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Iran macht Jagd auf kritische Journalisten

Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad lässt kritische Journalisten reihenweise ins Gefängnis werfen.
(c) Reuters (Raheb Homavandi)
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Aus Journalisten und Politikern wurde Freiwild, das ohne Angaben von Gründen hinter Gitter gesperrt wird. Ein Besuch in der Zeitung "Etemade Melli", der letzten Zufluchtsstätte kritischer Geister.

Teheran. Um acht Uhr beginnt Koroush seinen Rundruf. Jeden Morgen klingelt er bei seinen Freunden und Kollegen an und fragt, ob sie noch alle wohlauf sind. Heute ist der Redakteur erleichtert, vergangene Nacht hat es niemanden erwischt, niemand ist für unbestimmte Zeit im Trakt 209 des Evin-Gefängnis verschwunden. Wortkarg sitzt der schlanke 28-Jährige in einem Großraumbüro der Zeitung „Etemade Melli“ („Nationales Vertrauen“) in der Straße Karimkhan im Stadtzentrum Teherans.

Sie ist eine der wenigen liberalen Zeitungen des Landes. Der Reformer und Präsidentschaftskandidat Mehdi Karroubi gründete sie vor fünf Jahren. Während des Wahlkampfs diente sie dem geistlichen Präsidentschaftskandidaten als nützliche Werbepostille. Heute ist sie mehr als das.

In den vergangenen Wochen wurde „Etemade Melli“ zu einer Art Zufluchtsstätte kritischer Geister. Nicht umsonst schickt das Kulturministerium seine Männer in ihre Druckereien, um im letzten Augenblick die Titelseite des Reformerblattes zu verändern. Nur hier werden noch die Namen der Inhaftierten täglich auf der letzten Seite veröffentlicht, die Botschaften der Oppositionspolitiker in Kurzmeldungen unters Volk gebracht und gelegentlich Fotos der Demonstrationen gedruckt. Viele fragen sich, wie lange noch.

 

Journalisten-Ikone verhaftet

Erst vor zwei Wochen wurde Chefredakteur Mohammad Ghoochani festgenommen. Um zwei Uhr morgens standen plötzlich die Männer des Informationsministeriums vor seiner Haustür und führten den 34-Jährigen ab. Ghoochani gilt als Ikone des iranischen Journalismus. Ein scharfer Analytiker, der in allen Publikationen, in denen er arbeitete, alles riskierte, ohne die rote Linie zu überschreiten.

Wenige Stunden vor seiner Festnahme hatte Koroush mit ihm noch an der Titelseite gebastelt. Bedrückt blickt er zu seinen Kollegen am Nebentisch. Es sind junge Männer und Frauen, die er seit Jahren kennt. Immer wieder haben sie ihren Arbeitsplatz verloren, weil das Revolutionsgericht befand, dass die Zeitungen, in denen sie schreiben, nicht systemkonform genug seien. Wie lange noch werden sie hier sitzen können und sich gegenseitig Mut zusprechen, wenn wieder ein Journalist geschnappt wurde?

 

Die Angst der Redakteure

„Am meisten Angst habe ich davor, dass sie mich vor den Augen meiner Familie festnehmen“, sagt Koroush apathisch. Niemand hatte nach dem Wahltag am 12. Juni damit gerechnet, dass das Regime so rigoros gegen seine Gegner vorgeht. Binnen weniger Stunden wurde aus Politikern und Journalisten Freiwild, das ohne Angaben von Gründen hinter Gitter kam.

Dieser Tage werden die ersten Inhaftierten im staatlichen Fernsehen vorgeführt. Scheinbar gelassen geben sie zu Protokoll, dass sie von langer Hand eine samtene Revolution unter ausländischer Federführung geplant hätten.

Weit können sich die Redakteure der „Etemade Melli“ nicht aus dem Fenster lehnen. Gerade wurde wieder der stellvertretende Chefredakteur vom Informationsministerium vorgeladen, um die Rahmenbedingungen seiner Arbeit abzustecken. Seit Stunden ist er dort. Viele Redakteure vermuten bereits, dass sie auch ihn abgeführt haben.

Die Journalisten wirken aufgekratzt. Bis vor Kurzem haben sie noch gelacht über die Anhänger von Präsident Mahmoud Ahmadinejad, wenn sie Parolen vor der Eingangstür der Zeitung geschrien und die aufgehängten Seiten von der Hauswand gerissen haben.

 

„Jetzt erst recht“

Am Tag nach der Verhaftung von Chefredakteur Ghoochani übernahm der 30-jährige Ardeshir die Leitung der Zeitung. Mit seinen 30 Jahren gehört er fast schon zum alten Eisen der Redaktion, seit zehn Jahren arbeitet er mit Ghoochani Seite an Seite. Sein Credo: „Jetzt erst recht. Die Zeitung muss erscheinen, komme, was wolle.“

Doch dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie seine Zeitung zusperren, ist auch ihm klar. Da nützen auch die Ermunterungsversuche des Geistlichen Karoubi nichts, der an diesem Tag seinen Redakteuren einen Besuch abstattet. Wie ein Vater spricht er ihnen Mut zu, lobt sie für ihre Arbeit.

Doch die Angst kann er den Journalisten nicht nehmen. Jeden Tag beobachtet Ardeshir, welche Autos morgens und abends vor seiner Haustür stehen und welche Gestalten ihn womöglich am Heimweg von der Redaktion verfolgen könnten. Tagelang hat er nicht zu Hause übernachtet – aus Angst, man könnte ihn dort überraschen und festnehmen.

Irgendwann war er die Angst leid: „Man kann sein Leben nicht nach ihren Spielregeln richten“, schnaubt er. Hoffnung, dass die Massenproteste Irans Kurs verändern könnten, haben die Redakteure der „Etemade Melli“ kaum.

Doch etwas haben sie bewirkt. Irans Ruf ist endgültig ruiniert. Bilder von Toten und verprügelten Männern und Frauen lassen sich nur schwer schönreden. Und zumindest eines haben die Massendemonstrationen gezeigt: Dass die Iraner etwas riskieren und nicht alle vom selben Schlag sind.

Zurzeit sind Ardeshirs Gedanken bei seinem inhaftierten Chefredakteur Mohammad Ghoochani. Er besinnt sich auf ein Sprichwort, das in der islamischen Republik seit 30 Jahren gültig ist: „Sobald du nur ein bisschen wächst, schneiden sie dir entweder den Kopf oder die Füße ab. Hoffentlich sind es bei Mohammad nur die Füße.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2009)