Der neue Chef der Deutschen Bank schockt die Anleger mit einem Rekordverlust von 6,7 Mrd. Euro und die Mitarbeiter mit der Ankündigung von zwei weiteren harten Jahren.
Wien/Frankfurt. Eines kann John Cryan niemand vorwerfen: dass er die Lage schönredet. Im vorigen Sommer hat der Brite das Kommando der Deutschen Bank übernommen. Vom ersten Tag an zeichnete der Sanierer ein düsteres Bild von Deutschlands größtem Geldhaus und seiner Kultur. Schon im Herbst räumte er in der Quartalsbilanz auf, mit hohen Abschreibungen und Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten. Doch wer glaubte, damit seien die Leichen aus dem Keller, hat sich getäuscht. Für das vierte Quartal gibt es überraschend neue Vorsorgen, jetzt auch für einen massiven Jobabbau.
Das Ergebnis: ein Jahresverlust von 6,7 Mrd. Euro, der bisher höchste in der Geschichte. Erst einmal, in der Finanzkrise von 2008, gab es ein (deutlich kleineres) Minus. Damit hat niemand gerechnet. Der Kurs brach am Donnerstag um fast fünf Prozent ein. Seit Jahreswechsel hat das Institut 24 Prozent an Börsenwert verloren – mehr als jede andere global tätige Bank.
Im Prinzip sollte der brutale Kehraus nicht verwundern: Viele neue Topmanager packen alle Lasten, die sie ihren Vorgängern anrechnen können, in die erste Bilanz – um in der Folge umso strahlender dazustehen. In einer Botschaft an die Mitarbeiter tritt Cryan seinem Vorgänger, Anshu Jain, als Ko-Chef nach: Die Zahlen seien „ernüchternd“, aber man müsse es schaffen, sich vom „Sanierungsfall“ zu einer „gut geführten Institution“ zu entwickeln. Auch die hohen Rückstellungen für rechtliche Risken – 5,2 Mrd. für 2015 – können kaum überraschen: unterlaufene Russland-Sanktionen in der Moskauer Niederlassung, manipulierte Kurse von Libor, Euribor, Devisen und Rohstoffen, Klagen wegen verlustreicher Hypothekenanleihen in den USA. Kein Skandal, in dem die Deutsche Bank nicht groß in den Schlagzeilen stünde. Das alles könnten die Aktionäre nachsehen, wenn es endlich einen Schlussstrich gäbe. Was irritiert, ist die laufende Bildung neuer Vorsorgen.
Am meisten Unruhe löst aber aus, dass auch das laufende Geschäft nicht mehr rund läuft: Im vierten Quartal schrumpften die Erträge um 15 Prozent zum Vorjahr. Durch immer strengere Anforderungen an die Kapitalunterlegung lohnt sich das Geschäft mit vielen volatilen Wertpapieren nicht mehr. Vor diesem Problem stehen auch US-Großbanken, aber ihre Einbußen sind nicht so hoch. Und trotz aller Sünden: Obwohl JP Morgan drei Mal und die Bank of America sechs Mal so viel für Strafen und Rechtsrisken aufwenden mussten, schreiben sie wieder zweistellige Milliardengewinne. Auch in der mittlerweile wieder grundsoliden deutschen Bankenlandschaft steht kein Institut so schlecht da wie der Platzhirsch.
Noch keine „normale Bank“
Also kündigt Cryan „harte Arbeit und Belastungen“ an: 9000 Arbeitsplätze will er streichen. Mit der Trennung von der Postbank sinkt die Belegschaft um ein Viertel auf rund 75.000. Bis Ende 2017 sollen 200 von 700 Filialen schließen. Die Investmentbanker müssen um ihre Boni bangen, die Aktionäre sehen keine Dividende – bis 2018, wenn das gebeutelte Geldhaus wieder eine „normale Bank“ sein soll. Die Mittel sollen in Investitionen fließen, vor allem in die veraltete IT. Und den Kapitalpuffer stärken – zuletzt ging die Kernkapitalquote zurück, von 11,5 auf elf Prozent.
Wird Cryan das schaffen? Bei der UBS ist ihm nach der Finanzkrise der Wandel gelungen: weg vom riskanten Investmenbanking, hin zur Vermögensverwaltung für Wohlhabende. Aber damals erholten sich die Märkte, heute spielen sie verrückt. Und die Gefahr besteht, dass bei zu vielen Schmerzen und schlechtgeredeter Stimmung auch beste Mitarbeiter von Bord gehen: Wenn die Schnitte zu tief sind, verblutet der Patient. (gau)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2016)