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Design hat die Macht

Social Design in der digitalen Moderne: Immer mehr Dinge unseres Alltags tauschen Informationen via Internet aus und versprechen Komfort und Kontrolle. Aber wollen wir das eigentlich? Zum Thema: Internet der Dinge und Ethik.

Selbstfahrende Autos haben unseren Alltag noch nicht erreicht. An ihrer Umsetzung wird jedoch schon eifrig gearbeitet. Auf abgegrenzten Versuchstrecken dürfen sie sich schon aus dem Labor in den Stadtverkehr vorwagen. In Zusammenhang mit dem Leuchtturmprojekt des Internets der Dinge (IoT – Internet of Things) wird am Rande auch die moralische Dimension der selbststeuernden Maschinen öffentlich diskutiert. Wie entscheidet die Steuerung des selbstfahrenden Autos im Falle eines Unfallszenarios, das jedenfalls Opfer fordert? Können die Sensoren erkennen, wer zu Schaden kommt, und so gezielt den Unfallhergang steuern? Wie entscheidet sich die Maschine?

Aufmerksamkeit hat kürzlich eine Puppe erregt, die mit Kindern plaudert und mittels eines Spracherkennungsprogramms die Kinderzimmergespräche auswertet und an die Eltern weiterleitet. „Der Spion im Kinderzimmer“ war die naheliegende Kritik am Hightech-Spielzeug, das intime Kindergespräche aushorcht. Die Waage, das Fieberthermometer, das Türschloss, das Buch, der Kühlschrank – immer mehr Dinge unseres Alltags tauschen Informationen über das Internet aus, um noch nie da gewesenen Komfort und Kontrolle zu versprechen. Die Waage zeigt nicht nur unser Gewicht an, sondern sie ermuntert uns abzunehmen und teilt den Fortschritt des Unterfangens in den sozialen Medien mit unserem Freundeskreis. Ein archaischer Animismus zeigt sich in technologischer Gestalt. Die Dinge senden uns Nachrichten und empfangen welche von uns; sie piepsen nicht mehr nur, sondern sie formulieren empathische Nachrichten. Sie tauschen sich untereinander aus. Die Dinge werden belebt, wie in archaischen Gesellschaften.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen, diesich durch die Veränderung von einfachen Dingen zu Kommunikationsmaschinen ergeben werden, hat der amerikanische Mathematiker Norbert Wiener schon 1952 in seinem Buch „Mensch und Menschmaschine“ dargelegt. Während wir gewohnt sind, Nachrichten als den Austausch von Information zwischen Menschen zu verstehen, wird hier auf die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung von Nachrichten von Mensch zu Maschine, von Maschine zu Mensch und von Maschine zu Maschine hingewiesen. Der Mitbegründer der Kybernetik, der Wissenschaft, die – wie Wiener ausführt – sich mit dem Studium von Nachrichten und insbesondere Regelungsnachrichten beschäftigt, weist unmissverständlich auf eine Entwicklung hin, in der Maschinen in Domänen des Menschen vordringen. Nicht vor der Maschine warnt er, sondern vor der egoistischen Ausbeutung der Möglichkeiten, welche das Maschinenzeitalter birgt.

Die Gestaltung von Dingen, die zunehmend das Internet der Dinge bevölkern, bedarf einer Maschinenethik. Ein aktueller Vorschlag dazu kommt von vier jungen Designstudios, welche das IoT Manifesto initiiert haben. In zehn Punkten wird darin ein Verhaltenskodex vorgeschlagen, der bei der Entwicklung von digitalen Produkt-Service-Konzepten berücksichtigt werden sollte. Gleichzeitig könnte er auch als Ratgeber für die Nutzung von bestehenden IoT-Angeboten verwendet werden: Wird ein Produkt nur wegen des derzeitigen Hypes mit dem Internet verbunden? Ist das Produkt zweckmäßig, macht es unser Leben bedeutungsvoller? Entsteht eine Win-win-Situation in der Beziehung und dem Austausch zwischen Nutzer und Anbieter? Ist das Angebot sicher? Ist Privatheit gewährleistet? Werden gesammelte Informationen ausschließlich zum Erbringen des Nutzens verwendet? Verstehen wir die Dynamik des Informationsflusses und das komplexe Netzwerk der Interessengruppen? Haben wir die Kontrolle über unsere Rolle im Netzwerk? Ist die Lebensdauer der physischen Produkte und der digitalen Services aufeinander abgestimmt?

