Nicht nur »ganz nett«, sondern essenziell: Warum unkonventionelle Zugänge ökonomisch wertvoll sind, Design sich bezahlt macht – und was sich hierzulande tut.
Dieses Jahr gehört den Ideen. Das sagt die EU – immerhin hat sie 2009 als „Jahr der Kreativität und Innovation“ ausgerufen, die Wirtschaftskammer Österreich („Das Beschäftigungswachstum der Kreativwirtschaft ist doppelt so hoch wie das der Gesamtwirtschaft“) und vor allen Dingen die Wirtschaftslage selbst. „Manager müssen mit Wandel klarkommen, flexibel sein, da reicht die klassische Ausbildung in Finanzen und Co nicht mehr“, sprach sich etwa Danica Purg bei der „IncrediblEurope Summit“ in dieser Woche in Wien für mehr Kreativität in den Chefetagen aus.
Die Gründerin der slowenischen „Bled School of Management“ bildet mit Unterstützung von Kunst und Musik „Inspirational Leaders“ heran, „nicht bloß Manager“, sagt sie. Und auch die Experten beim KarriereTalk „Strategien für die neue Real-Ökonomie – Was Manager von Kreativen lernen können“ der „Presse Karrieren“ waren sich Montagabend einig: Kreativität kann nicht nur nicht schaden, sondern ist wohl die einzige Chance, aus der Krise Potenzial zu schöpfen. „Wenn beim Dreh etwas Unvorhergesehenes passiert, zum Beispiel Regen, wenn Sonnenschein im Skript steht, habe ich mir angewöhnt, mich selbst zu fragen: Was nützt mir das? – So entsteht aus einem scheinbaren Problem Neues“, erzählte etwa Götz Spielmann.
Der Drehbuchautor und Regisseur (Oscar-Nominierung für „Revanche“) ist überzeugt, dass Kreativität etwas Angeborenes, allerdings in unseren Breiten gleichzeitig Aberzogenes ist. „Doch die Kontrolle ist eine Illusion, und Kreativität ein lebendiges Grundprinzip.“ Und was macht die Ökonomie daraus? Innovationsforscher Robert Bauer von der Johannes-Kepler-Uni Linz gab zu bedenken, dass Wirtschaft und Kreativität nicht so einfach zueinanderpassen.
„Kreativität besticht durch die ständige Suche nach Neuem. Die Wirtschaft will keine Innovationen, solange sie mit dem Bestehenden Gewinne macht“, so Bauer. Lediglich die Konsumenten würden regelmäßig Frisches fordern. „Und der Innovationsdruck wird immer stärker.“ Deshalb setze sich auch eine eigene Strömung damit auseinander, dass Unternehmen als Ganzes wie ein Designer agieren, erklärte er. „Das bedeutet, erfinderisch zu sein, etwa hierarchisch flexibel zu agieren und die Zügel locker zu lassen, aber nicht die Kontrolle zu verlieren.“
Platz zum Denken
Als Kuratorin der Vienna Design Week hat Lilli Hollein schon umfassende Erfahrungen damit gemacht, was es heißt, wenn kreative Köpfe auf althergebrachte Unternehmerdenkmuster prallen. Offenheit ist für sie alles: „Wenn Firmen Neues schaffen wollen, sich aber im Endeffekt doch nicht trauen, kommt nichts zustande. Die erstaunlichsten Dinge entstehen, wenn die Designer bestimmen, fern von jeder Vorgabe. Das bringt Unternehmen deutlich voran, auch gedanklich“, so Hollein. Was dann passiert, wird Anfang Oktober wieder bei den jährlichen „Passionswegen“, Kooperationsprojekten zwischen jungen Designern und Wiener Traditionsbetrieben, sichtbar. Oder auch am Herd. Julian Riess, Chef eines der ältesten Familienunternehmen des Landes, Riess Email, hat längst „Junge Wilde“ mit dem Topf-Design beauftragt. Er gibt zu, dass dies aus der Not heraus passierte: „Wir sind nicht vom Fleck gekommen.“ So kreierte das Designerduo Polka etwa „einen Topf mit 16 Henkeln – das war dann eher ein Ausstellungsstück“, so Riess. Derzeit entwerfen die Designerinnen von „Dottings“ für Riess.
„Kreativität ist eine ureigene Unternehmeraufgabe“, sagt Riess, „und in der Zusammenarbeit sind neue Denkansätze entstanden. Das ist gut fürs Team. Unsere Organisation verändert sich auch durch die Designer. Man muss es nur zulassen.“ Die Wirtschaftskammer geht mit gutem Beispiel voran und hat „aus einer spinnerten Idee von unserem Chef heraus“, so Generalsekretärin Anna Maria Hochhauser, ein Architekturhighlight entstehen lassen.
Nicht zufällig begrüßte Ressortleiterin Johanna Zugmann ihre Diskussionsgäste diesmal in der Skylounge der WKO. Hoch über den Dächern Wiens fühlen sich Freigeister eben am wohlsten.
„Die Creative Industries in Österreich erwirtschaften 20 Milliarden Euro jährlich, das sind fünf Prozent des BIPs“, ließ Hochhauser aufhorchen. Die Wirtschaftskammer will den Kreativstandort Österreich definitiv ausbauen und hat dafür Portale entwickelt. „Design ist ein Erfolgsfaktor, siehe Swarovski, Backhausen oder Rosenbauer Löschfahrzeuge“, so Hochhauser. Die gute Nachricht von Spielmann: „Kreativität ist eine Geisteshaltung.“ Und die andere von Bauer: „Was man braucht, ist Mut.“
www.creativespace.at Auf dieser Plattform vernetzen sich traditionelle Betriebe mit den Creative Industries. www.creativwirtschaft.at Kompetenzzentrum für Kreative, das, eingebettet in die WKO, die Interessen der Kreativwirtschaft wahrt. www.jungewirtschaft.at/innovationsmonitor Hier wird weltweit rund um die Uhr über neue Produktideen berichtet. Trendforscher geben zudem Tipps zur Umsetzung im Betrieb.