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Belgien: IS-Terror hat Nachspiel für Schulleiter

(c) APA/AFP/Belga/NICOLAS MAETERLINC

Ein Direktor in Brüssel soll die Radikalisierung eines Paris-Attentäters übersehen haben. Ihm droht die Entlassung. Er wiederum sieht ein Versagen der Schulbehörde.

Brüssel/Den Haag. Die Pariser Terroranschläge könnten für einen Schuldirektor in Brüssel unangenehme berufliche Konsequenzen haben. Chris Pijpen leitet das Instituut Annessens-Funck, und Bilal Hadfi war dort in die Schule gegangen, bevor er den Tod im Namen des Jihad wählte: Hadfi gehörte zu den Selbstmordattentätern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die sich in der Nähe des Stade de France in die Luft sprengten. Er war mit 20 Jahren der jüngste der Pariser Attentäter. Nun steht der belgische Schulleiter Pijpen genau deshalb im Kreuzfeuer der Kritik und muss sich vor einer Untersuchungskommission verantworten.

Der Vorwurf an den Schuldirektor lautet, die Radikalisierung seines Schülers gar nicht oder allenfalls zu spät bemerkt zu haben. Er habe es außerdem unterlassen, den Sicherheitsbehörden zu melden, dass Hadfi sich zu einem radikalen Islamisten mit Sympathien für den IS-Terror entwickelt habe.

Es ist nicht das erste Mal, dass Pijpen in seiner Funktion Probleme bekommt. Im November war er bereits einmal für kurze Zeit vom Dienst suspendiert worden. Der Grund: Er war damals, als in Brüssel wegen der Terrordrohung des IS alle Schulen über zwei Tage geschlossen blieben, nicht in die von ihm geleitete Schule gekommen. Und er kam, als die Schulen in Brüssel dann wieder öffneten, viel zu spät zum Dienst. Pijpen klagte gegen seine zeitliche Suspendierung und erhielt vor Gericht recht. Nun aber droht ihm eine weitere Suspendierung vom Dienst. Womöglich wird er sogar aus dem Schuldienst entlassen.

 

Widersprüchliche Angaben

Doch es gibt in diesem Fall widersprüchliche Versionen. Lokale belgische Medien berichteten, Pijpen habe die für die Bildung zuständige lokale Behörde im April in einem E–Mail vor einer möglichen Radikalisierung Hadfis gewarnt, nachdem dieser seit Februar nicht mehr zum Unterricht erschienen war. Die Behörde wiederum habe es verabsäumt, die Polizei zu informieren. Lehrer der Schule sollen laut den Berichten auf Hadfis Radikalisierung aufmerksam geworden sein, als dieser in der Schule öffentlich den Terrorangriff auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Paris vor einem Jahr bejubelte.

Der Fall fügt sich in die schwierige Aufarbeitung der Pariser Anschläge in Belgien ein. Erst vor zwei Tagen hatte die Französin Nadine Ribert-Reinhart angekündigt, den belgischen Staat wegen der Terrorattacken zu verklagen. Sie hatte dabei ihren Sohn verloren. Die meisten Paris-Attentäter hatten Verbindungen nach Belgien.

Erst am Donnerstag nahmen Fahnder zwei weitere Verdächtige in der Brüsseler Problemgemeinde Molenbeek vorläufig fest. Ribert-Reinhart wirft dem belgischen Staat Nachlässigkeit bei der Bekämpfung des IS-Terrorismus vor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2016)