Schon 2002 wurde Expertenrat nicht ernst genommen, zu häufig hätten Bürgermeister in Überschwemmungsgebieten bauen lassen und Gefahrenzonenpläne ignoriert.
Wien (APA/red./awe). Während in vielen Gemeinden Österreichs die Hochwassersituation nach wie vor angespannt ist, präsentierten Experten und Politiker in Wien am Montagvormittag Wege, wie die Überflutungen der vergangenen Tage in Zukunft zumindest teilweise vermieden werden könnten. Die zentrale Erkenntnis des Forschungsprojekts „FloodRisk II“ lautet: Um hochwassergefährdete Gewässer zu entschärfen, ist es von fundamentaler Bedeutung, vorhandene Überflutungsflächen nicht nur zu erhalten, sondern zusätzliche Überschwemmungsgebiete zurückzugewinnen.
Die Forderung ist nicht neu. Schon nach dem Jahrhunderthochwasser von 2002 hatten hochrangige Beamte aus dem Umweltministerium deutliche Kritik an der Politik von betroffenen Gemeinden geübt. Zu häufig hätten Bürgermeister in Überschwemmungsgebieten bauen lassen und Gefahrenzonenpläne ignoriert. Namen betroffener Gemeinden wollte man im Ministerium jedoch nicht nennen. Das ist auch heute noch so.
Forderung nach strengen Regeln
Im Umweltministerium will man nun jedoch die Reihenfolge der in Zukunft anstehenden Hochwasserschutzprojekte überdenken. Ressortchef Nikolaus Berlakovich kündigte an, Regionen, die als besonders gefährdet eingestuft sind, vorzuziehen. So soll in den nächsten Jahren eine völlig neue Prioritätenreihung bei der Realisierung von Hochwasserschutzprojekten entstehen. Auch den Ankauf bzw. das Pachten neuer Überflutungsflächen schloss er – wie von den Experten des Projektteams verlangt – nicht aus.
Die Forderungen der Experten rund um Projektleiter Helmut Habersack von der Universität für Bodenkultur gehen noch weiter. Zunächst soll demnach das Bauen in Gefahrenzonen erschwert, der Umgang mit Bauland in Gefährdungsbereichen juristisch präzisiert werden. Um bessere Prognosen erstellen zu können, wünschen sich die Wissenschaftler mehr Daten zu Landschaftsprofilen und Niederschlagsmengen. Beide Ufer eines Flusses sollten mit Bebauungsverboten belegt werden können, die jeweils für Streifen in der ein- bis dreifachen Flussbreite gültig sind, und: Regionen, die aus ökonomischer Sicht besonders vom Hochwasser gefährdet sind, sollten gegenüber anderen Landstrichen bei der Errichtung von Hochwasserschutzbauten bevorzugt werden. Insgesamt erarbeiteten die 150 Wissenschaftler 200 Empfehlungen (mehr Infos: www.umweltbundesamt.at).
Prognose: Noch mehr Regen
In den derzeit vom Hochwasser betroffenen Gebieten blieb die Lage am Montag angespannt. Insbesondere in der Steiermark drohen nach den starken Regenfällen zahlreiche Hänge abzurutschen. Im burgenländischen Güssing war in der Nacht auf Montag wieder die Strem über die Ufer getreten. Teile der Stadt stehen unter Wasser. Im oberösterreichischen Steyr stiegen die Pegel nach den starken Niederschlägen der Nacht erneut an, Enns- und Ortskai sind überflutet. In Niederösterreich sorgen die Donau-Zubringer Erlauf und Ybbs für Probleme.
Mit einer echten Entspannung kann die Bevölkerung in den betroffenen Regionen jedoch noch nicht rechnen. Meteorologen sagen für die nächsten Tage weitere starke Regenfälle für große Teile Österreichs voraus.
Auf einen Blick
www.diepresse.com/wetter■Wegen der Niederschläge sind in der Steiermark 440 Hänge von Hangrutschungen bedroht. In Niederösterreich versuchen 500 Einsatzkräfte, die Donau-Zubringer Ybbs und Erlauf unter Kontrolle zu halten. Im Burgenland trat in Güssing erneut die Strem über die Ufer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2009)