Wiener Hochwasser- Schutz
Der Mann an der Schleuse
Wenn die Donau Hochwasser führt, sitzt er durchgehend in einem bunkerartigen Raum und beobachtet den Pegelstand des Flusses. Der stieg zuletzt so schnell, dass Wilhelm Klikovits beinahe das Donauinselfest verhindert hätte.
Wenn die Donau Hochwasser führt, sitzt er durchgehend in einem bunkerartigen Raum und beobachtet den Pegelstand des Flusses. Der stieg zuletzt so schnell, dass Wilhelm Klikovits beinahe das Donauinselfest verhindert hätte.
(c) Michaela Bruckberger
Adresse? „Adresse gibt's net. Einlaufbauwerk Langenzersdorf heißt des. Sonst nix.“ Aber da muss es doch eine Straße...? „Na.“ Am Telefon war der Herr ein wenig unfreundlich, und als man dann später neben ihm, in dem niedrigen, bunkerartigen Büro im Einlaufbauwerk Langenzersdorf sitzt, während draußen quasi auf Augenhöhe die Donau vorbeirauscht, versteht man auch, wieso: Sein Handy, das Festnetz im Wehr, beide läuten fast ununterbrochen.
(c) Michaela Bruckberger
Tagelang stand das Donauinselfest knapp vor der Absage, da erkundigten sich Magistratsabteilungen, Organisatoren, die Medien ständig über die aktuelle Lage. Bei ihm, Wilhelm Klikovits, der in der Stadt Wien für den Hochwasserschutz verantwortlich ist. Beinahe hätte er das Donauinselfest verhindert. Verhindern müssen.
(c) Sabine Hottowy
So drastisch würde das Klikovits selbst zwar nicht formulieren, auch wenn er der Mann war, der in den vergangenen Tagen entschieden hat, wie viel Wasser in die Neue Donau abgeleitet wird, um den Pegel der Donau zu senken und Überschwemmungen zu verhindern.
(c) Michaela Bruckberger
Dadurch stieg die Neue Donau, und „die Treppelwege auf der Donauinsel haben zum Schwimmen angefangen.“ Wäre das Hochwasser nicht zurückgegangen, Klikovits hätte weiter Wasser in die Neue Donau abgeleitet und die Insel unter Wasser stehen lassen. Das Fest wäre abgesagt worden.
(c) Philipp Splechtna
Wobei, betont Klikovits mehrmals, er die Wehre „nicht aus Jux und Tollerei öffnen kann, wie ich will.“ Vielmehr legt die Wehrbetriebsordnung, vom Umweltministerium ausgegeben, genau fest, ab welchem Pegelstand die Wehre wie weit geöffnet werden müssen. „Da haben wir wenig Spielraum.“ Seit Dienstag hat Klikovits, 50, hier in den düsteren Räumen des Einlaufbauwerks mit einem weiteren Mitarbeiter der MA 45 (Wiener Gewässer) Schichten geschoben, Tag und Nacht, und minutiös die Pegelstände notiert. Zuerst auf einem kleinen Block, dann im Computer.
(c) Michaela Bruckberger
In den ersten Tage stiegen die Werte steil nach oben, Klikovits fährt mit dem Finger die Linien auf der Grafik entlang: 6,20 Meter, 6,50, Donnerstag früh dann sieben Meter, der Höchststand. Dass das „was Großes wird“, war Klikovits schon vor den ersten Unwetterwarnungen klar, sagt er, und da schwingt ein bisschen Stolz mit. Immer wieder wandert sein Blick auf die Wand neben seinem Schreibtisch, auf den sich eine Staubschicht gelegt hat – das Einlaufbauwerk ist meist geschlossen und wird nur bei Hochwasser betrieben. An der Wand hängt ein Dutzend roter LED-Anzeigen, auf denen man den Donaupegel an verschiedenen Messstellen ablesen kann.
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Eine Anzeige ist dabei besonders wichtig: Korneuburg, der letzte verfügbare Wert, bevor die Donau Wien erreicht. Sobald dort die 4,80-Meter-Marke überschritten wird, wird Klikovits verständigt und sperrt das Einlaufbauwerk auf. Ab 5,30 Meter schwappt das Wasser in Langenzersdorf über die Wehre. Steigt der Pegel weiter, öffnet Klikovits die Wehre. Dabei gibt er den Öffnungsgrad (anfangs sind das wenige Zentimeter, diese Wochen waren es über drei Meter) in den PC ein und drückt gleichzeitig auf einem altmodischen Pult auf einen weißen runden Knopf. „Doppelte Absicherung“, sagt er.
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Die Schleusen öffnen sich rasch. Sollte das Computersystem ausfallen, könnte Klikovits die Hydraulik auch direkt bei den Wehren per Knopfdruck starten. Dort ist das Rauschen des Wassers ohrenbetäubend, dazu kommen dumpfe Schläge von Ästen, die im Wasser treiben und gegen die Wehre krachen. Will man hier kommunizieren, muss man laut schreien.Jetzt, da die Donau wieder an Wasser verliert, ist der Dienst „fast fad“. Hoffen auf Schlechtwetter, also? Klikovits lächelt. Die Hochwasserphasen seien schon „der Lieblingsteil“ seiner Arbeit.
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Denn während er sonst mit der Instandhaltung der drei Wiener Wehre beschäftigt ist, bedeuten die drei bis fünf jährlichen Hochwasser („die meisten kriegen die Wiener gar nicht mit“) für ihn: Spannung. „Es ist immer schön“, sagt er, „wenn ein Hochwasser kommt, und man sieht, dass die Technik funktioniert. Manchmal wünscht man sich ein bissl mehr Action“.
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So wie damals beim „ganz großen“ Hochwasser 2002, das Wien relativ unbeschadet überstanden hat (Archivbild) . Oder 1996, als das Schiff „Dumbier“ ins Kraftwerk Freudenau krachte. Da musste Klikovits von der Betriebsordnung abweichen und mehr Wasser als erlaubt in die Neue Donau leiten, um den Wasserstand der Donau zu reduzieren und die Bergung zu erleichtern.
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Jetzt ist es trotz der vielen Anrufe vergleichsweise ruhig. Und verlassen. Auch der Eisstand, der sonst neben dem Einlaufbauwerk, steht, ist nicht da – zu viel Regen. Sobald es sonniger wird, die Donau aber noch Hochwasser führt, kommen sie aber wieder, die vielen Schaulustigen, die hier ins Wasser starren. „Dann“, sagt Klikovits, „macht der Eisstand ein Geschäft wie sonst das ganze Jahr nicht.“
(c) Michaela Bruckberger