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Pflegewohnhäuser: Ex-KAV-Direktor kritisiert Kürzungen

In Wiener Pflegewohnhäusern soll künftig in der Nacht nur ein Arzt im Dienst sein.
In Wiener Pflegewohnhäusern soll künftig in der Nacht nur ein Arzt im Dienst sein.Die Presse
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Die geplante Reduktion der Nachtdiensträder von zwei Ärzten auf einen geht Roland Paukner zufolge auf Kosten der Qualität in der medizinischen Versorgung.

Wien. Zehn Jahre lang war Roland Paukner Direktor der Teilunternehmung Geriatriezentren und Pflegewohnhäuser im Krankenanstaltenverbund (KAV), ehe er im April vergangenen Jahres in die Pension verabschiedet und von Susanne Drapalik abgelöst wurde. Es sollte nicht lang dauern, bis diesen Wechsel auch die Belegschaft der Pflegewohnhäuser sowie die Patienten zu spüren bekommen.

Denn wie „Die Presse“ berichtete, wird es ab März im Zuge von Sparmaßnahmen statt zwei Nachtdiensträdern nur noch einen Arzt geben, der in der Nacht – üblicherweise zwischen 13 und acht Uhr – für alle Patienten zuständig ist. Betroffen davon sind die Pflegewohnhäuser Rudolfsheim-Fünfhaus, Baumgarten, Liesing, Leopoldstadt sowie Simmering – jene größeren Häuser mit mehreren Hundert Bewohnern also, die derzeit noch zwei Ärzte im Nachtdienst haben.

Drapalik rechtfertigt die Kürzung der Nachtdiensträder damit, dass für die Versorgung der Bewohner in der Nacht eine doppelte Besetzung nicht notwendig sei – das hätten Evaluierungen gezeigt. Zudem werden die Ärzte in Pflegeheimen angehalten, ihre Überstunden deutlich zu reduzieren. Künftig sind pro Mediziner höchstens acht Überstunden im Monat erlaubt. Darüber hinausgehende Stunden sollen nur in Ausnahmefällen, etwa bei Langzeitkrankenständen, bewilligt werden.

 

„Eindeutiger Einsparungswille“

Eingeführt wurden die doppelten Nachtdiensträder einst auf Bestreben von Paukner, der ihre Notwendig bis heute verteidigt. „Hinter der Reduktion der Dienste steckt ganz eindeutig ein Einsparungswille ohne Rücksicht auf Qualitäten, der von der KAV-Generaldirektion ausgehende Druck ist enorm“, sagt der Allgemeinmediziner, der eine Ordination in Ottakring betreibt. „Zwei Ärzte in der Nacht wurden seitens des KAV schon immer als Luxus empfunden. Dabei habe ich mich damals dafür eingesetzt, weil die Belastung für nur einen Arzt unzumutbar war. Wir sprechen hier von bis zu 300 teilweise schwer kranken Patienten.“ Die Pflegewohnhäuser würden für sich zudem eine adäquate Palliativversorgung beanspruchen, die man nur dann aufrechterhalten könne, wenn ein Arzt rasch verfügbar sei und nicht erst von außen gerufen werden müsse.

„Zudem wissen wir aus Studien, dass bei älteren kranken Menschen ein Milieuwechsel, also die Einlieferung in ein Krankenhaus, zu Verwirrung, Unruhe und bleibender Verschlechterung des Allgemeinzustandes führen kann und nach Möglichkeit vermieden werden sollte“, betont Paukner. „Natürlich gibt es Situationen, die eine umgehende Überweisung in ein Akutspital erfordern, aber die meisten Probleme sind in den Pflegewohnhäusern zu lösen.“

Scharfe Kritik an den geplanten Kürzungen kam auch von der Wiener Ärztekammer. „Doppelte Nachtdiensträder wurden nicht ohne Grund eingeführt. Eine gute medizinische Versorgung ist essenziell für Pflegeheime, denn hier werden kranke bis schwer kranke Menschen, teilweise sogar Wachkomapatienten, behandelt“, sagt Kammerpräsident Thomas Szekeres. Pflegeheime seien keine Pensionistenheime. Bei einer Reduktion der Nachtdiensträder sei die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen deutlich höher.

Die logische Folge seien mehr Überstellungen in Spitalsambulanzen – was wiederum den Trend zu mehr Akut- und weniger Pflegebetten verstärken würde. Seiner Meinung nach führt diese Maßnahme daher nicht zu Kosteneinsparungen: „Im Gegenteil, durch häufigere Überstellungen würden die Kosten eher steigen.“

Auch die Anweisung zur Reduktion von Überstunden hält Szekeres für „kontraproduktiv“. Überstunden würden schließlich nicht „aus Jux und Tollerei“ gemacht, sondern aus einer Notwendigkeit heraus. Roland Paukner habe all das erkannt und in seiner Amtszeit sehr erfolgreich zehn neue Pflegewohnheime in Wien errichtet. Damit sei er verantwortlich für „das beste Projekt in Jahrzehnten“.

 

„Strukturreformen fehlen“

„Ich bin für jede kreative Umstrukturierung zur Kostensenkung zu haben, solange sie nicht auf Kosten der Qualität der medizinischen Versorgung geht“, sagt Paukner. „Die Finanzierbarkeit muss natürlich erhalten bleiben, wenn das System zusammenbricht, hat keiner was davon.“

Nur müssten Einsparungen mit Strukturreformen wie beispielsweise der Entlastung der Ärzte durch das diplomierte Pflegepersonal einhergehen, das ihnen Aufgaben im mitverantwortlichen Bereich abnehmen kann, wie etwa Blut abnehmen, Infusionen anhängen und Blutdruck messen. Das diplomierte Pflegepersonal müsse seinerseits von hauswirtschaftlichen Tätigkeiten entlastet werden – so wie die gesamte Belegschaft von überbordender Bürokratie. „Aber diese Reformen passieren derzeit nicht, daher ist die Qualität der Versorgung gefährdet.“

ZUR PERSON

Roland Paukner war zehn Jahre lang Direktor der Geriatriezentren und Pflegewohnhäuser im Wiener Krankenanstaltenverbund, ehe er im April vergangenen Jahres von Susanne Drapalik abgelöst wurde. Die von Paukner eingeführten doppelten Nachtdiensträder in großen Pflegewohnhäusern sollen nun abgeschafft werden, was seiner Meinung nach auf Kosten der Qualität in der medizinischen Versorgung geht. [ KAV/Petra Spiola ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2016)