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Hofburg-Wahl: Der einzige Arbeiterkandidat

BP-WAHL: PR�SIDENTSCHAFTSKANDIDAT HUNDSTORFER (SP�) BESUCHT LEHRBETRIEB IN WIEN
Vertrautes Terrain: Rudolf Hundstorfer bei seinem ersten Wahlkampfauftritt in einer Lehrwerkstätte in Wien Brigittenau.(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Während die Konkurrenz das bürgerlichen Lager umwirbt, kann sich Rudolf Hundstorfer auf den sogenannten kleinen Mann konzentrieren. Verstellen muss er sich dabei nicht. Besuch in einer Werkstatt.

Wien. Eine letzte Figur auf dem Schachbrett der Präsidentschaftskandidaten fehlt noch, die blaue. Aber wenn stimmt, was am Mittwoch kolportiert wurde, dass nämlich entweder Ursula Stenzel oder Norbert Hofer, aber nicht Johann Gudenus von der FPÖ ins Rennen geschickt werden, dann ist das für Rudolf Hundstorfer nicht die schlechteste Nachricht.

Wie Irmgard Griss, Alexander Van der Bellen und Andreas Khol würden auch Hofer oder – noch mehr – Stenzel eher ein bürgerliches Publikum ansprechen. Dem SPÖ-Kandidaten würde das ein Alleinstellungsmerkmal bescheren: Er wäre der einzige Arbeiterkandidat dieser Wahl, das einzige Angebot an den sogenannten kleinen Mann. In Gudenus hätte er einen Konkurrenten gehabt.

Sein erster Wahlkampfauftritt am Mittwoch, einen Tag, nachdem er als Sozialminister zurückgetreten ist, führt Hundstorfer passenderweise in eine Lehrwerkstätte von Jugend am Werk in Wien Brigittenau. Was für Stenzel der erste Bezirk, ist für den früheren Gewerkschaftspräsidenten ein Lehrbetrieb: vertrautes Terrain. Hier kennt er sich aus, hier fühlt er sich wohl. „Morgen, hallo allerseits, Tag die Herren“, grüßt ein krawattenloser und bestens gelaunter Hundstorfer, als er sich händeschüttelnd durch eine Werkstätte führen lässt, in der jedes Jahr rund 200 Jugendliche ausgebildet werden. Viele von ihnen haben es im Leben nicht immer leicht gehabt. Zuerst macht Hundstorfer bei den Tischlern halt, wo ihm eine Fensterkonstruktion aus Holz vorgeführt wird. „Machen S' die Ausbildung eh fertig?“, fragt er den jungen Mann im dritten Lehrjahr eher rhetorisch. „Weil, wissen S': Das ist das Wichtigste.“

Der 64-Jährige ist bemüht, staatsmännisch zu wirken, aber die kurzen Ausflüge ins Schriftdeutsche enden stets wieder im Dialekt. Von den Metalltechnikern verabschiedet er sich später mit einem „Ciao, viel Spaß noch beim Schleifen!“ Wobei das „Ciao“ weniger nach Toskana und mehr nach Donauinsel klingt, denn Hundstorfer sagt: „Tschau.“

In diesem Setting zumindest ist das kein Nachteil. Am besten ist Hundstorfer, wenn er sich selbst treu bleibt. Wenn er den Lehrlingen alles Gute wünscht. Wenn er ihnen dabei auf die Schultern klopft, wie ein Fußballtrainer, der seiner Mannschaft zum Sieg gratuliert. Die Szenen haben nichts Gespieltes. Hundstorfers Wertschätzung für sein Publikum und den Lehrberuf an sich ist echt. Man dankt es ihm mit Offenheit und Zuneigung.

 

„Aus einfachen Verhältnissen“

Vielleicht fühlt sich Hundstorfer an diesem Vormittag in seine eigene Jugend zurückversetzt. Im ersten Wahlkampfvideo, das ziemlich zeitgleich erscheint, lässt er sein bisheriges Leben Revue passieren. Er komme „aus einfachen Verhältnissen“, die Mutter sei Hausfrau gewesen, der Vater Arbeiter und später Angestellter. Von einer Zweizimmerwohnung mit Toilette am Gang sei man später in eine Genossenschaftswohnung mit eigenem Badezimmer umgezogen. „Das war sozialer Aufstieg“, sagt Hundstorfer, als er im Video durch den Gemeindebau wandert.

Auch sein beruflicher Aufstieg war so nicht immer absehbar gewesen. Vom Bürolehrling brachte es Hundstorfer zum Gewerkschaftspräsidenten und – dank eines ordentlichen Krisemanagements nach dem Bawag-Skandal – zum Sozialminister. Er habe sich immer als Zuhörer und Brückenbauer verstanden, sagt er im Wahlvideo. Und als jemand, „der bei Problemen einfach anpackt“.

Ein gewisses Maß an Schlitzohrigkeit hat sich karrieremäßig aber schon auch ausgezahlt. Hundstorfer ist ein begnadeter Netzwerker und Taktiker, der weiß, was er tun und mit wem er sprechen muss, um seine Ziele zu erreichen. Dementsprechend wird es auch im Wahlkampf strategische Schwerpunkte geben, nämlich ein Ost-West-Gefälle.

In Niederösterreich (jetzt, da Erwin Pröll nicht kandidiert), Oberösterreich (mit dem Gewerkschafter Johann Kalliauer an der Spitze der Landes-SPÖ) und in der industriellen Steiermark rechnet er sich ganz gute Chancen aus. Im Burgenland und in Kärnten sowieso.

Und natürlich daheim, in Wien. „Tag, die Herren, hallo Herr Chefkoch“, grüßt Hundstorfer, als er die Küche der Brigittenauer Lehrwerkstätte betritt. „Sind die Kollegen eh zufrieden mit der Kost, oder gibt es Nörgler?“ Ein Scherzchen hier, ein lautes Lächeln da, dann hat Hundstorfer seinen ersten Wahlkampfauftritt hinter sich. Ein letztes Tschau noch, dann macht er sich auf den Weg – in Richtung Hofburg, so die Arbeiterschaft will.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2016)