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Konrad Lorenz: Als Kriegsgefangener ein Antifaschist

Nach vier Jahren, 1948, wurde Konrad Lorenz aus der Kriegsgefangenschaft freigelassen und konnte nach Altenberg in NÖ heimkehren. Hier gründete er 1949 sein Institut für vergleichende Verhaltensforschung.
Nach vier Jahren, 1948, wurde Konrad Lorenz aus der Kriegsgefangenschaft freigelassen und konnte nach Altenberg in NÖ heimkehren. Hier gründete er 1949 sein Institut für vergleichende Verhaltensforschung.(c) Boltzmann-Institut
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Der spätere Nobelpreisträger erlebte zwei mörderische Diktaturen. An der Ostfront von den Sowjets gefangen, tat er alles, um das Straflager zu überleben.

Er war ein „Mitläufer“, sagt Kurt Kotrschal über den österreichischen Nobelpreisträger des Jahres 1973, Konrad Lorenz (1903 bis 1989). Die postume Aberkennung des Ehrendoktorats durch die Salzburger Universität vor wenigen Wochen ist bekanntlich kontroversiell diskutiert worden. In Fachkreisen hat diese nachträgliche Verstoßung des Verhaltensforschers meist Kopfschütteln hervorgerufen. Man müsse, so der Tenor, die gesamte Lebensleistung des Mannes berücksichtigen, der den Medizinnobelpreis gemeinsam mit Nikolaas Tinbergen und dem Wiener Karl von Frisch bekam, der als „Bienenfrisch“ in München forschte und lehrte.

Zweifellos hatte sich Lorenz mit NS-genehmer Phraseologie Vorteile erhofft. „Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler natürlich immer Nationalsozialist“ – so begründete er seinen Antrag zur Aufnahme in die NSDAP am 28. Juni 1938. „Schließlich darf ich sagen, dass meine ganze wissenschaftliche Lebensarbeit (. . .) im Dienste nationalsozialistischen Denkens steht.“

Doch jetzt gibt es noch einen anderen Konrad Lorenz. Den „Antifaschisten“. Als Arzthelfer an der Ostfront geriet er am 28. Juni 1944 in Vitebsk in russische Kriegsgefangenschaft. Im Lager gab es nur ein Gebot: Überleben. Und wenn von den Bewachern Antifaschismus gefordert wurde, so tat man mit. Der Grazer Ordinarius Stefan Karner hat in den Moskauer Archiven nun den Akt über den Kriegsgefangenen Konrad Lorenz gefunden, mit einer durchaus wohlwollenden Beschreibung des Lagerarztes.

„C H A R A K T E R I S T I K
des Kriegsgefangenen LORENZ KONRAD ADOLF
Lorenz Konrad Adolf, geboren 1903, aufgewachsen in Wien, Nationalität Österreich, österreichische Staatsbürgerschaft, höhere Bildung, Kandidat auf Mitgliedschaft in der NSDAP, Unterleutnant des Sanitätsdienstes in der Deutschen Wehrmacht, gefangen genommen am 28. 6. 1944 in der Stadt Vitebsk. Er befindet sich in Lagerabteilung 1 des Lagers 115 des MVD der UdSSR. Der Kriegsgefangene LORENZ K. A. (. . .) ist sehr positiv zu charakterisieren, er ist diszipliniert, führt seine Arbeiten gewissenhaft aus, ist politisch gebildet, nimmt aktiv an der antifaschistischen Arbeit teil und genießt unter den Kriegsgefangenen Vertrauen und Autorität. Die Kriegsgefangenen hören sich die von ihm gehaltenen Vorlesungen und Vorträge mit Vergnügen an.

Der Kriegsgefangene LORENZ war bereits in verschiedenen Staaten wie den USA, England, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Griechenland, der Tschechoslowakei etc. Er hat einen großen Horizont bei theoretischen Fragen, und auch in der Politik orientiert er sich in die richtige Richtung. Er ist Agitator in der Lagerabteilung, führt unter den Kriegsgefangenen deutscher und österreichischer Nationalität Agitationsarbeit durch, er beherrscht die französische und die englische Sprache.
Wir verfügen über keine kompromittierenden Materialien zu LORENZ K. A.“

Unterzeichnet wurde das Dokument am 19. September 1947 vom Leiter der Lagerabteilung 1 der Lagerverwaltung 115, vom stv. Leiter der Lagerabteilung 1 für Politangelegenheiten und vom Operativen Bevollmächtigten der Operativen Abteilung der Lagerverwaltung.

Übersetzung aus dem Russischen von Dieter Bacher. Die hier im Russischen verwendete Formulierung „Unterleutnant“ ist irreführend. Diesen Rang gab es in der Deutschen Wehrmacht nicht. Es dürfte der Rang eines „Unterarztes“ des Sanitätsdienstes gemeint sein (Anm. d. Übers.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2016)