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Neue Berge für Niederösterreich

Baustelle Nordbahnhof Wien 13 01 2016 Areal des ehemaligen Nordbahnhofes Groszbaustelle Wohnbau
Symbolbild Baustelle Nordbahnhofimago/SKATA
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Da in Wien viel gebaut wird, fällt viel Aushubschutt an. Deponien wollen aus dem Material nun Berge als Naherholungsgebiete formen. Naturschützer und Bürger wehren sich.

Keine Entwicklung ohne Konsequenzen. Wien ist die am schnellsten wachsende deutschsprachige Stadt in Europa – rund 43.200 Personen zogen 2015 nach Wien. Ein neuer Rekord: Im Jahr davor waren es noch rund 33.000 Personen, die sich in der Stadt niederließen. In den vergangenen Jahren wurden ganze Stadtteile aus dem Boden gestampft – wie Aspern, das Sonnwendviertel um den Hauptbahnhof oder auch das neue Viertel auf dem ehemaligen Nordbahnhof. Die Bauleistung geht rege weiter, jedes Jahr entstehen mehr als 10.000 Wohnungen – dafür braucht es Millionen Tonnen an Baumaterial. Abgebaut wird dieses zu einem großen Teil im Wiener Umland, wo es etliche Ziegel- und Schottergruben gibt – das Geschäft boomt.

Ein Gesetz besagt, dass diese Gruben dann wieder mit Material verfüllt werden müssen. Praktischerweise fällt bei jedem Bau meist auch Aushubmaterial an – etwa, wenn eine Tiefgarage oder ein Keller ausgehoben oder der Boden für ein Fundament geebnet wird. In Wien fällt allerdings derart viel Schutt an, dass es für die Unternehmer der Deponien im Wiener Umland zunehmend schwieriger wird, nur mit dem Verfüllen von Gruben auszukommen. In Gerasdorf und in Markgrafneusiedl will man darum nun Berge versetzen.

In Gerasdorf möchte die Firma Kovanda einen rund 40 Meter hohen Berg aus eben jenem Aushubmaterial errichten, der danach mit 5000 bis 8000 Bäumen und Sträuchern begrünt werden soll. Aus einem Abfallprodukt möchte man dort ein Naherholungsgebiet mit einer BMX-Bahn schaffen.

Ein ähnliches Projekt gibt es in Markgrafneusiedl – dort haben sich vier Unternehmer zusammengeschlossen, um den Marchfeldkogel zu errichten, der quasi die Verlängerung des Kleinen Wagram darstellen soll. „Ein Teil davon soll ein Naherholungsgebiet werden – im nördlichen Teil sollen Viehweiden und ein Vogelschutzgebiet entstehen“, sagt Matthias Reisner, Geschäftsführer der Errichtungsgesellschaft Marchfeldkogel zur „Presse am Sonntag“. Beide Projekte werden wohl erst in Jahrzehnten fertiggestellt sein – falls sie überhaupt genehmigt werden.


Umweltorganisationen protestieren. Derzeit regt sich dagegen nämlich massiver Widerstand – vor allem gegen den Marchfeldkogel. Bürgerinitiativen und Umweltorganisationen melden große Bedenken an. Es wird befürchtet, dass die Errichtung des Kogels zu einer massiven Feinstaubbelastung führt – einerseits durch die Verwehungen des Materials, andererseits durch den erhöhten Verkehr von Lkw, die das Material anliefern. Wolfgang Rehm von der Umweltorganisation Virus sagt: „Die Betreiber haben auf der Liste jener Stoffe, die hier deponiert werden sollen, mehrere angeführt, die giftig sind und normalerweise bei einem Bodenaushub gar nicht vorkommen.“

Das UVP-Verfahren wurde unterbrochen – die nächste Verhandlung wird Anfang des Sommers stattfinden, wenn die Ergebnisse der nun laufenden Feinstaubmessung vorliegen.

