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Köln: Silvester ist weit weg vom Karneval

Gestört hat nur der Regen: Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker eröffnete am Donnerstagvormittag den Straßenkarneval.
Gestört hat nur der Regen: Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker eröffnete am Donnerstagvormittag den Straßenkarneval.(c) Imago/Future Image
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Zum Start des Straßenkarnevals denken Feiernde kaum an die Vorfälle am Hauptbahnhof von Silvester. Der Andrang ist heuer zwar geringer – aber wohl wegen des schlechten Wetters.

Köln. Der Regen, ja der ist ein wenig lästig. Aber „et es wie et es“ – es ist, wie es ist, so lautet der Paragraf 1 des sogenannten Kölschen Grundgesetzes, einer Zusammenstellung von Kölner Redensarten. Also werden Pelerinen über die Kostüme gezogen. Und das Glas Kölsch muss etwas schneller geleert werden, damit es nicht wässrig wird. Aber Karneval ist Karneval. Und so jubeln die Menschen vor der Hauptbühne den Cölln Girls zu, einer Art Kölner Spice Girls in Trainingsjacken. „Dat es dä Takt-Takt-Takt, dä alles kann!“

Silvester ist an diesem Donnerstag, an dem Köln den Auftakt des Straßenkarnevals feiert, weit weg. Die massenhaften Übergriffe von (meist) Migranten, darunter Asylwerbern, auf Frauen am und um Hauptbahnhof und Dom zu Silvester, die Diskussionen, wie sicher die Stadt am Rhein denn nun sei. All das spielt keine Rolle. Dazu ist der Karneval einfach zu wichtig. Er steckt tief in den Bewohnern der Stadt, beherrscht für die kommenden Tage das Leben der Menschen. „Frohe Festtage!“, hat der Kellner im Brauhaus am Abend zuvor gewünscht. Ja, das war ernst gemeint.

Nicht nur in der Innenstadt wird gefeiert, in der ganzen Stadt gehen Kostümierte herum. Seit den frühen Morgenstunden stehen einige von ihnen vor Kneipen an, um sich einen Stempel abzuholen, damit sie nach der offiziellen Eröffnung in die überfüllten Lokale eingelassen werden. Das gehört dazu, das Stehen im Gedränge. So wie auch am Vormittag am Alten Markt. Dort wird pünktlich um 11.11 Uhr der Startschuss gegeben. Von Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die natürlich verkleidet auftritt, in der Uniform der Roten Funken, des ältesten Traditionscorps im Kölner Karneval, spricht sie die Menge an. Was für ein wahnsinnig schönes Bild es sei, und wie toll, „dass die Kölner sich vom Regen nicht stören lassen“.

Ein Wort zur Sicherheit? Zur Angst, dass sich die Ereignisse von Silvester wiederholen? Dafür ist jetzt kein Platz. Das hat man schon vorher erledigt. Am Montag hatte Reker mit Vertretern von Polizei, Behörden und Hilfsorganisationen das Sicherheitspaket vorgestellt. Die Zahl der Polizisten ist zur Weiberfasnacht doppelt so hoch wie im Vorjahr. Dazu massive Überwachung mit Kameras. Und ein Frauen-Security-Point, bei dem sich Opfer von Übergriffen melden können.

 

„Et kütt wie et kütt“

Bevor der Hochsicherheitskarneval losgegangen ist, hat man noch potenziellen Krawallmachern ein Betretungsverbot auferlegt, hat ersucht, keine echt aussehenden Waffen zur Verkleidung zu tragen. Und hat Gäste aus dem Ausland, aber auch Flüchtlinge, über die wichtigsten Bräuche informiert – damit nur ja keine Missverständnisse aufkommen. Über das „Bützje“ zum Beispiel, einen Wangenkuss mit geschlossenen Lippen. Das sei ein Karnevalsbrauch – und dieser habe mit Sexualität nichts zu tun. „Et kütt wie et kütt“ – es kommt, wie es kommt: Zumindest die offiziellen Stellen haben Paragraf 2 des Grundgesetzes nicht einfach so auf sich zukommen lassen. Als Polizei und Stadt am späten Nachmittag eine erste Bilanz ziehen, werden nur einige kleinere Vorfälle gemeldet, von Taschendiebstahl bis zu Drogendelikten. Und eine Anzeige wegen sexueller Belästigung – ein Türsteher wollte einer Frau Eintritt nur gegen einen Kuss gewähren.

Insgesamt sind heuer aber verhältnismäßig wenig Menschen unterwegs. Wegen Silvester? Das glaubt hier kaum jemand. Eher wegen des Regens – Kölner erzählen, dass es zur Weiberfasnacht seit 37 Jahren nicht mehr geregnet habe. Und doch, einige haben sich wohl doch abschrecken lassen: „Wir wären zu fünft“, erzählt Andrea, die extra zum Karneval aus Hagen gekommen ist. „Aber drei Freundinnen haben Angst bekommen und sind nicht dabei.“ Und ja, es sei aus Angst gewesen, begrapscht zu werden. Sie selbst habe keine Angst: „Das ist alles Panikmache.“

Abgesehen davon: Ihre Verkleidung ist ein Pferd, das sie wie einen Rettungsring um die Hüfte trägt. „Wo soll da jemand grapschen?“

 

Blick auf Sexualdelikte

Jahr für Jahr verzeichnet die Polizei zwischen Weiberfasnacht und Rosenmontag rund 50 Anzeigen wegen Sexualdelikten, von Belästigung bis Vergewaltigung. Heuer wird man am Ende besonders genau schauen, ob und wie viele Vorfälle es gegeben hat. Und ob am Ende die Stadt und ihre Bewohner erleichtert Paragraf 3 des Kölschen Grundgesetzes zitieren dürfen: „Et hätt noch emmer joot jejange.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2016)