Euro-Zone: Die Stärke des Euro als Bumerang

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Wirtschaft in der Slowakei und in Slowenien leidet unter der Stärke der Gemeinschaftswährung. War die Slowakei noch bis 2007 die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der EU, rechnet die slowakische Regierung für heuer mit einem Einbruch von 6,4 Prozent.

Wien (ag./red.). „Ungarn ist der größte Einzelhändler der Slowakei geworden.” Viliam Trska zeigt sich derzeit etwas ratlos. Beim Konsumgüterkonzern Procter & Gamble ist er verantwortlich für den slowakischen Markt. Für ihn ist ein schmerzhafter Trend unübersehbar: Zu viele Landsleute pilgern lieber zum Einkaufen nach Ungarn und zahlen in Forint als daheim in Euro.

Sechs Monate nach Beitritt zur Eurozone hat die slowakische Regierung eine Untersuchung zum Einkaufstourismus anberaumt. Allerdings liegt der wichtigste Grund dafür auf der Hand: Der Euro hat seit dem Frühjahr deutlich an Wert gewonnen. Zu Ungarns Forint notiert die Währung derzeit 14 Prozent fester als vor zwölf Monaten, Einkäufe außerhalb der Euro-Zone sind daher erheblich preiswerter. Neben Autos und Haushaltsgeräten ist besonders der Kauf von Lebensmitteln beliebt, die in Ungarn fast ein Drittel weniger kosten als in der Slowakei. Das Nachsehen hat der slowakische Einzelhandel. Trotz Preissenkungen von bis zu 25 Prozent macht sich hier langsam Resignation breit: „Man kann den Trend nicht stoppen”, sagt Trska. „Warum soll man bei diesen Preisen noch hier einkaufen?”

„Man kann das nicht stoppen“

Ein ganz ähnliches Bild bietet sich bei einem anderen jungen Mitglied der Eurozone – Slowenien. Als erstes Land Osteuropas hat es 2007 den Euro eingeführt. Doch die derzeitige Stärke der Gemeinschaftswährung macht dem Export und dem Einzelhandel das Leben schwer. So ist der Einzelhandelsumsatz im Mai auf Jahresbasis um 13,4 Prozent abgesackt. Gleichzeitig sehen sich auch Exporteure wie der Haushaltsgerätehersteller Gorenje in einer schwierigen Situation. Der Kursanstieg habe um drei Mio. Euro höhere Kosten nach sich gezogen, sagt Gorenje-Chef Franjo Bobinac. Für das erste Quartal musste Gorenje heuer einen Verlust von 14,5 Mio. Euro ausweisen. Der Umsatz ging um 5,6 Prozent zurück.

Sowohl Slowenien als auch die Slowakei profitieren seit der Euro-Einführung von einer langfristigen Wechselkursstabilität und einem freieren Handel. Doch speziell für die neuen Mitglieder der Eurozone bringe der Höhenflug des Euro auch erhebliche Risken mit sich, sagt Simon Tilford, Chefökonom am Zentrum für Europäische Reform in London. „Es kommt deutlicher Gegenwind auf. Hält die Euro-Stärke an, wird sie eine schwierige Phase ohne Zweifel noch schwieriger machen.”

War die Slowakei noch bis 2007 die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der EU, rechnet die slowakische Regierung für heuer mit einem Einbruch von 6,4 Prozent. Exporte wie auch die Industrieproduktion gingen im ersten Quartal im Jahresvergleich um knapp ein Viertel zurück. Auch in Slowenien war das BIP zwei Quartale hintereinander negativ, zuletzt im ersten Quartal 2009 8,5 Prozent.

Die Stärke des Euro ist dabei allerdings nur ein Faktor von vielen. Zu nennen ist etwa der jüngste russisch-ukrainische Gasstreit, der Osteuropa besonders hart getroffen hat. Auch schlägt hier wie anderswo die Wirtschaftskrise durch. Trotzdem ist der Euro für die osteuropäischen Volkswirtschaften langfristig auch eine Stärke. Dem Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche zufolge wird das Ende des Abschwungs ganz zentral davon abhängen, wie sich das Wachstum im Euro-Raum entwickelt: Wenn es in Ländern wie Deutschland bergauf geht, werden Slowenien und die Slowakei folgen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2009)

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