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Luft für die Mitte

Ein Wohn- und Geschäftshaus aus dem 16. Jahrhundert; dazu ein Revitalisierungskonzept, das zeigt, wie ein historischer Ortskern umsichtig an unsere Zeit angepasst werden kann. Und ein Einkaufszentrum, das trotz Glücksversprechen nicht zum langen Verweilen einlädt. Alles zu sehen in Ried im Innkreis.

Ried im Innkreis ist zu Recht stolz auf seine historische Innenstadt; und hat dennoch ein Problem mit seinen schmucken Bürgerhäusern, die, dicht gepackt, schmale Gassen säumen und malerische Plätze rahmen. Was den kulturbewegten Sinn erfreut, ist nach heutigen Vorstellungen von Komfort oder auch nur in der Erfüllung technischer Standards in hohem Grade mangelhaft. Ungenügender Lichteinfall, zu schmale Gänge, gefährlich steile Stiegen drücken Nutzungsqualität und Vermietbarkeit der Objekte bis zum Leerstand herab. Gleichzeitig schwebt über allen Städten, denen die Mobilität ihrer Bürger noch kein schlüssiges Konzept wert war, die Frage: wohin mit den Autos? Die Antwort darauf liegt gerade in Ried, dessen Kern auf Sumpfland errichtet und daher nur spärlich unterkellert wurde, nicht auf der Hand.

Herbert Schrattenecker, Architekt in Wien, ist der Region seiner Herkunft, dem Innviertel, mit ebenso unkonventionellen wie feinfühligen Bauten verbunden geblieben. Er entwickelte für eines der ältesten Gebäude von Ried, das seit 1598 urkundlich belegte Wohn- und Geschäftshaus Nimeth, ein Revitalisierungskonzept, in dem die Forderungen nach Funktionalität und Wirtschaftlichkeit eng mit Überlegungen zu Konstruktion, Raum, Licht, Stadtbild und den Ansprüchen des Denkmalschutzes verwoben sind. Das Objekt besteht aus zwei schmalen, am Hauptplatz gelegenen Häusern, die über einen gemeinsamen Innenhof belichtet wurden und mit ihren daran schließenden Hinterhäusern bis zur Kirchengasse reichten. Ab etwa 1900 wurde die Bausubstanz in mehreren Etappen zu einem geschlossenen, in seinem Inneren kaum noch belichteten oder belüfteten Volumen verdichtet, das zum Zeitpunkt des Kaufs durch seine heutige Eigentümerin leer stand. Nur die Geschäftsräume im Erdgeschoß waren vermietet: ein Umstand, auf den bei der Planung und während der Bauausführung naturgemäß Rücksicht genommen werden musste.

Heute fasst die Anlage neben dem Geschäftslokal mit seinen Nebenräumen zwölf Wohnungen mit Nutzflächen zwischen 60 und 180 Quadratmetern. Ihnen sind jeweils private Freiräume – Loggia, Garten oder Terrasse – und ein Garagenplatz zugeordnet. Herbert Schrattenecker hat dem Haus durch den Rückbau seines Volumens Luft verschafft. Die Obergeschoße gruppieren sich erneut u-förmig um einen Innenhof, während im Erdgeschoß das ursprüngliche Durchhaus an der westlichen Grundgrenze wieder vom Hauptplatz zur Kirchengasse führt. Ein historisches und ein neues, von einem Lift ergänztes Stiegenhaus erschließen von dieser Passage aus die offenen Laubengänge vor den Wohnungen. Da nahezu das gesamte Erdgeschoß und Teile des dem Hauptplatz zugewandten Traktes unter Denkmalschutz gestellt wurden, legte Herbert Schrattenecker die Garage in die Mitte des ersten Obergeschoßes; sie ist über eine Rampe von der Kirchengasse erreichbar.

