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Analyse: Abwehrrakten als Exportschlager?

Möglicherweise bald auf US-Stützpunkten in Südkorea zu finden: eine mobile Thaad-Abschussvorrichtung.(C) Lockheed Martin
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Nordkoreas jüngster Raketentest öffnet möglicherweise die Schleusen für die Installierung von US-Raketensystemen in Südkorea und Japan.

Seoul/Wien. War es der für die in Nordkorea herrschende kommunistische Kim-Dynastie so typische Größenwahn, gepaart mit völligem politischem Realitätsverlust? Oder war es eine ganz bewusste Provokation aus geostrategischem Kalkül? Der neuerliche Test einer Langstreckenrakete (Kwangmyongsong-4) am Wochenende hat jedenfalls ganz Ostasien in helle Aufregung versetzt – mit möglicherweise gravierenden Folgen.

Die erste davon ist: Südkorea und die USA wollen so rasch wie möglich mit formellen Gesprächen über die Stationierung des Raketenabwehrsystems Thaad (Terminal High Altitude Area Defence) beginnen. Aber auch in Japan kommt die Debatte über die Anschaffung des Systems nun in Gang. Der Volksrepublik China passt das ganz und gar nicht.

Die Regierung in Seoul hatte bisher die schon seit Längerem laufende Debatte über eine Installierung des Raketenabwehrsystems stets mit drei Nein abgewürgt: Es gebe kein Gesuch der USA in dieser Angelegenheit, es gebe deshalb keine Verhandlungen darüber, also sei auch noch keine Entscheidung gefallen. Grund für die drei Nein war Rücksichtnahme auf China, einen Haupthandelspartner der Südkoreaner.

 

Parks vergebliche Hoffnung

Die südkoreanische Staatspräsidentin, Park Geun-hye, bemüht sich seit ihrem Amtsantritt, 2013, redlich um gute Beziehungen zu Peking – wohl auch, weil sie gehofft hat, die Volksrepublik werde einen mäßigenden Einfluss auf das unberechenbare Nordkorea ausüben: Eine vergebliche Hoffnung, wie sich immer wieder herausstellt.

Nordkorea provoziert den Süden immer wieder an der innerkoreanischen Grenze. Am 6. Jänner testete es angeblich eine Wasserstoffbombe, am vergangenen Sonntag schoss es trotz Warnungen von allen Seiten eine Langstreckenrakete ins Weltall – angeblich, um dort einen Satelliten zu stationieren. Die USA und ihre ostasiatischen Verbündeten sind indes überzeugt, dass das Kim-Regime eine Langstreckenrakete getestet hat, die künftig einmal als Atomwaffenträgersystem dienen soll.

Genau die jetzige Enttäuschung der Südkoreaner über China und die wohl unvermeidliche Abkühlung der bilateralen Beziehungen, wenn Seoul der Stationierung einer US-Raketenabwehr zustimmt, ist aber möglicherweise das, was die Kim-Diktatur mit ihrem Test bezweckt haben könnte.

Der wachsenden Raketenbedrohung aus Nordkorea soll mit Thaad begegnet werden (das System soll anfliegende Raketen mittels eines Abfanggeschosses durch die kinetische Energie des Zusammenpralls in einer Flughöhe zwischen 40 und 150 Kilometern zerstören). Als mögliche Stationierungsorte für Thaad-Systeme sind US-Militärstützpunkte in Südkorea im Gespräch. Immerhin haben die USA nach wie vor 29.000 Soldaten in Südkorea stationiert. Auch aus diesem Grund drängten hohe amerikanische Militärs schon seit Längerem auf eine Stationierung des Systems.

 

Japan überlegt jetzt auch

Eine Thaad-Batterie besteht aus sechs mobilen Abschussrampen für 48 Abfangraketen sowie einem Radar- und Feuerleitsystem. Eben dieses Radarsystem (18.000 Kilometer Reichweite) dürfte den Widerstand Chinas und auch Russlands gegen Thaad befeuern, weil mit ihm die USA imstande sein werden, weit in den Raum der beiden Staaten hineinzublicken. Südkorea und Japan haben bereits Patriot-Raketenabwehrsysteme in ihren Arsenalen. Die Regierung in Tokio, der das nordkoreanische Raketenprogramm nicht weniger Kopfzerbrechen bereitet als Seoul, denkt seit dem Wochenende auch intensiver über die Anschaffung des Thaad-Systems nach. Verteidigungsminister Gen Nakatani unternahm bereits im vergangenen Herbst einen entsprechenden Vorstoß, Kabinettssekretär Yoshihide Suga erklärte allerdings am Montag, derzeit gebe es keine entsprechenden Pläne.

Aber das nordkoreanische Raketenfeuerwerk vom Sonntag war möglicherweise auch der Startschuss für das große militärische Umdenken in der Region.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2016)