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Nur noch um die eine Kurve...

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Die Stadt ist nah, der Ort die Ruhe selbst: Durch den Schnee wandern und weitere Höhenmeter machen in der Region Sellraintal und seinen Bergsteigerdörfern.

Die zwei Stunden, die die Füße hinauf brauchen, düst die Rodel in 20 Minuten hinunter. Oder in 15, wenn den Rodler der Mut in den vielen Kehren nicht verlässt. Oder in zehn, wenn ihm auf dem Forst- und Rodelweg keine Wanderer, Skitourengeher, Hunde oder Jäger entgegenkommen.

Der Weg auf die Juifenalm im Lüsental (einem Seitental des Sellraintals) ist frequentiert. Das hat drei Gründe. Einen pragmatischen: Innsbruck liegt unweit, der Metropoltiroler weiß genau, wo die Berge schön sind. Einen permanenten: Lang, aber nicht sehr steil führt der Weg vorbei an Fichten, dann Zirben, schließlich Latschen. Vorbei an eingeschneiten Ameisenhügeln, an vereisten Rinnsalen, an Flechten, Wechten. Dort und da gibt der alpine Wald Fenster frei, durch die man die Gipfel gegenüber betrachten kann: Sie gehören zu den Stubaier Alpen, sind nicht bebaut und von Bergbahnen unerschlossen. Nur ein paar Lawinenverbauungen setzen architektonische Zeichen in der Landschaft.

Der dritte Grund für eine winterliche Almwanderung im Sellraingebiet ist eher situationsbedingt: Es liegt noch immer ungewöhnlich wenig Schnee in den Alpen, und doch gilt mitunter Lawinenwarnstufe drei, was dazu führt, dass sich die Skitourengeher Alternativen überlegen: Dann eben Winterwandern. Nicht die vollen Höhenmeter auf einen Gipfel, aber zumindest zur Hälfte, die in der Sellrainregion knapp bei der Baumgrenze liegt: Ringsum stehen Dreitausender, einer ansehnlicher als der andere. In normalen Wintern sind das Sellrain- und seine idyllischen Seitentäler echte Schneelöcher. Dann verteilen sich Skitourengeher auf originelle Gipfel wie den Zischgeles oder noch höhere wie den Lisener Fernerkogel, (klein fängt man hier mit einer Tour auf die Lampsenspitze an). Und es gibt noch ein Argument für einen Marsch auf die Alm: die kleine Hütte.

Anfangs dauert es vielleicht etwas, sich auf den Wanderflow einzulassen, gleichmäßig langsam zu gehen, nicht stehen zu bleiben, wenn die anderen im Gespräch versinken. Die Schnur der Rodel von einer Hand in die andere Hand zu wechseln. Zwischendurch bei der einheimischen Begleitung nachzufragen und die Antwort zu interpretieren. „Ein Drittel haben wir erst“ bedeutet eigentlich: Die Hälfte der Strecke ist schon erledigt. „Nur noch um die eine Kurve, gleich sind wir da“ hingegen: Zwischen der Hütte und einem selbst liegen etliche Kehren. Was soll's: Runter geht's ja zigmal so schnell.

Natürlich kann man eine so fantastische Landschaft nicht gleich wieder verlassen. Am besten, man quartiert sich ganz hinten, weit oben in Praxmar ein – beziehungsweise im gleichnamigen Gasthaus, weil hier mehrere Skitouren fast vom Gastgarten aus starten. Oder weil die Loipenspur fünfzig Meter dahinter beginnt, sachte auf den Lüsentalboden hinunterführt und dann eine große Runde in dem bezaubernden Talschluss mit Blick auf einen Rest von Gletscher zieht. Zudem nimmt Alois Melmer, der naturverbundene Gast- und Landwirt des Praxmar, seine Gäste auch mit in den Bergwald – sofern sie nicht tratschen, wenn das Rotwild die Bühne betritt, das er im Winter täglich füttert.

Mit Massentourismus und Skizirkus in den Alpen aufgewachsen, traut man soviel Idylle und Ruhe vielleicht nicht ganz. Aber dazu gibt es dort keinen Anlass: Diese Gegend ist kein Platz für Bergbahnen, Staumauern oder Hotelanlagen (wie im nahen Kühtai). Die Region Sellraintal mit ihren Ortschaften Sellrain, Gries und St. Sigmund gehört zu den Bergsteigerdörfern, was in den Alpen ein Privileg darstellt.

Die Auflagen des Österreichischen Alpenvereins, ein solches werden zu können, sind streng. Hier ist die Alpenkonvention eine Vorgabe, eine nachhaltige Regionalentwicklung, die einen naturnahen Alpintourismus unterstützt, das Ziel. Diesen Spirit kann man spüren, unterwegs auf den Bergen und zu Hütten, aber auch in den Dörfern und seinen Bewohnern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2016)