Eine Autobahn in den Kosovo soll zwei Brudervölker verbinden und der Wirtschaft Auftrieb geben. Doch der Nutzen des Milliardenprojekts ist höchst umstritten.
Tirana. An salbungsvollen Worten ließ es der alte – und vielleicht auch neue – Premier Albaniens im Wahlkampf nicht mangeln. Der „Korridor der Nation“ werde sich als „Eckstein des modernen Albanien“ erweisen, verkündete Sali Berisha, bevor er knapp vor der Parlamentswahl am letzten Sonntag vor tausenden jubelnden Anhängern eine einzige Spur vom ersten Teilstück der neuen Autobahn zwischen der Hafenstadt Durres und der Kosovo-Hauptstadt Prishtina einweihte.
Die Autobahn sei „ein Korridor der Freundschaft und des Friedens“. Sie werde nicht nur Albanern, sondern auch Mazedoniern, Serben, Bosniern „und allen anderen“ dienen: „Der Korridor wird uns helfen, die Visionen zu verwirklichen, die wir heute nicht sehen, und die Höhen zu erreichen, die wir uns verdient haben.“
Tatsächlich ist die Realisierung des Jahrhundertprojekts bis 2011, quer durch bislang unzugängliche Berggebiete, ein beispielloser Kraftakt für das immer noch recht isolierte Reich der Skipetaren. Der Bau der 170 Kilometer langen Autobahn bis zum Grenzübergang Morini, der die Fahrt von der albanischen Adria nach Prishtina von zehn auf drei Stunden verkürzen soll, wird ein Zehntel des Sozialprodukts verschlingen. Die Gesamtkosten sind mittlerweile auf 1,1 Milliarden Euro geklettert.
Kein Handel, kein Impuls
Allein das 61 Kilometer lange Teilstück durch die jahrhundertelang fast unerreichbare Bergregion Mirdita erforderte 29 neue Brücken und einen 5,8 Kilometer langen Tunnel durch den 1858 Meter hohen Berg Runes. „Wir leben heute unsere wildesten Träume aus“, verkündete Berisha beim Tunneldurchbruch Ende Mai.
Die Autobahn soll die ohnehin engen Bande zwischen den beiden Bruderstaaten weiter stärken. Allerdings dürften vor allem die Kosovaren von ihr profitieren. Durch sie erhält der schwächelnde Staatenneuling einen direkten Anschluss ans Meer – und verfügt bei anhaltender Blockade des schmollenden Ex-Mutterlandes Serbien über eine logistische Alternative für den Warentransport.
Zehntausenden Kosovaren wird die neue Straße die jährliche Urlaubsfahrt an die albanische Adria erheblich erleichtern. Auch Albaniens strukturschwachem Norden kommt die Autobahn zugute. Doch sollten die Impulse, die eine neue Verbindung der Wirtschaft geben kann, nicht überschätzt werden, warnt Shpend Ahmeti, Direktor des GAP-Instituts in Prishtina: „Der Warenaustausch ist minimal. Die Albaner exportieren nicht viel, wir exportieren nicht viel. Solange wir nicht wettbewerbsfähiger sind, können wir kaum mit etwas handeln.“
Doch die von den heimischen Medien ausführlich verbreitete Kunde vom Jahrhundertprojekt hat zumindest Albaniens Öffentlichkeit elektrisiert. Von Tirana machen sich Wochenendausflügler gen Norden auf, um die Baustelle der sagenhaften Bergpiste zu bestaunen.
Dubiose Auftragsvergabe
Dabei ist die Geschichte des Projekts jetzt schon mit Skandalen gepflastert. Für den schwierigsten Teilabschnitt verpflichtete Tirana 2005 das türkisch-amerikanische Konsortium Bechtel-Enka. Einiges soll bei der Auftragsvergabe nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Im November leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den früheren Transport- und heutigen Außenminister Lulzim Basha wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs ein.
Dem Staat sei, zum Vorteil von Bechtel-Enka, ein dreistelliger Millionenschaden entstanden. Aber Ende April, rechtzeitig vor der Parlamentswahl, wurden die Ermittlungen wegen Formfehler vorläufig eingestellt.
„Das ist das Ende der Verschwörung gegen die Autobahn“, reagierte Premier Berisha erfreut. Doch der wirtschaftliche Nutzen der Piste bleibt in Albanien umstritten, vor allem der hohen Kosten wegen. Sicherlich brauche Albanien eine Straße in den Kosovo, „aber keine, die ein Zehntel des Sozialprodukts verschlingt“, ärgert sich der Wirtschaftsjournalist Gjergj Erebara. Die Autobahn werde als „Bestandteil des Nationalstolzes“ gesehen, ihre Folgekosten würden aber kaum realisiert: „Diese Straße führt nirgendwo hin. Und wir werden noch jahrzehntelang für sie bezahlen müssen.“
Auf einen Blick
■Von der Adria nach Prishtina im Kosovo in nur drei Stunden: Das soll bis 2011 eine Autobahn ermöglichen. Die Trasse durch fast unbewohntes Gebirge kostet dem armen Albanien zehn Prozent des BIPs. Der Nutzen ist fraglich: Es gibt kaum Handel, weil beide Länder wenig zu exportieren haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2009)