Der Investor, der 65 Mrd. veruntreute, wurde am Montag zu 150 Jahren Haft verurteilt. Zehntausende Menschen verloren ihr Geld, nur wenige bekommen Entschädigung.
WIEN/NEW YORK (red.). Ein letztes Mal trug er gestern den teuren Maßanzug. Band ein letztes Mal die noble Krawatte und legte die goldenen Manschettenknöpfe an. Als sich Bernard Madoff am Montag für die Urteilsverkündung vorbereitete wusste er, dass sein mondäner Lebensstil vorbei sein wird. Was er nicht wusste war, für wie lange: Nämlich für den Rest seines Lebens.
Zu 150 Jahren Haft verurteilte ein New Yorker Gericht den 71-jährigen, der mit seinem als Investmentfonds getarnten Pyramidenspiel tausende Menschen in den Ruin trieb. Das ist zumindest eine Genugtuung und eine rechtliche Entschädigung für die Opfer.
Um die finanzielle ist ein wilder Streit ausgebrochen.„Jeder kämpft gegen jeden“, zitierte die „New York Times“ den 32-jährigen Jen Berniker. Eigentlich kein Wunder, wenn es um die persönlichen Ersparnisse geht.
Frau musste Klavier abgeben
65 Milliarden Dollar beträgt der Schaden, den Madoff angerichtet hat. Anfangs hielten seine Versprechen von hohen Zinsen auf Einlagen noch. Doch als die Gewinne der Fonds wegbrachen, finanzierte Madoff die Renditen auf bestehende Einlagen mit dem Geld der neuen Investoren. Als diese im Zuge der Finanzkrise ausblieben, brach das Kartenhaus zusammen.
Lediglich 1,25 Milliarden Dollar hat das Gericht bisher von dem 71-jährigen lukrieren können – unter anderem dadurch, dass man seiner Ehefrau die Vermögenswerte wieder wegnahm, die er ihr kurz vor seiner Verhaftung überschrieben hat: ein Penthouse in New York für sieben Millionen Dollar, ein Wochenendhaus auf Long Island, 17 Millionen Dollar auf einem Bankkonto, 45 Millionen Dollar in Fonds. 2,5 Mio. Dollar darf Ruth Madoff behalten, das Piano (Steinway, 39.000 Dollar) und das Silberbesteck (12.000 Dollar) holte man sich aber.
Geld nur für Direktanlagen
Dazu kommen ein paar Millionen aus einer Versicherung plus weitere Millionen aus einer staatlichen Einlagegarantie.
Wie dieses Geld aufgeteilt wird, darüber befindet Irving Picard, ein gerichtlich bestellter Sachwalter, der die Verluste der Anleger ausrechnet. Seine Bedingungen für eine Entschädigung sind hart: Grundsätzlich werden nur jene Personen und Firmen entschädigt, die direkt bei Madoff angelegt haben (dafür war eine Einlage von mindestens einer Million Dollar notwendig). Wer über eine Investmentfirma in einen der Fonds von Madoff investierte, bekommt nichts von dem sichergestellten Geld. Das trifft vor allem kleine Anleger, die das Kapital nicht hatten, um direkt bei Madoff einzusteigen. „An uns bleibt es wieder hängen. Wir werden noch einmal ausgenützt“, klagte Berniker.
Die Kleinanleger können zwar die Investmentfirma klagen. Der Gerichtsweg dauert aber Jahre, außerdem sind die Chancen auf eine Entschädigung gering. Einerseits, weil auch die meisten Firmen all ihr Geld durch das Madoff-Betrugsspiel verloren. Andererseits wurden sie bereits von Gericht und Regierung auf Schadenersatzleistungen geklagt. Dagegen haben nun wiederum einige Opfer geklagt, die sich ihrer Chance beraubt sehen, von den zwischengeschalteten Beratern Geld zu holen.
Bisher hat die staatliche Versicherungsagentur „Securities Investor Protection Corporation“ 972 Millionen Dollar an Opfer ausgezahlt – an exakt 441. Anträge gestellt haben 8800. Auch das nur ein Teil der zehntausenden Menschen, die Madoff betrog.
„Alle sollen leiden“
Wirklich viel bekommen die Geschädigten nicht. Zur Berechnung der Entschädigung wird das „Netto-Kapital“ herangezogen: die Differenz zwischen der Einlage und dem, was man abgehoben hat. Die teils tatsächlich erwirtschafteten hohen Gewinne werden nicht mitgerechnet. Man wolle den Schaden zwischen den Opfern aufteilen, jeder solle ein wenig leiden, erklärte Sachwalter Picard.
Das veranlasste laut „New York Times“ Madoff-Opfer Richard Friedman zu einer unkonventionellen Aktion: Er startete eine Unterschriftenliste. Jeder solle sich eintragen, der Picard gern einmal in den Hintern treten möchte. Man solle ja schließlich auch den Schmerz aufteilen.
■ Bernard Madoff betrieb über Jahre einen Investmentfonds wie ein Pyramidenspiel: Mit den Einlagen neuer Kunden bezahlte der Exchef der Technologiebörse Nasdaq versprochene Gewinne. Weltweit sind zehntausende Menschen betroffen. In Österreich fiel unter anderem die Bank Medici auf Madoff herein. Der verursachte Schaden beläuft sich auf 65 Milliarden Dollar.
("Die Presse" Printausgabe vom 30. Juni 2009)