Der letzte Punkt des Manifests bezieht sich auf die gesellschaftliche Rolle des Designs, die Gestaltung von Beziehungen zwischen Mensch und Technologie als auch die Gestaltung von Beziehungen von Menschen zu Menschen. Design hat die Macht, diese Beziehungen zu gestalten. Verantwortungsvolles Design kümmert sich nicht vorrangig darum, Profite herauszuschlagen oder sich ander Inthronisierung der Roboter zu beteiligen – so die Forderung des Manifests.

Soziales Design ist in der digitalen Moderne in den Domänen der Programmierung, des Interface und Service-Designs – der Gestaltung der Kommunikationsmaschinen – angekommen. Und wo werden die Maschinen in Zukunft hergestellt? Wir stehen am Anfang der vierten industriellen Revolution, welche durch extreme Automatisierung und Vernetzung gekennzeichnet ist. Norbert Wiener hat auch diese Revolution vorhergesehen. In seiner automatischen Fabrik kommunizieren die Werkstücke schon direkt mit einem automatischen Hochgeschwindigkeitsrechner. Die automatische Fabrik hat nicht nur die Möglichkeit von hohen Stückzahlen. Auch Einzelstücke oder Kleinserien können in der heute sogenannten Industrie 4.0 realisiert werden. Dieses Fabrikationsumfeld eignet sich so zukünftig auch für Kleinprojekte, die durch Crowdsourcing finanziert werden.

Ein aktuelles Beispiel ist ein demokratischer Computer um neun Dollar. Die Initiatoren haben dazu von fast vierzigtausend Interessierten zwei Millionen Dollar für die Hightech-Produktion in China über eine Finanzierungsplattform eingesammelt. Mit der Platine können unabhängige Entwicklungen im Bereich des Internets der Dinge vorangetrieben werden. Die geringen Kosten des Minicomputers machen ihn für zahlreiche Umwandlungen von einfachen Dingen in Kommunikationsmaschinen attraktiv. Zu Kapital und Produktionsmitteln gibt es heute einen demokratischeren Zugang, der alternative Produktionsszenarien ermöglicht. Billige Hightech-Maschinen und alternative Finanzierungsformen ermöglichen eine Vielzahl von neuen Experimenten. Und diese wird man auch brauchen, um den Angeboten der globalen Technologiekonzerne zukunftsfähige und menschenwürdige Alternativen entgegenzustellen. Selbst Autos könntenso unabhängig im lokalen Maßstab gebaut werden.

Die automatischen Fabriken der Zukunft setzen durch die kybernetischen Prinzipien der Selbststeuerung und Selbstregulierung ein neues Fabrikationsparadigma, das nicht nur die Herangehensweise und den Gestaltungsraum des Designs erweitert. Zukünftige gesellschaftliche Fragestellungen werden sich mit der Menschmaschine und der menschenwürdigen Verwendung des Menschen, wie das Norbert Wiener formuliert hat, befassen. Bei allen rationalen Mehrwertsversprechen der Kommunikationsmaschinen bleibt uns auch in der digitalen Moderne die Sehnsucht nach dem Schönen. Der Kulturphilosoph Byung-Chul Han kritisiert in seiner Schrift „Die Errettung des Schönen“ die Poesielosigkeit des Internets der Dinge, denn dort werde gezählt statt erzählt. Schönheit ereignet sich dort, wo die Dinge sich einander zuwenden und miteinander Beziehungen eingehen. Link zum Manifesto: http://iotmanifesto.org/ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2016)