Angst vor der Gefahr ist im Skisport ein Fremdwort- oder bloß geheuchelt, sagt der Populär-Soziologe Roland Girtler. Helden sind schnell und spektakulär.
Der Mensch lebt von Symbolen. Er liebt Figuren, braucht Helden. Alleskönner, Dampfplauderer, Auf-den-Tischhauer, die Gesellschaft sucht unentwegt das Spiel mit moralischen, ethischen oder begreifbaren Grenzen. Sie verlangt das Extreme, sie definiert sich sogar dadurch, sagt der Populär-Soziologe Roland Girtler. Wenn er sieht, mit welcher Kraft Stürze in Abfahrten wie in Kitzbühel passieren, endet für ihn der Anspruch des Skifahrens, also dessen simple Begründung mit der Freude an der Bewegung oder der Geschwindigkeit. Doch für einen Teil der jaulenden, applaudierenden und betrunkenen Fangemeinde sei genau das womöglich jedoch die Befriedigung, weshalb sie stundenlang, jahrelang neben der Piste in Eiseskälte stehen.
Voyeurismus vermischt sich mit Fankult und Patriotismus, und für Fahrer sind Rennen das höchste Gut. Ungeachtet aller Gefahren, „die doch eh jeder kennt und für Applaus, Geld und Prestige in Kauf nimmt“, sagt Girtler, 74, Experte für Soziologe und Kulturanthropologe – und großer Sportfan.
Piste und Autobahn
Es werde ungeheuer viel geheuchelt, wenn Fahrer nach Stürzen über Piste, Sicht und zu hohes Risiko klagen, dabei seien das „gewiss alle nette Typen, klasse Burschen“, sagt Girtler. Aber sie dürften sich nicht beschweren, in Interviews würden sie der Öffentlichkeit ja stets die gleichen Bilder vermitteln. „Das herrliche Gefühl, den Berg runterzurasen, der Masse, dem Applaus entgegen. Dass die Gefahr mitfährt, weiß jeder.“ Wer es nicht wolle, könne die Streif oder jede andere Abfahrt ja im Schneepflug bestreiten, aber dieses Extrem gehe auch wieder nicht. Das falle dann nur noch unter Schauspiel, Kabarett, habe im Rennsport und der Suche nach dem Limit nichts verloren.
Auf der Streif waren Aksel Lund Svindal, Georg Streitberger und Hannes Reichelt, im Training vor den Hahnenkamm-Rennen Florian Scheiber und Max Franz ausgefallen, und der Ski-Weltverband FIS reagierte nun damit, in Garmisch Kompressionen in anderen Farben hervorzuheben. Es diene der Sicherheit, aber auch dem Kommerz, der Show, dem Verlangen. Girtler wähnt Klassiker wie Streif und Kandahar durch ihren Mythos, hohe Preise und Prestige für Sieger so bedeutend. Geschwindigkeiten von 130 km/h sind vollkommen normal. Dass Reichelt schon wieder in Garmisch unterwegs war, passt ins Bild. Echte Helden stehen immer wieder auf. „Es bleibt ein schmaler Grat zwischen Tempo, Angst und Wahnsinn“, sagt der Forscher sozialer Phänomene. Es sei in der Wiege der Menschheit verankert, stecke anthropologisch im Menschen. Die Freude am Erfolg, Tempo – das Wissen um Begleitumstände werde verdrängt; zumindest für das Rennen.
Auf normalen Pisten sei „diese medial vorgelebte Übertreibung“ jedoch die wahre Gefahr. Man halte sich nicht an Regeln, verletze andere. Rücksicht, Einsicht, Fehlanzeige – „auf Autobahnähnlichen Pisten oder in die von Ahnungslosen spätnachts in eine Autobahn verwandelte Triester Straße“. Er beschrieb dieses Phänomen in seinem Buch „Die feinen Leute“, er fand darin den Menschen – „ein Wesen, das nach Beifall heischt“. Nur deshalb wolle man sich immer messen, behaupten, gewinnen – des Beifalls wegen.
Abfahrer sind in Österreich populärer als Slalomfahrer, weil sie Grenzen überwinden, „schnell sind, deppert herumfahren wie in der Formel 1“, sagt Girtler und verweist unter anderem auf Homer, das Wagenrennen, den Boxkampf oder den Wettlauf. „Der Preis ist schon damals hoch gewesen, auf den Sieger des Wagenrennens wartete eine schöne Frau, für ihn wird ein Fest gefeiert.“ Was schon in der Antike als „Geschäft“ funktionierte, egal ob mit Gladiatoren, Sklaven und Herrschern, ist in der Gegenwart Alltag mit Kommerz, Rennen, Siegern und erneutem Ruhm. Girtler nennt es, für manche Stationen zumindest, sogar die „Übertreibung einer Pervertierung“. Allen voran wegen „des Theaters, dieser Szenerie, der grauslichen Sensationslust“.
Wozu im Weltall spazieren?
Was Skistars körperlich leisten, imponiert Girtler jedoch ungemein. Tägliches Training, Können, Aufwand, Einsatz, Material und Know-how, das unterscheide sie von der Masse. Das Gros komme „aus normalen Verhältnissen, es sind keine Aristokraten, Proleten oder Raufbolde“, die sich auf Dorfplätzen träfen. Es seien auch „keine Maschinen“, sondern Spezialisten, die schnell fahren, immer schneller, immer extremer werden. „Es gibt welche, die fahren mit 230 km/h auf Skiern. Wozu? Es geht aber immer nur um das Überwinden, das Spiel mit der Grenze. Warum will der Mensch sonst durchs Weltall spazieren? Oder will der Herr Baumgartner von da oben runterspringen?“ Die Wirkung auf den Breitensport ist im Vergleich zum Skisport freilich gering, dennoch müssten Skistars und Weltcupzirkus aufpassen, nicht ihre Vorbildrolle einzubüßen, weil sie über das gesunde Maß hinausschießen. Sie besäßen eine Gabe, ein geschultes Talent. „Nicht jeder kann das. Andere fallen stehend um mit Ski unter den Füßen.“
Zu den Rennen in Wengen, Kitzbühel oder Garmisch pilgern die Massen. „Volksfeste“, nennt sie der Verhaltensforscher, der Dirnen, Sandler, Ganoven und andere Typen eindrucksvoll studierte, „brauchen immer Helden.“ Fangruppen seien wie einst „wilde Stämme“, mit allen Ritualen, Glocken, Waffen, Farben, Uniformen. Wie „Rudel“, im Streben nach Macht, Rangordnung, der Überlegenheit. Weil es aber all die „Helden“ und Dampfplauderer auf den anderen vorbehaltenen Plätzen und Piste nicht versuchen dürfen, muss es eben der Star, egal ob Fußballer oder Abfahrer etc., richten. Schnell, spektakulär, mit Rekord, ohne Angst. Alles andere wäre geheuchelt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2016)