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Komplexe Formel, schlichte Form: Margit Fischers Kleid für den Ball

(c) Walter Lunzer
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Für ihren letzten Opernball als First Lady ließ sich Margit Fischer von Walter Lunzer ein spezielles Kleid entwerfen. Und eines, das sich berechnen lässt.

Margit Fischer ist keine der regelmäßigen Opernballbesucherinnen, die man für Extravaganz kennt. Überhaupt ist sie keine Frau, die großen Wirbel um ihre Outfits macht (oder mag). Lieber setzt sie auf Schlichtes, auf Understatement. Umso erstaunlicher, dass sie ihr Kleid, das sie am Donnerstag zu ihrem letzten Ball als First Lady tragen will, in monatelanger Arbeit von einem Wiener Designer entwerfen ließ. Aber, es wäre nicht Margit Fischers Kleid, wenn es dabei nur um Schnitt, Material oder irgendwelche Laufsteg-Trends ginge. Vielmehr ist es ein Kleid mit einer Geschichte, und eines, das auch in Verbindung mit ihrer Arbeit für den Verein ScienceCenter-Netzwerk steht.

Denn über diesen Verein hat Fischer vor sechs Jahren den Wiener Designer Walter Lunzer kennengelernt. Beziehungsweise hat Lunzer Fischer bei einer Veranstaltung des Netzwerks gesehen – und, weil er davon so begeistert war, sie später bei einem zufälligen Treffen im Fitnessstudio angesprochen. „Im ScienceCenter-Netzwerk geht es viel um experimentelle Wissensvermittlung, um Hands-on-Didaktik“, sagt Lunzer, der an der Angewandten Kunstpädagogik für freies experimentelles textiles Gestalten und Architektur, Design und Environment studiert hat und dort Modedesign unterrichtet. „Ich glaube, dass Mode als ideales Mittel die Wissenschaften vereint. Da geht es um Chemie, um Geometrie oder Soziologie.“ Und mit diesem Zugang, Wissenschaft mit Mode zu verbinden, hat er bei Fischer offenbar einen Nerv getroffen. „Sie fand das spannend und sagte mir damals, dass sie für ihren letzten Opernball in der Präsidentschaft ein spezielles Kleid möchte.“

 

Gosper und Fibonacci als Mode

Und so entstand die Idee, dass Walter Lunzer ihr Kleid entwerfen sollte. „Ihre Anforderungen waren, dass es langärmelig, aber kühl sein sollte, weil es in der Mittelloge mit den ganzen Scheinwerfern so heiß wird.“ Sonst war die Zusammenarbeit „völlig unkompliziert“. So bestand sie etwa von vornherein – eine Ausnahme unter Prominenten – darauf, alles zu bezahlen. Fischer lud den Designer unter anderem in die Privatwohnung ein und öffnete den präsidialen Kleiderschrank. „Margit ist jemand, der intellektuelle Schlichtheit mag. Dass etwas künstlerisch ist, einen speziellen Schnitt hat, dass eine Geschichte dahintersteckt ist ihr wichtiger, als dass es glitzert. Man merkt, dass sie aus der Textilindustrie kommt.“

In monatelanger Arbeit – nach einigen Entwürfen, die überarbeitet wurden – ist ein „mathematisches Outfit“ entstanden. Die Inspiration für das Oberteil kam aus der fraktalen Geometrie, die Ornamente am Kragen und an den Ärmeln – sie wurden per Laser aus Polyester geschnitten – entsprechen der Gosper-Kurve, die Volants am Mantel der Fibonacci-Schnecke, der Goldenen Schnecke. Eine Form, die man in der Natur erstaunlich oft findet – bei Schnecken, Hurrikans oder Galaxien. Die Volants am Mantel hängen mit den Fibonacci-Zahlen zusammen, einer außergewöhnlichen Zahlenfolge, die wiederum eng mit der Zahl Phi, mit dem Goldenen Schnitt zusammenhängt, erklärt Lunzer, öffnet ein Buch mit Formeln, tritt an die Tafel und zeichnet geometrische Formen.

„Verstanden? Ganz schön sperrig, ich weiß“, sagt er und erzählt, dass er mit der höheren Mathematik, so, wie man sie in der Schule lernt, selbst nie etwas anfangen konnte. Erst die Vorlesungsreihe „Math goes Design“ von TU und Angewandter hätte ihn dafür begeistert. „Mit so einem Kleid, mit etwas Hübschem, kann man Wissenschaft zugänglich machen. Vielleicht fragt sich jemand, was ist eigentlich Phi? Was eine Gosper-Kurve?“ Der größte Teil der Arbeit an dem Kleid war schließlich die monatelange Recherche, erzählen Lunzer und seine Studentin Monika Haas, die eng daran mitgearbeitet hat.

 

„Und das ist die Margit?“

Und was hält Margit Fischer von dem Outfit, das aus all der Theorie schließlich entstanden ist? „Die Reaktion, als sie sich bei der ersten Anprobe im Spiegel gesehen hat, war: Und das ist die Margit?“ Schließlich wurden Feinheiten verändert, das Kleid mit dem Plisseerock wurde schlichter. „Aber sie ist eine super coole Kundin. Sie hatte Spaß am Tüfteln, sie ist eine irrsinnig reflektierte Frau.“ Und dann doch eine, die auch beim extravaganten Ball-Outfit praktisch denkt: Oberteil und Rock lassen sich trennen, der Mantel lässt sich auch mit anderen Stücken kombinieren, das sei ihr wichtig gewesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2016)