Auch in Gerasdorf regt sich Widerstand – auch hier hat man Angst davor, dass das Aushubmaterial verweht werden könnte. Erst vor Kurzem fand eine Bürgerbefragung zu dem Projekt statt, die negativ ausging: 17,5 Prozent stimmten für das Projekt, 82,5 Prozent dagegen. Die Wahlbeteiligung lag allerdings nur bei rund 30 Prozent. Der Betreiber der Deponie, Leopold Kovanda, wartet noch immer auf eine Entscheidung, ob er das Projekt nun durchführen darf oder nicht.

„Ich deponiere hier ja keinen Giftmüll oder sonstige schädliche Stoffe, sondern Erdaushub. Wir haben uns selbst strenge Auflagen gegeben, damit es zu keinen Verwehungen kommt“, sagt Kovanda zur „Presse am Sonntag“. Er wolle den Gerasdorfern ja nichts Schlechtes, immerhin wohne er auch im Ort. Er fordert eine politische Entscheidung. „Man will von uns, dass wir uns um das Material kümmern, aber niemand sagt uns, wohin damit. Wenn wir Vorschläge machen, passt es auch nicht.“ Seinen Betrieb gibt es seit 70 Jahren, er habe 100 Angestellte, die er weiter beschäftigen wolle und müsse. „Wir können den Schutt auch hundert Kilometer weiter fahren, wenn das besser ist“, sagt er. Die Projekte in Niederösterreich haben übrigens prominente Wiener Vorbilder: So ist etwa der Park in Oberlaa oder der Donaupark aus derartigen Deponien entstanden.

Vergangenheitsbewältigung. Die Vorsicht der Umweltorganisationen und Bürger könnte auch damit zu tun haben, dass man in Niederösterreich ein gebranntes Kind ist, was Deponien betrifft. Schon in den 1970ern und 1980ern wurde im Wiener Umland viel Material für den Bau abgebaut – wodurch viele Gruben entstanden. Aus manchen wurden die beliebten Baggerseen – andere wurden als illegale Müllplätze benutzt, Sperrmüll aus Wien und Wien-Umgebung wurde nicht sachgerecht entsorgt und danach zugeschüttet.

Da von manchen dieser Deponien Umweltgefahren ausgehen – etwa können giftige Stoffe in das Grundwasser eintreten –, werden sie nun systematisch erfasst und saniert. Weil aber der Grundwasserspiegel in den vergangenen Jahren tendenziell gestiegen ist, wird das zum immer größeren Problem. Die Grünen Niederösterreich wollen deshalb, dass Deponien generell weitgehend abgeschafft werden und zum Recyceln übergegangen wird. Die Partei hat bereits einen Antrag formuliert, der im niederösterreichischen Landtag eingebracht werden soll, mit dem Ziel, den Bund dazu zu bringen, Recycling verpflichtend und wirtschaftlich durchführbarer zu machen. Auch, weil die Grünen bereits von drei weiteren Kogeln wissen, die im Bezirk Gänserndorf entstehen sollen – einer 30 Meter, einer 17 Meter und einer noch unbestimmt hoch. „Deponieren ist aktuell einfach das bessere Geschäft, weil es günstiger ist“, sagt Helga Krismer, die im Antrag auch auf erhöhte Hürden für Deponien drängt.

Um jene Gebiete rund um Wien zu entlasten, die schon sehr viele Deponien haben, schlägt sie vor, in der niederösterreichischen Raumordnung Zonen festzuschreiben, in denen deponiert werden darf.

Auf einen Blick

Die Berge. In Markgrafneusiedl und in Gerasdorf sollen aus Erdaushub, der bei Baustellen in Wien anfällt, zwei Berge entstehen. Sie sollen begrünt werden und als Naherholungsgebiet dienen. Sie werden frühestens in 30 Jahren fertig sein. Laut den Grünen in Niederösterreich sind außerdem drei weitere Kogel im Bezirk Gänserndorf geplant.

Die Kritik. Bürger und Umweltschützer fürchten die Feinstaubbelastung – und dass doch giftige Stoffe entsorgt werden. Die Genehmigungsverfahren sind noch am Laufen und werden immer wieder beeinsprucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2016)