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Fortpflanzungsmedizin: Gesetz muss dringend repariert werden!

Das umstrittene Gesetz hat die Sachlage nicht verbessert. Das Resümee von Experten bestätigt nur die schlimmsten Befürchtungen der Kritiker.

Vor einem Jahr wurde das Fortpflanzungsmedizingesetz, das die künstliche Befruchtung neu regeln sollte, völlig überhastet beschlossen. Hört man das Resümee von Experten nach zwölf Monaten Praxis, dann haben die Kritiker Recht behalten. Nach den Erfahrungsberichten der Mediziner werden die Befürchtungen sogar noch übertroffen.

Eines der wichtigsten Argumente der Befürworter, dass man in Österreich zulassen und regeln sollte, was im Ausland bereits erlaubt ist, erweist sich als nicht stichhaltig. Die Fortpflanzungsmedizin ist ein lukrativer Markt, der auch nach diesen Gesetzen funktioniert. Da spielt der Preis eine wichtige Rolle, und mit den Kosten einer Behandlung in Bulgarien oder Tschechien kann Österreich nicht konkurrieren. Wer etwa eine Eizellspende will, geht weiterhin vorwiegend ins Ausland.

Die Angaben von Reproduktions- und Pränatalmedizinern an österreichischen Universitätskliniken und öffentlichen Krankenhäusern zeigen, dass sich bisher keine einzige Spenderin gemeldet hat, die aus rein altruistischen Motiven handelt. Unter der Hand, so berichtet Wolfgang Arzt, Pränatalmediziner in Linz, würde sehr wohl Geld bezahlt. Somit bestätigen die Mediziner, was vorauszusehen war: dass es nämlich ohne Bezahlung keine Eizellspenden geben wird, da diese einen sehr schwerwiegenden Eingriff darstellen.

Auch dass Frauen innerhalb der Familie Eizellen spenden, kam bisher nicht vor. Gesetzlich gilt ein Werbe- und Vermittlungsverbot, dieses ist aber offenbar zahnlos. Viele Wunschbaby-Kliniken empfehlen Eizellbanken im Ausland ungeniert weiter und versuchen, Spenderinnen anzuwerben. Zuständig für die Kontrolle wäre das Gesundheitsministerium, geahndet oder sanktioniert wurden die Gesetzesbrüche bisher jedoch nicht.

Sogar Juristen, die selbst an der Ausformulierung des Gesetzes mitgearbeitet hatten, kritisieren den Text und die gelebte Praxis und fordern Reparaturen ein. Beispielsweise ist die psychologische Beratung bei einer Eizellspende nicht verpflichtend, der Arzt muss bloß auf das Angebot hinweisen. Jedoch muss der Mediziner mit einem Geschäftsentgang rechnen, falls die Frau sich beraten lässt und sich gut informiert letztendlich gegen eine Eizellspende entschließt.

Insgesamt, so die Kritik, habe man mit der Freigabe der Eizellspende die Langzeitfolgen nicht nur für die körperliche, sondern auch die seelische Gesundheit von Mutter und Kind nicht bedacht. Von wem stamme ich ab, wer ist mein genetischer Vater, meine genetische Mutter? Ein zentrales Spendenregister wird daher auch von Juristen gefordert. Mediziner fordern es ebenfalls, da durch die Zunahme von Fremdspenden die Gefahr von Verwandtenehen wächst.

Die Bestimmungen zur Präimplantationsdiagnostik (PID), also der Untersuchung des Embryos vor der Einpflanzung in die Gebärmutter, seien in der vorliegenden Form „Unsinn“, so die Praktiker. Entgegen der Intention des Gesetzes sei die PID keine geeignete Methode, um Fehlgeburten erklären zu können, sagt der Gendiagnostiker Berthold Streubel. Auch plagt Ärzte die Angst vor Klagen, wenn sie Fehlbildungen übersehen.

Erkrankungen, aufgrund derer man eine PID durchführen will, müssen ans Gesundheitsministerium gemeldet werden, aber nur erstmalig. Nun aber kommt doch eine „Watch-List“ von Krankheiten, die dann die Selektion von Embryonen legitimieren soll.

Völlig unter die Räder kamen, wie befürchtet, die Kinderrechte. Das Anspruchsdenken der Paare, sie hätten ein „Recht auf ein Kind“ wiegt auf dem Markt der Fortpflanzungsmedizin viel schwerer als die Folgen für die daraus resultierenden Kinder.

Das Gesetz hat also die Probleme nicht gelöst, sondern eher noch verschlimmert. Das Wohl des Kindes und der Schutz der Frauen vor gesundheitsschädigenden Eingriffen spielen in der Praxis nur eine marginale Rolle. Das schreit nach Reparatur.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula
Walterskirchen ist Historikerin und
Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse“, ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

www.walterskirchen.cc

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2016)