Echte Paulus-Gebeine, falsches Jesus-Grabtuch? Immer öfter entscheidet ein radioaktives Kohlenstoffatom über die „Richtigkeit“ religiöser Überlieferung.
Drei Jahre ist es her, dass unter der Kirche San Paolo fuori le Mura, wo seit fast zwei Jahrtausenden das Grab des Paulus verehrt wurde, der 500 Jahre lang verschollene Sarkophag gefunden wurde. Und viele Gläubige werden wohl eine leichte Gänsehaut verspürt haben, als Benedikt XVI. am vergangenen Wochenende die wissenschaftliche Neuigkeit verkündete: Der in diesem Sarg bestattete Mensch, das verraten Knochenpartikel, lebte im ersten oder zweiten Jahrhundert n. Chr. Das muss nicht Paulus sein – aber könnte.
Was ist das größere Wunder? Dass Reste des Apostels möglicherweise heute noch unter uns sind – oder dass Menschen aus winzigen organischen Überresten herauslesen können, wie alt diese sind? Der radioaktive Kohlenstoff 14C macht's möglich, er kommt in allen Lebewesen vor und verringert sich nach deren Absterben mit einer bestimmten Zerfallsrate. So lässt sich vom 14C-Gehalt auf den Todeszeitraum schließen – je jünger die Probe, desto genauer das Ergebnis. Auf diese Weise wurden beispielsweise die ältesten bekannten Fußspuren der Menschheit (jene von Acahualinka, 6000 Jahre), die älteste bekannte Höhlenmalerei (Chauvet-Höhle, 33.000–30.000 Jahre) und jüngst die älteste bekannte Keramik der Welt (China, 18.000 Jahre) datiert.
Als der Amerikaner Willard F. Libby nach dem Zweiten Weltkrieg seine Methode der Radiokarbondatierung entwickelte, wusste man bald, mit welch revolutionärer Entdeckung man es zu tun hatte. Libby erhielt 1960 den Nobelpreis für Chemie – selten habe eine Entdeckung in diesem Fach eine derartige Auswirkung auf so viele Bereiche menschlichen Denkens gehabt, hieß es damals. Die Religion bleibt davon nicht unbehelligt. Immer wieder verwenden Wissenschaftler die 14C-Methode, um im Alten Testament überlieferte Ereignisse auf ihre historische „Richtigkeit“ zu überprüfen.
„Keine Posaunen vor Jericho“, verkündete etwa der israelische Archäologe Israel Finkelstein 2002 und stellte damit einen israelischen Gründungsmythos in Frage. Seine These: Es gab nie eine kriegerische „Landnahme“ in Kanaan, diese sei ein „klassischer literarischer Ausdruck der Sehnsüchte und Fantasien eines Volkes“. Denn Jericho wurde um 1550 v.Chr. durch eine Feuersbrunst zerstört. Im 13.Jahrhundert v.Chr., als sich nach der gängigen Ansicht die Israeliten in Kanaan ansiedelten, existierte die Stadt gar nicht mehr.
Kaum je hat sich die Kirche dazu durchgerungen, Reliquien mit der 14C-Methode zu untersuchen. Die vermeintlichen Gebeine des Petrus etwa, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in einem Grab unterhalb der Peterskirche gefunden wurden, wurden zwar auf Alter und Geschlecht der bestatteten Person hin untersucht – ein Mann in den Sechzigern –, aber nicht auf ihr absolutes Alter. Schon deshalb ist die Untersuchung der vermeintlichen Paulus-Knochen bemerkenswert. Ungewöhnlich ist auch, dass eine wissenschaftliche Reliquienanalyse die Überlieferung stützt, statt sie zu widerlegen.
Schweißtuch aus dem Mittelalter
Das sogenannte Schweißtuch von Oviedo in Spanien – ein blutbeschmiertes Leinentuch, das, so die Legende, um den Kopf des bestatteten Jesus gelegt war – hat sich dagegen in der Radiokarbondatierung als frühmittelalterliches Artefakt erwiesen.
Furore machte aber vor allem die 14C-Analyse einer anderen „Jesus-Reliquie“: des Grabtuchs von Turin.Es zeigt ähnlich wie ein fotografisches Negativ die Vorder- und Rückseite eines Gekreuzigten. Drei Wissenschaftlergruppen in der Schweiz, den USA und England untersuchten 1988 unabhängig voneinander winzige Proben des Stoffs – und kamen zum selben Ergebnis: Das Tuch stammt nicht aus der Zeit Jesu, es wurde im Mittelalter angefertigt, zwischen 1260 und 1390 n.Chr. „Das Ende einer Legende“, titelte „Die Zeit“. Doch die Legende lebte weiter, nicht zuletzt, weil viele Fragen offenbleiben. So zeigt das Tuch Details einer Kreuzigungspraxis – wie etwa Nägel oberhalb der Handgelenke statt durch die Handflächen –, die erst durch die moderne Archäologie überliefert sind und in der mittelalterlichen Ikonografie unbekannt war. Und bis heute ist nicht geklärt, auf welche Weise das Bild auf dem Tuch entstanden ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2009)