Auch die historisierende, aus dem 20. Jahrhundert stammende Fassade zum Hauptplatz hin ist als Denkmal geschützt und musste erhalten werden. Sie bildet die ursprüngliche Zweiteilung der Bausubstanz ab, was im Bereich der Vorderhäuser mit ihrer erhaltenen einstigen Trennmauer durchaus den gebauten Tatsachen entspricht. Wesentlich spannender ist der Auftritt des Hauses zur Kirchengasse hin. Die Revitalisierung der Liegenschaft war nicht zuletzt konstruktiv eine große Herausforderung. Herbert Schrattenecker meisterte sie, indem er im Bereich der neuen Gebäudeteile ein Geflecht aus Balken und schlanken Stahlbetonrippen über die aus dem Bestand weitergeführten tragenden Mauern legte. Er bediente sich also einer leichten, robusten und im Grunde seit Jahrhunderten gebräuchlichen Technologie, die kleine Abweichungen in den Grundrissen gut kompensiert. Diese Struktur und mit ihr die Lage der Geschoße zeichnen sich durch helle horizontale Faschen an der Fassade ab.

Im Bereich der Garagenauffahrt und des Durchhauses an der westlichen Grundgrenzehält der Neubau bewusst Abstand zum Nachbarn und gibt über eine große Öffnung den Blick ins Innere des Hauses frei: Tageslicht fällt von oben in die historische Passage; neben der Rampe steigt das neue Stiegenhaus in die Höhe; und über dem Rhythmus der Decke ahnt man im Hintergrund das lichte Volumen des Innenhofes. Der Hof gibt dem Haus eine kommunikative Mitte, die von seinen Bewohnern auch für gemeinsame Aktivitäten genutzt wird. Mit seinen Laubengängen, Nischen, Balkons weckt er die Erinnerung an historische Beispiele, ohne sein Entstehungsdatum zu verschleiern. Die Wahl derMaterialien – weiß verputztes Ziegelmauerwerk, Naturstein und Holz für die Böden der Aufenthaltsräume – vermittelt ebensolche Gediegenheit wie die sorgfältig auf größtmögliche Schlankheit ausgelegten Details.

Die Bauherrschaft hat nicht gegeizt und legte die Ausführungsqualität auf Augenhöhe mit dem räumlichen Anspruch des Objektes an. Herbert Schrattenecker wiederum stellte dieser Großzügigkeit seinen nimmermüden Planungseinsatz zur Seite. Das Ausbilden feiner Putz-Hohlkehlen an den Rippendecken der Wohnungen, die Anordnung einer zweiten Türe zur Vermeidung eines unnötigen Weges, die diskrete Anpassung des denkmalgeschützten Stiegenhauses an geltende Sicherheitsstandards und das Öffnen kleiner, wirkungsvoller Tageslichtschneisen: Alle Maßnahmen sind von der Freude an den unerschöpflichen Möglichkeiten der Raumgestaltung getragen und von der Klugheit, sie mit Bedacht und Sparsamkeit einzusetzen.

Während das revitalisierte Stadthaus Nimeth als ein über die Stadtgrenzen von Ried hinaus vorbildhaftes Projekt zeigt, wie historische Ortskerne behutsam an die Bedürfnisse unserer Zeit angepasst werden könnten, ist etwa zeitgleich ein 22.000 Quadratmeter umfassender Komplex entstanden,der Bemühungen dieser Art lauthals spottet. Das neue, keine 500 Meter weit vom Hauptplatz entfernte Einkaufszentrum gibt sich nicht mit der euphemistischen Bezeichnung „Weberzeile“ zufrieden. Mit unverhohlenem Desinteresse hält es der Stadt auch noch ein paar die Kleinteiligkeit der Vergangenheit linkisch vortäuschende Fassadenstücke entgegen. Gleich daneben greift der Trichter seiner Glasfassade nach jenen Passanten, die der Unwirtlichkeit eines dem Auto zur Gänze preisgegebenen Straßenraumes trotzen. Das Wichtigste ist schließlich die Tiefgarage: 800 Plätze, für zwei Stunden gratis! „Alles, was glücklich macht“ lautete das Eröffnungsmotto im August. Ja dann. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2016)