesellschaften immer wieder zu kämpfen haben, nämlich „irgendwie selbst schuld“ daran zu sein. Dazu kommen körperliche Folgen: die Ansteckung mit HIV bei der Vergewaltigung oder später, wenn die Frauen heimlich unter furchtbaren hygienischen Umständen abtreiben lassen. Denn Abtreibung ist illegal im Kongo.

Viele Gewaltopfer leiden jahrelang an Depressionen. Wie gut sie das Erlebte verarbeiten können, hängt auch davon ab, ob sie unmittelbar nach dem traumatisierenden Geschehen psychologisch betreut worden sind. Eben das versucht Laure Wolmark zu tun – bei der jungen Frau O. und den vielen anderen im Nordosten des Kongo.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2009)